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Leistungssteigernde Arzneien : „Die Mittel steigern weder Intelligenz noch Qualität“

Kritisch: Greta Wagner bezweifelt, dass Pillen die Arbeitswelt besser machen. Bild: Junker, Patrick

Warum nehmen Menschen leistungssteigernde Medikamente? Greta Wagner hat Studenten in Frankfurt und New York befragt – und dabei viel über verschiedene Arbeitsmentalitäten gelernt.

          Sie haben das Phänomen Neuroenhancement untersucht, also die Einnahme von Medikamenten zur Leistungssteigerung. Wie verbreitet ist der Konsum?

          In Deutschland konsumieren weniger als ein Prozent der Studierenden regelmäßig Ritalin. In den USA ist das Phänomen verbreiteter. Dort nehmen etwa sieben Prozent der Studierenden leistungssteigernde Mittel zu sich. An sehr kompetitiven Hochschulen ist der Anteil noch höher. Eine New Yorker Studentin behauptete, während der Semesterabschlussprüfungen konsumiere in der Bibliothek der NYU jeder ihrer Kommilitonen das Amphetamin Adderall. „Everyone’s on drugs“, sagte sie.

          Wie erklären Sie sich den Unterschied zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten?

          In den USA sind mehr Amphetamine im Umlauf, weil sie dort als Medikamente zugelassen sind. Die Verschreibungsrate für ADHS-Medikamente ist in Amerika auch höher. Insgesamt herrscht ein affirmativeres Verhältnis zum Konsum von Medikamenten – Schmerzmitteln ebenso wie Psychopharmaka. Die höhere Verbreitung von Neuroenhancement hat aber auch mit einem bestimmten Erfolgsethos zu tun, das in den USA stärker verankert ist als hier. Die amerikanischen Studierenden sehen den Konsum längst nicht so kritisch wie etwa die Frankfurter Studierenden, mit denen ich gesprochen habe.

          Sie haben nicht nur die Praxis des Neuroenhancements untersucht, sondern mit Hilfe von Gruppendiskussionen in New York und Frankfurt auch die Kritik daran. Worauf stützen die Frankfurter Studenten ihr Unbehagen?

          Auf der gesellschaftlichen Ebene brachten fast alle den Wert der Chancengleichheit gegen Neuroenhancement in Anschlag. Auf der individuellen Ebene ging es vor allem um Authentizität. Es fielen Sätze wie: „Ich finde, man sollte man selbst bleiben und wissen, wie viel man von Natur aus leisten kann.“ Andere sprachen davon, „seinen Körper nicht mit Pillen vollballern zu wollen“.

          Spielen die Werte Chancengleichheit und Authentizität unter den amerikanischen Studenten keine Rolle?

          Dort herrscht ein anderer Authentizitätsbegriff. Er ist viel stärker von der Vorstellung geprägt, dass man umso authentischer ist, je näher man dem Bild kommt, das man von sich hat. Man wird man selbst, indem man sich selbst realisiert.

          Auf welchem Weg auch immer?

          Sagen wir, es ist viel erlaubt. Individuelle Erfolgsstrategien sind vielfältig und Maßstab ist es, sein Ziel zu erreichen. Wie jemand das anstellt, ist erst mal seine Sache. Die amerikanischen Diskussionsteilnehmer sagten immer wieder: „Who am I to judge“ – warum sollte ich andere verurteilen?

          Sind die New Yorker Studenten deshalb weniger moralisch?

          Es ist eine andere Moral. In den USA herrscht große Bewunderung für individuelles Erfolgsstreben. Viele Studierende gehen außerdem davon aus, dass Chancengleichheit sowieso nicht existiert. Das Bildungssystem ist privatisiert und beruflicher Erfolg davon abhängig, in welchem Viertel und in welcher Familie man aufwächst. Es wäre in diesem Kontext absurd, zu sagen, Ritalin gefährdet die Chancengleichheit. Im Grunde genommen finde ich das eine ganz aufgeklärte Sicht auf die Verhältnisse. Das Verständnis der Frankfurter Studierenden von Chancengleichheit zeugt dagegen vielleicht von einer Illusion.

          Inwiefern?

          Auch in Frankfurt saßen fast nur Kinder aus Akademikerhaushalten am Tisch. Dadurch, dass Neuroenhancement hier so wenig verbreitet ist, hatten die Studierenden außerdem überhöhte Vorstellungen von der Wirkung der Substanzen.

          Worin besteht die Wirkung?

          In der Steigerung von Antrieb, Interesse und Motivation. Keinesfalls steigern die Mittel Intelligenz oder Qualität. Ein New Yorker Dozent berichtete mir vielmehr, er merke einer Hausarbeit an, ob sie auf Amphetaminen geschrieben sei. Die Autoren fänden alles interessant, mäanderten herum und kämen nicht zum Punkt. Es ist wichtig, über die Wirkung aufzuklären, denn die Angst davor, abgehängt zu werden, erhöht das Begehren nach solchen Substanzen natürlich enorm.

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