28.03.2011 · Ursprünglich wurde Krav Maga für die israelische Armee entwickelt. Doch inzwischen trainieren auch viele Frankfurter die Selbstverteidigungstechnik. Dabei kommt alles zum Einsatz, was gerade zur Hand ist, geübt wird schon einmal auf alten Sofas.
Von Michael Kelber, FrankfurtEin Angreifer hält ein Messer vor die Brust eines Schülers. Dieses Mal ist es nur eine Attrappe, die Oliver Bechmann, Krav-Maga-Trainer, in der Hand hält. Doch würde der Schüler, wenn er auf der Straße mit einer Klinge bedroht würde, ebenso entspannt reagieren, wie im Selbstverteidigungskurs in der Offenbacher Trainingshalle? Wohl kaum. Das versucht Krav Maga zu ändern.
Anders als in vielen anderen Selbstverteidigungskursen steht hier die Einübung von Kampftechniken unter realistischen Bedingungen ganz oben auf dem Lehrplan. „Ich habe hier auf der Matte schon Seifenwasser ausgeschüttet, um eine verregnete, rutschige Straßensituation herzustellen, aus der die Trainierenden entkommen müssen“, sagt Bechmann, während seine Co-Trainerin die Trainierenden drillt und zu mehr Leistung anstachelt.
Trainieren auf engen Räumen
Krav Maga, hebräisch für „Kontaktkampf“, wurde 1948 von Imrich Lichtenfeld für die israelische Armee entwickelt und wird von ihr immer wieder überarbeitet. Der 51 Jahre alte Bechmann ist seit 2003 zertifizierter Krav-Maga-Instruktor, einer der ersten in Deutschland. „Es gibt weltweit viele gute Kampftechniken, aber wenn man sie nicht in kurzer Zeit lernen und in Stresssituationen anwenden kann, helfen sie bei Angriffen auf der Straße oft nicht weiter“, sagt Bechmann. Krav Maga sei da effektiver. In Ausbildungsschritten von drei, sechs oder neun Monaten würden Trainierende in die Lage versetzt, sich gegen Angriffe auf der Straße oder in einer Kneipe zu verteidigen.
Das Training findet nicht nur auf den Matten statt, sondern auch in den Toiletten. Die Trainierenden sollen lernen, wie sie in engen Räumen auf eine Bedrohungslage reagieren können, etwa so: Ein potentieller Angreifer im Schutzanzug versteckt sich hinter einer Tür und greift einen Schüler an, der sich dann aus der Situation befreien muss.
Die Maxime sei immer: „Don’t get hurt“
„Mit alten Sofas stellen wir Bedrohungssituationen im Sitzen nach, wie beispielsweise in einem Nachtclub“, sagt Bechmann. Auch die Pappkartons, die in einer Ecke der Trainingshalle liegen, seien kein Müll, sondern würden als Hindernisse auf die Matten gelegt. Auf der Zeil stünden schließlich auch Blumenkübel und anderes herum, über die man im Ernstfall springen müsse. Die Trainingsräume in Offenbach sind spartanisch eingerichtet, ohne Schnörkel, wie man es von ostasiatischen Kampfsportarten kennt. „Wir wollen hier alles realistisch darstellen.“ Polizisten und ganze Sicherheitsunternehmen buchten Kurse bei ihm, sagt Bechmann. Die meisten Schüler seien aber ganz normale Büroangestellte.
Der sportliche Aspekt steht bei Krav Maga im Hintergrund, es gibt kein Wettkampfsystem, die Fitnesssteigerung sei Nebeneffekt, sagt Bechmann. Die Maxime sei immer: „Don’t get hurt“. Es gehe nicht darum, bei Konflikten auf der Straße den Held zu spielen oder anderen die eigene Überlegenheit zu beweisen. Wichtig sei erst einmal, in Konfliktsituationen deeskalieren zu können. Erst nachdem die Trainierenden beschwichtigende Verhaltensweisen erlernt haben, würden ihnen die Kampftechniken beigebracht.
Mit der Tasche auf den Angreifer einschlagen
„Angreifer aus dunklen Ecken sind technisch meist schlecht, haben aber einen Vorteil durch ihr extremes Aggressionspotential“, sagt Bechmann. Daher komme es darauf an, die Schwachstellen des Angreifers auszumachen. Es werden vor allem Schläge und Tritte auf empfindliche Körperstellen geübt, die den Gegner schnell ausschalten: Kopf, Nase, Mund, Hals, Knie und besonders die Genitalien. Die Bewegungsabläufe wirken dabei oft grobmotorisch. Sie sind auch in Angstsituationen, in denen der Körper viel Adrenalin ausschüttet, schnell ausführbar.
„Noch besser als Schläge und Tritte, ist es allerdings seinen Körper gar nicht einzusetzen“, sagt Bechmann. Um sich selbst zu schützen solle man alles nutzen, was zur Verfügung stehe. Eine Tasche könne ein Hilfsmittel sein, um auf einen Angreifer einzuschlagen, aber auch ein Stuhl oder Gegenstände, die auf der Straße liegen. „Falls Frauen Haarspray dabei haben, können sie es dem Gegner ins Gesicht sprühen“, sagt Bechmann. Das sei besser, als sich mit Händen oder Füßen zu verteidigen und sich dem Angreifer körperlich zu nähern. Man solle nicht glauben, man wäre Bruce Lee.