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Silvester Geknallt wird vor allem im Bahnhofsviertel

Bedächtig bringt Markus seinen Rollstuhl in Position. Vor sich stellt er einen Pappbecher auf den Bürgersteig an der Kaiserstraße. Wie ein bizarres Pendant befindet sich ihm gegenüber ein schwarzer Bürostuhl.

Bedächtig bringt Markus seinen Rollstuhl in Position. Vor sich stellt er einen Pappbecher auf den Bürgersteig an der Kaiserstraße. Wie ein bizarres Pendant befindet sich ihm gegenüber ein schwarzer Bürostuhl. Wo der herkommt, weiß Markus nicht. Zwei junge Frauen gehen an ihm vorbei, eine wirft etwas Geld in den Pappbecher. "Einen guten Rutsch", wünscht Markus. Er sagt, daß seine Frau ihn an Weihnachten verlassen habe.

Gegen zehn Uhr durchqueren nur einige Passanten das Bahnhofsviertel, viele Imbisse und die meisten Bordelle in der Elbestraße haben geschlossen. Die Polizei, die im "Kaisersack" Stellung bezogen hat, vermeldet: "Alles ruhig." Ein kleiner Junge wirft einen heulenden Feuerwerkskörper unter ein Auto, nur vereinzelt sind explodierende Böller zu hören.

Die Hölle bricht erst gegen halb zwölf los: Vor einem Cafe in der Elbestraße hat sich eine Menschentraube versammelt. In Getränkekisten stehen Raketen auf der Straße, daneben werden Batterien mit Böllern in Stellung gebracht. Die Explosionen sind ohrenbetäubend, die Raketen zerbersten an den Hauswänden. Ein Mann zückt eine Pistole und schießt viermal in die Luft. Die Menge johlt. Auf einem Balkon über dem Cafe erscheinen vier Frauen und machen eindeutige Handbewegungen, eine wirft ein Sektglas auf die Straße. Das Klirren ist nicht zu hören.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht ein älterer Mann mit grauem Haar. Er sei schon gegen neun Uhr im Bordell gewesen und warte jetzt darauf, daß es wieder öffne. Zwischen elf und eins sei "nix los". Für die Liebesdienste zahlt er zwischen zwanzig und fünfzig Euro: "Es kommt auf die Qualität an." Die sei in Frankfurt allerdings besser als in seiner Heimatstadt. Deswegen komme er regelmäßig ins Bahnhofsviertel, auch an Weihnachten und Silvester. Während er vor den fliegenden Krachern in Deckung geht, wünscht auch er: "Prost Neujahr!"

Ein paar Schritte weiter steht im Türrahmen der Drogennothilfe eine dürre Gestalt. Sie hält ihre Hand vor das Gesicht, die Finger sind mit Pflastern umwickelt. Ob sie sich auf das neue Jahr freue? Die Antwort ist ein lapidares "Ja". Auf der anderen Straßenseite setzt ein Mann gerade die Spritze an: Langsam drückt er sich den Inhalt in den Unterarm.

In den Diskotheken im Bahnhofsviertel bekommen die Gäste davon wenig mit: Im "Latin Palace Chango" wird Salsa und Merengue getanzt. Der Raum ist mit bunten Girlanden geschmückt, auf den Tischen liegt Konfetti. Auch die Diskothek "Uns" an der Kaiserstraße hat geöffnet, gegen Mitternacht ist hier aber nur wenig los. "Die meisten kommen erst gegen vier", sagt der Betriebsleiter.

Schutz vor den Böllern bietet eine Eckkneipe. Auch hier zeugt buntes Papier von der Ankunft des neuen Jahres. Am Tresen sitzen ein paar ältere Nachtschwärmer, die Bedienung wünscht beim Hereinkommen "Ein frohes Neues". Es wird kein Sekt, sondern Bier getrunken. Wild gestikulierend betritt schließlich ein Mann die Kneipe. Auf seinem Kehlkopf befindet sich ein Pflaster: Er kann sich nur schwer verständlich machen. "Alles weg", preßt er schließlich durch die Lippen und zeigt auf seine Brieftasche. "Ihr laßt euch von den Weibern beklauen, und dann jammert ihr", schimpft ihn die Bedienung aus. Auf seine Bitte hin ruft sie die Polizei. Er müsse besser aufpassen, ermahnt sie ihn. Und fügt kopfschüttelnd hinzu, in bestimmten Situationen setze bei Männern der Verstand aus.

ANDREAS SCHWARZ

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