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„Sonntagsgeschichten“ Von beschränkten Schafen und schreibenden Dackeln

 ·  Was denkt ein Schaf? Diese Frage muß sich Antonia Michaelis schon früh gestellt haben. Eine Antwort darauf hat die 25 Jahre alte Autorin in ihrem Kinderroman "Die wunderliche Reise von Oliver und Twist" ...

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Was denkt ein Schaf? Diese Frage muß sich Antonia Michaelis schon früh gestellt haben. Eine Antwort darauf hat die 25 Jahre alte Autorin in ihrem Kinderroman "Die wunderliche Reise von Oliver und Twist" parat, aus dem sie im Kinosaal des Filmmuseums vorgelesen hat: "Grün", beim Anblick einer Wiese, "Weiß", wenn es den Schnee im Winter oder seine Artgenossen sieht, und "dunkel", wenn es die Augen geschlossen hat.

Doch "Oliver und Twist" handelt nicht von Schafen. Sondern vom Waisenkind Oliver, das Mitte des 19.Jahrhunderts in England aus einem Armenhaus abhaut, um nach London zu gehen - was zumindest den Älteren im Publikum bekannt vorkommt. Und von einem Dackel, genannt "Twist". Der kann reden, wie so viele Tiere in Antonia Michaelis' Geschichten, und Romanheld Oliver versteht ihn sogar.

Als er sich konzentriert, hört er auch die Schafe. Dabei merkt er - und mit ihm am Sonntag etwa 100 Kinder zwischen vier und zwölf Jahren -, daß die "weißen Dinger mit dem Fusselfell", wie Michaelis sie nennt, eigentlich ziemlich beschränkt sind. Trotzdem scheut sich die Autorin nicht, eben deren Mimik nachzumachen. Und so steht die dunkel gekleidete junge Frau in dem dunklen, bis auf den letzten der 140 Plätze gefüllten Kinosaal und schmatzt laut wie ein Schaf. Wenn sie nicht gerade mit ihrem wehendem roten Tuch um den Kopf ("Wie ein Pirat", bemerkt ein Mädchen im Anschluß) die dicht besetzte Treppe hinauf und hinunter rennt, um ihre Geschichte für die jüngsten im Publikum anschaulich zu machen.

Charles Dickens, Autor des ursprünglichen "Oliver Twist", kommt in ihrem Roman ebenfalls vor. Zum einen in den Erzählungen von "Twist", dessen Herrchen er war und der sich in dem Buch als geistiger Urheber aller bekannten Geschichten Dickens' enttarnt. Zum anderen in Einschüben, in denen das Leben Dickens' ohne die Inspirationen des Dackels beschrieben wird. Soweit der Inhalt dieses Buchs.

Acht Romane und zahlreiche Kindergeschichten hat die junge Frau schon veröffentlicht. Geschrieben habe sie noch viel mehr, läßt sie die Zuhörer in Frankfurt wissen. Denn eigentlich habe sie von vornherein nur schreiben gelernt, um erfundene Geschichten festzuhalten. Schon mit 14 Jahren sei sie mit Manuskripten unter dem Arm zur Frankfurter Buchmesse gegangen - ihr erstes Buch sei jedoch erst 2003 erschienen. Und auf die Frage aus dem Publikum, wie lange es dauere, ein Buch zu schreiben, berichtet sie hauptsächlich von schwierigen und zeitaufwendigen Absprachen mit Verlagen. Das eigentliche Schreiben dauere bei ihr dagegen nur wenige Wochen.

Damit die Kinder gestern nicht nur still und brav auf ihren Sitzen hocken mußten, hatte Antonia Michaelis Zettelchen vorbereitet. Vier Rufer waren gefragt, die die Texte darauf an passender Stelle einfügen mußten. "Halt!" - "Haltet den Dieb" - "Da ist er" und "Gleich haben wir ihn" stand auf den Blättern, die später als Trophäen in neu erworbene, mit persönlicher Widmung signierte Bücher wanderten. Auch sonst sollten die Anwesenden nicht nur lauschen: "Walfisch" sollten Kinder und Erwachsene rufen, wenn sie etwas akustisch nicht verstünden. Das geschah allerdings erst bei der anschließenden Frage-und-Antwort-Runde, bei der das Mikrofon nicht mehr im Einsatz war. Dabei interessierte die Kinder zunächst nicht so sehr die Schriftstellerin selbst als vielmehr die Wurlitzer-Orgel, an der sie bei der Lesung von Sven Wortmann begleitet wurde. Nach der Funktion der roten und weißen Registerschalter wurde ebenso gefragt wie nach dem Alter des Instruments. Woraufhin Wortmann die Geräuscheffekte der 1928 erbauten Orgel noch einmal vorstellte.

Schließlich machte sich Antonia Michaelis wieder auf in einen kleinen Ort an der Ostseeküste noch hinter Greifswald, ganz nah der polnischen Grenze, in dem sie lebt, um sich auf eine Prüfung für ihr Medizinstudium vorzubereiten. Kinderärztin will sie einmal werden und Kranke in Indien behandeln. Aber das Schreiben wird sie dafür nicht aufgeben. Dieser Tage erscheint schon wieder ein Roman von ihr: "Hier bei uns in Ammerlo" - daß sich die älteren dabei an Bullerbü erinnert fühlen, ist gewollt. INGRID KARB

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