31.01.2009 · Die Zahl der Privatschulen nimmt zu. Sie versprechen, mehr zu leisten als die staatliche Konkurrenz – mit besonderer pädagogischer Prägung, internationaler Ausrichtung und Ganztagsunterricht. Die letzte Folge der Schulserie.
Von Matthias TrautschDie Liste der Privatschulen in Frankfurt ist lang geworden. Noch vor zwei Jahrzehnten ließen sich die Schulen in freier Trägerschaft an einer Hand abzählen. Inzwischen hat sich ihre Zahl mehr als verdreifacht. In ihrem weiterführenden Zweig sind die meisten ein Gymnasium, es gibt aber auch Integrierte Gesamtschulen wie die International Bilingual Montessori School und solche mit einem Realschulzweig wie die Freie Christliche Schule.
Zirka 15 Prozent der Frankfurter Schüler gehen auf Privatschulen, damit liegt ihr Anteil etwa doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Glaubt man den Schulen, dann könnte er noch höher liegen: Ihren Angaben zufolge übersteigt die Nachfrage das Angebot von Plätzen bei weitem – etwa bei der vor eineinhalb Jahren eröffneten Phorms-Schule im Nordend. Béa Beste, die Vorstandsvorsitzende der Privatschulkette, nennt eine Zahl von 1300 Anfragen – für nur 40 Plätze.
Privat heißt nicht unbedingt besser
Offenbar ist eine wachsende Zahl von Eltern bereit, für die Bildung ihrer Kinder zu zahlen. Die Spanne beim Schulgeld ist weit: Sie reicht von monatlich rund 200 Euro wie bei der Freien Christlichen oder der Aktiven Schule bis zu mehr als 1000 Euro bei der Internationalen Schule Frankfurt-Rhein-Main. Nicht alle Mütter und Väter, die sich das leisten, sind Großverdiener. Manche verzichten auf ein Auto oder machen Camping-Urlaub, um das Schulgeld aufbringen zu können.
Ein Grund für den Boom der Privatschulen liegt in der Unzufriedenheit mit dem staatlichen Bildungswesen. Dessen Ansehen hat gelitten, nicht erst seit dem Pisa-Schock. Dabei ist nicht bewiesen, ob Schüler in privater Obhut tatsächlich besser lernen. Studien weisen eher darauf hin, dass der Bildungserfolg nicht größer ist als an öffentlichen Schulen. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass sich die Schülerschaft ähnlich zusammensetzt. Hier sind die Privatschulen oft im Vorteil: Sie werden vor allem von Kindern aus bildungsnahen Familien besucht.
Nachteile haben die Privaten hingegen im Wettbewerb um gutes Personal. Dies bekommen sie besonders schmerzhaft zu spüren, seit die Landesregierung im großen Stil Lehrer einstellt. Ein Pädagoge, der die Möglichkeit hat, auf eine oft besser bezahlte, sichere, vielleicht sogar beamtete Stelle im öffentlichen Schulwesen zu wechseln, wird dies in aller Regel tun. Diese Lehrkräfte fehlen den Privatschulen.
Wer sich ihre Homepages anschaut, trifft allerorten auf Stellenausschreibungen: Die Internationale Bilinguale Montessori Schule braucht einen Lehrer für „Mathematik und eine beliebige Naturwissenschaft“, die Lichtigfeld-Schule sucht „Lehrkräfte für die unterschiedlichsten Bereiche“ und die Waldorfschule verspricht, neuen Mitarbeitern auch bei der Wohnungssuche behilflich zu sein.
Eine andere Art des Lernens
Das Personalproblem fällt ins Gewicht, denn Untersuchungen belegen, dass die Fähigkeiten des Lehrers wichtiger sind als Fragen des Bildungssystems und der Unterrichtsmethode. Mit Schulgeld allein lässt sich also kein Lernerfolg kaufen. Vielen Eltern geht es aber gar nicht so sehr um maximale schulische Leistungen, sondern um eine andere Art des Lernens. Sie suchen bei den Privaten erzieherische Konzepte, die sie im staatlichen Schulwesen vermissen. Hierzu gehört die Montessori-Pädagogik, die etwa in der Anna-Schmidt-Schule, der Internationalen Bilingualen Montessori Schule und der Aktiven Schule gepflegt wird.
