04.06.2009 · „Afrika! Afrika!“ hat bei den Deutschen einen Nerv getroffen. Die Produktion aus Mörfelden hat aber auch einem gefallenen Produzenten zu neuem Erfolg verholfen. Jetzt läuft die Show aus.
Von Hans RiebsamenIm Zelt am Frankfurter Ratsweg hat der Siegeszug von André Hellers „Afrika! Afrika!“ kurz vor Weihnachten 2005 begonnen. Dreieinhalb Jahre später endet er vorläufig in Frankfurt – im Großen Saal der Alten Oper. Ihre Rasanz und Kraft hat die Show behalten, die Magie dagegen ist ihr inzwischen zum Teil abhandengekommen.
Dem Gastspiel in Frankfurt schließen sich zwar noch einige Auftritte in Osnabrück, Wetzlar, Berlin und zuletzt am 19. Juni in Weinheim an. Doch danach ist Schluss in Europa. Denn die afrikanische Frucht, deren Saft exotischen Geschmack ins gestresste Leben der Deutschen, Schweizer und anderer europäischen Nationen gebracht hat, ist ausgepresst. Im Herbst wird Produzent Matthias Hoffmann seinen afrikanischen Wunderbaum in asiatischen Boden pflanzen. Zelttourneen sind für Japan, Korea und Singapur geplant. Sogar nach Australien will Hoffmann übersetzen. Und die jetzt in Frankfurt gezeigte Hallenversion soll ebenfalls von Herbst an auch die Amerikaner beglücken.
Balsam für die Seele und Kraftnahrung für das Bankkonto
Mehr als drei Millionen Zuschauer haben die Show gesehen, in Deutschland, Österreich, der Schweiz und in den Niederlanden kamen so viele Besucher, dass Hoffmann zeitweise ein zweites Chapiteau mit einer fast identischen zweiten Show auf Tournee schickte. „Afrika! Afrika!“ traf den Nerv der Zeit, Heller brachte mit dieser Produktion den vergessenen Kontinent Afrika ins Bewusstsein vieler Europäer. Ein Kunst-Afrika freilich, denn die afrikanische Zirkuskunst, die Heller entdeckt zu haben vorgab, war gar keine rein afrikanische. Auf dem Schwarzen Kontinent gibt es nämlich keine nennenswerte Zirkustradition, manch einer der von ihm präsentierten afrikanischen Solisten war in Wirklichkeit ein Star aus einem westlichen Zirkus. Vollkommen afrikanisch war nur der Tanz, der in der Hallen-Show noch mehr im Vordergrund steht als im Zelt. Und auch die mitreißende Musik kam vom Schwarzen Kontinent.
„Afrika! Afrika!“ sollte vom Arzt verschrieben werden, schrieb nach der Frankfurter Premiere diese Zeitung. Die Show war Medizin für viele, manch ein Besucher wurde durch sie aus seinem Trübsinn und seiner Stumpfheit gerissen. Sie war aber vor allem Medizin für Matthias Hoffmann: Balsam für seine Seele und Kraftnahrung für sein Bankkonto.
Produzent Matthias Hoffmann hat auch viel Geld verloren
Für den in Mörfelden ansässigen Produzenten hat mit „Afrika! Afrika!“ ein zweites Leben begonnen. Oder besser gesagt: ein drittes. Denn aus seinem ersten Leben, dem des erfolgreichen Managers, der die „Drei Tenöre“ Carreras, Domingo und Pavarotti erfunden und mit ihnen Stadien gefüllt hatte, war Hoffmann tief abgestürzt in ein kurzes Paria-Leben. Steueraffäre, Haft, Auflösung der Firma, Steuernachzahlung: Der erfolgsverwöhnte Hoffmann war zeitweise ganz unten – und hat es wieder nach oben geschafft. Der Wendepunkt zu seinem dritten Leben kam bei einem Barbesuch im Berliner Hotel „Adlon“. Dort traf Hoffmann zufällig André Heller, mit dem er früher schon zusammengearbeitet hatte. Ob man nicht wieder einmal etwas auf die Beine stellen könne, fragte Hoffmann den Magier aus Wien. Herausgekommen ist „Afrika! Afrika!“.
Hoffmann hat viel Geld mit der Show verdient. Aber auch viel Geld verloren. Als alles so prima lief und man ihm die Karten aus der Hand riss, fasste er den ultimativen Plan. Hoffmann wollte mit Hilfe amerikanischer Investoren einen eigenen Unterhaltungstempel in Las Vegas bauen und dort „Afrika! Afrika!“ zu einer der ersten Shows in der Spielerstadt machen. Doch dann kam London und mit dem Gastspiel in der britischen Hauptstadt die Ernüchterung. „Afrika! Afrika!“ fiel durch beim englischen Publikum. Warum, weiß niemand so genau zu sagen. Vielleicht hat die alte Kolonialmacht schon viel zu viel afrikanische Exotik gesehen. Die England-Tour erwies sich jedenfalls als Flop – und die Amerika-Pläne waren gestorben. Die englischsprachige Welt und damit auch Las Vegas, so folgerten potentielle Investoren, sei nicht reif für den Schwarzen Kontinent.
Deutschland hingegen ist gesättigt. Jetzt wird noch mit der Hallen-Show zum Schluss ein scharf gebrannter Espresso mit einem großen Schuss Cognac gereicht. Wie einst im Zelt auf dem Frankfurter Festplatz lässt der Wassermann seine Zuschauer noch einmal verblüfft fragen: Wo hat der Dicke nur das Wasser gespeichert, das er so freigiebig aus seinem Mund prustet? Den Zweiflern sei gesagt, dass er keinen Trick anwendet, sondern tatsächlich irgendwo in seinem Leibesinnern ein paar Liter Flüssigkeit wie in einem Tank zu speichern vermag. Noch einmal zwängt ein junger Mann seinen Körper durch einen unbespannten Tennisschläger handelsüblicher Größe, verbiegt sich eine Kontorsionistin derart, dass man einen Arzt zum Entwirren zu rufen geneigt ist. Am meisten beeindrucken aber die kraftvollen Tänzer und die spielfreudigen Musiker, allen voran der Koraspieler Ebrima Tata Jobarteh aus Gambia und die Sängerin Charlotte Disebo Hlahatse aus Südafrika. Die Bühne der Alten Oper ist zumindest für sie der bessere Platz als das Afrika-Zelt.