26.10.2007 · Einst galt die Verbindung der SPD zu Kultur und Wissenschaft als sozialdemokratische Stärke. Doch viele Kulturmenschen haben sich von der Partei entfremdet. Frankfurts Parteichef Grumbach hat das Problem erkannt: „Ohne Kultur ist die SPD nichts.“
Von Hans RiebsamenOhne Kultur ist alles nichts. Dieser Satz ist Programm für Gernot Grumbach, den Frankfurter SPD-Chef und Vorsitzenden der SPD Hessen-Süd. Er hat ihn als Überschrift über die erste Veranstaltung einer neuen Diskussionsreihe gestellt. Der erste Gast hieß Julian Nida-Rümelin, und der frühere Kulturstaatsminister ist das, was der SPD nicht nur in Frankfurt und Hessen so dringend fehlt: ein Kulturpolitiker, der diesen Namen auch verdient.
Während die SPD vor vielen Jahren noch eine schmucke Riege von kulturellen Bannerträgern vorweisen konnte – man denke nur an die Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann (Frankfurt), Hermann Glaser (Nürnberg) und Kurt Hackenberg (Köln) –, muss man heute schon ein Teleskop benutzen, um unter den Genossen eine vorzeigbare Kulturautorität zu entdecken.
Nichtwähler zurückgewinnen
Die enge Verbindung zur Kulturszene und zur Wissenschaftlergemeinde war zu sozialliberalen Zeiten eine Stärke der Sozialdemokraten. Aber von den Scharen an Intellektuellen, die einst offensiv für die SPD eintraten, sind nicht mehr viele übrig geblieben. Diese Entfremdung der SPD – der Politik überhaupt – von der Kultur und der Wissenschaft ist nach Meinung Grumbachs einer der Gründe für die derzeitige Schwäche der Sozialdemokratie. Denn die SPD braucht nach seiner Ansicht beide an ihrer Seite: die Arbeitnehmerschaft und das „aufgeklärte Bürgertum“. Mit der Verlängerung des Arbeitslosengeldes für Ältere hoffen Grumbach, die SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti und ihre Mitstreiter, die ins Lager der Nichtwähler abgewanderte, traditionelle Klientel aus Arbeitern und kleinen Angestellten zurückgewinnen zu können. Für eine neue Verbindung von Politik und Kultur, für die Rückeroberung der Intellektuellen und Kulturmenschen also, haben sie dagegen noch kein schlüssiges Konzept.
Doch zumindest hat Parteichef Grumbach das Problem erkannt, das in Abwandlung der obenerwähnten Überschrift lautet: „Ohne Kultur ist die SPD nichts.“ Einen neuen Hilmar Hoffmann oder Hermann Glaser kann Grumbach nicht backen, er kann nur darauf vertrauen, dass in den nächsten Jahren in Hessen und Frankfurt Persönlichkeiten nachwachsen, die kulturpolitisches Profil besitzen oder – um das Frankfurter Beispiel zu nehmen – irgendwann, wenn die SPD wieder zur Macht gelangt, gar das Amt eines Kulturdezernenten übernehmen können.
Freilich will Grumbach nicht einfach nur abwarten, bis neue Talente sich entfalten, er möchte vielmehr einen Prozess der Wiederannäherung von Sozialdemokratie und Intellektuellen initiieren. Sein Rezept lautet dabei: „Die Leute miteinander ins Gespräch bringen.“ So wie bei der Veranstaltung mit Nida-Rümelin, dessen Publikum in der Schirn Kunsthalle immerhin zu zwei Dritteln aus Nichtgenossen bestand. Das ist ungewöhnlich für die Frankfurter SPD, die viel zu häufig nur mit sich selbst diskutiert und sich mitunter in einem Paralleluniversum bewegt.
Dialog in Gang setzen
Das Gespräch mit dem ehemaligen Kulturstaatsminister ist für Grumbach lediglich der Auftakt gewesen zu einer Kulturoffensive, mit der die SPD zeigen möchte, dass sie offen ist für Ideen und Gedanken außerhalb der engen Parteizirkel. Am 11. November kommt auf Einladung der Partei der Philosoph Peter Sloterdijk ins alte Literaturhaus in Frankfurt und wird unter der Moderation des Publizisten Mathias Greffrath mit der Parteivorsitzenden Ypsilanti diskutieren. Die zentrale These in Sloterdijks neuem Buch „Zorn und Zeit“ lautet: Der Zorn ist die eigentliche Triebfeder der Geschichte. Das ist eine eminent politische Behauptung, die jeden etwas tiefer denkenden Politiker herausfordern dürfte – gerade auch Sozialdemokraten, die sich alle schon einmal mit dem marxistischen Glaubenssatz auseinandersetzen mussten, dass der Kampf der Klassen die Geschichte vorantreibt.
Bezeichnend erscheint Grumbach, dass Sloterdijks Überlegungen keine spürbare Debatte in der Politik ausgelöst haben, sondern lediglich in Intellektuellen-Zirkeln diskutiert werden. Debatten, so sein Fazit, finden viel zu oft nur noch in Fachkreisen statt, Kultur, Politik und Wissenschaft schauen zu wenig über ihren Tellerrand hinaus. In Frankfurt etwa befruchten sich seiner Meinung nach Universität und Stadt viel zu wenig.
Dass etwa die Thesen des Frankfurter Hirnforschers Wolf Singer, die unter anderem die Frage der Schuldfähigkeit von Gesetzesbrechern berühren, nicht zu einer lebhaften Auseinandersetzung in der Mainmetropole geführt haben, ist für den SPD-Chef ein Beweis dafür, wie sehr Politik und Wissenschaft beziehungsweise Kultur sich fremd geworden sind. Grumbachs Ehrgeiz ist es denn auch, einen Dialog in Gang zu setzen und so wieder eine Nähe herzustellen – nicht zuletzt zum Nutzen seiner Partei natürlich. Denn er weiß: Ohne Kultur ist alles nichts.