Ein Hochburg der Reformpädagogik ist die Freie Waldorfschule. Wie Leitungsmitglied Anne Gnadt sagt, verzeichnet auch ihre Schule eine steigende Nachfrage. Viele Eltern wüssten zu schätzen, dass in der Waldorf-Pädagogik nicht nur die intellektuellen Fähigkeiten der Schüler gefördert würden. So genieße die künstlerische und handwerkliche Entwicklung einen großen Stellenwert. Gemessen an den Ergebnissen beim Zentralabitur, kommen Fächer wie Mathematik oder Deutsch hierbei nicht zu kurz: Mit einem Notenschnitt von 2,26 lagen die hessischen Waldorfschulen im vergangenen Jahr deutlich besser als die staatlichen Bildungsstätten, die im Mittel auf 2,48 kamen.
Um die Gunst der Eltern werben die Privatschulen überdies mit ihrer Internationalität. Einige sind auf Schüler aus bestimmten Herkunftsländern ausgerichtet, wobei aber auch Kinder deutscher oder anderer Nationalität aufgenommen werden. Dazu gehören die Französische, die Griechische und die Japanische Internationale Schule. Etwas anders liegen die Dinge bei der Europäischen und der Internationalen Schule Frankfurt-Rhein-Main: Sie werden vornehmlich von Kindern besucht, deren Eltern in Institutionen der Europäischen Union oder bei weltweit agierenden Unternehmen arbeiten.
Unterricht von 8 bis 18 Uhr
Eine neue Entwicklung stellen die Phorms-, die Metropolitan- und die Erasmus-Schule dar. Sie wurden in jüngster Zeit als Grundschule mit Kindergarten gegründet und wollen nun Jahrgang für Jahrgang einen weiterführenden Zweig aufbauen. Im Unterricht setzen sie auf Mehrsprachigkeit, die Metropolitan School verzichtet zugunsten von Englisch sogar ganz auf Deutsch.
Von den rein internationalen Schulen unterscheiden sich die Neugründungen dennoch, wie Peter Ferres, der Leiter der Metropolitan-School, sagt: „Wir sind keine Schule für expatriate families, die auf Procter & Gamble-Spesen über den Großen Teich kommen, und die genauso gut in Sydney oder in Singapur stehen könnte.“ Zielgruppe seien Frankfurter Kinder aus „ganz normalen Familien, die eine internationale Bildung mit deutschen Wurzeln“ erhalten sollten.
Ein weiterer Grund, sich für eine Privatschule zu entscheiden, ist pragmatischer Natur. Während staatliche Bildungsstätten meist unregelmäßige Unterrichtszeiten und oft keine Nachmittagsbetreuung haben, hat der Tag an den Privatschulen eine feste Dauer. Unterricht von 8 bis 18 Uhr – diese oder eine ähnliche Garantie geben viele freie Träger, und berufstätige Eltern wissen das zu schätzen.
Oft geben sie ihre Tochter oder ihren Sohn schon in den Kindergarten und die Grundschule, die zu den meisten privaten Bildungsstätten gehören. Das ist auch sinnvoll, denn viele Einrichtungen verfolgen ein durchgehendes pädagogisches Konzept für den ganzen Bildungsweg. Das gilt etwa für den bilingualen Unterricht, der in einer englischsprachigen Vorschule beginnt und in einem internationalen Abschluss endet.
Zuwanderer planen Schulen
Dafür, dass der Privatschulsektor weiter wächst, spricht vor allem eines: Er ist noch ziemlich klein. Obwohl sich die Zahl der Privatschüler in Deutschland seit 1992 verdoppelt hat, beträgt ihr Anteil nur rund sieben Prozent – weit weniger als in anderen Industriestaaten. In den Niederlanden liegt die Quote laut OECD bei 76 Prozent, in Großbritannien bei 56 Prozent und in Frankreich bei 21 Prozent. Zwar lassen sich die Anteile wegen unterschiedlicher Traditionen und Finanzierungsstrukturen nicht umstandslos vergleichen, doch wäre eine steigende Quote in Deutschland im europäischen Maßstab nur eine Normalisierung.
In Frankfurt spricht noch ein anderes Argument für eine wachsende Privatschülerzahl. Die beiden großen Kirchen, die bundesweit rund 80 Prozent aller Privatschulen tragen, sind in der Stadt bisher nicht vertreten. Dies könnte sich ändern: Der Plan des Bistums Limburg, eine Grundschule in Griesheim zu eröffnen, ist jüngst nur an Finanzierungsproblemen gescheitert.
Und schließlich spricht die Internationalität Frankfurts und das wachsende Selbstbewusstsein der Zuwanderer für weitere Neugründungen. Derzeit befinden sich unter anderem russische und türkische Bildungseinrichtungen in Planung. Es darf also als sicher gelten, dass die Liste der Privatschulen noch etwas länger wird.