29.01.2009 · Mit fortschrittlicher Pädagogik haben sich die Gesamtschulen als zweitbeliebteste weiterführende Schulform etabliert. Ihr großer Zulauf liegt aber auch daran, dass sie eine Alternative zum „Turbo-Abitur“ bieten.
Von Matthias TrautschKönnen Schildkröten überhaupt Lampenfieber haben? „Gonzalez“ und „Wotan“ machen jedenfalls nicht den Eindruck, als ob sie sich leicht aus der Ruhe bringen ließen. Dabei sind alle Augen auf sie gerichtet - und natürlich auf Lenny, der seine Haustiere zur Präsentationsprüfung mitgebracht hat. Es handele sich um Exemplare der Gattung Testudo hermanni boettgeri, sagt der Fünfzehnjährige. Wie er weiter erläutert, sollten sie viel Salat, aber keine Zitrusfrüchte bekommen und am besten im Kühlschrank überwintern. „Im Keller geht auch, aber da könnten sie von Ratten angefressen werden.“ Anhand einer Powerpoint-Präsentation erklärt der Schüler noch die Unterschiede zwischen Männchen und Weibchen und schließt dann mit den Worten: „Ich bedanke mich, dass Sie mir zugehört haben, und bin für weitere Fragen offen.“
Das Thema für sein Referat hat sich Lenny selbst ausgewählt, genauso wie die anderen 15 bis 16 Jahre alten Schüler, die im Dachgeschoss der IGS Nordend zur Prüfung angetreten sind. Sie stellen sich dem Urteil einer Jury, die aus Lehrern, Eltern und Mitschülern besteht. Bewertet werden etwa Gestaltung und Wirkung der Präsentation, die rhetorischen Fähigkeiten des Referenten und die inhaltliche Qualität des Vorgetragenen. Die Jury vergibt Punkte, nach denen sich eine Note errechnet, die gesondert im Zeugnis erscheint.
Für die Präsentation des weitgehend selbständig erarbeiteten Themas hat jeder Schüler einen eigenen Tisch mit Materialien sowie eine Stellwand mit erläuternden Texten und Bildern aufgebaut. Constantin, der über „Fußball, den beliebtesten Sport der Welt“, referiert, ist konsequenterweise in Trikot, Stutzen und Stollenschuhen erschienen. Franziska widmet sich unterdessen dem Thema „Der Mond und wie er die Natur beeinflusst“. Zur Veranschaulichung hat sie verschiedene Topfblumen und einen Gemüsekorb mitgebracht. Die Möhren und Zwiebeln nimmt sie zur Hand, als sie über die Mondphasen spricht: „Solches Gemüse sollte man an Wurzeltagen säen, dann wächst es besonders gut.“ Die Jury meldet Zweifel an: „Ist das wissenschaftlich haltbar?“ Ja, sagt Franziska, und kann zum Beleg eine selbstangestellte Versuchsreihe anführen.
Nach den Worten von Lehrer Lutz Ehler-Burkhardt legt die am Günthersburgpark gelegene Integrierte Gesamtschule großen Wert darauf, dass die Schüler sich ihr Wissen eigenständig erschließen und es anschließend auch anderen vermitteln können. Deswegen gehörten die Methoden des Vortragens schon in der 5. Klasse zum Lehrstoff. Bis zum Abschluss in Klasse zehn lernten die Schüler, frei zu sprechen, mit Haltung und Gesten die richtigen Signale an die Zuhörer zu senden und mit ihnen in einen Dialog zu treten. Auch die Gestaltung von Plakaten oder Folien und der sinnvolle Einsatz von Computerpräsentationen würden geübt.
Camus für Leistungsstarke
Mit dem althergebrachten Frontalunterricht, dem Auswendiglernen aus Büchern und dem Frage-Antwort-Spiel zwischen Lehrer und Schüler hat diese Form des Unterrichts kaum noch etwas zu tun. In den vergangenen Jahrzehnten haben die Gesamtschulen eine Reihe solcher pädagogischer Trends gesetzt, die von anderen Schulformen erst nach und nach übernommen werden. Hierzu gehört auch die sogenannte Binnendifferenzierung, also die individuelle Förderung innerhalb einer Klasse. An einer Integrierten Gesamtschule erhalte jeder Schüler die für ihn geeigneten Aufgaben und Unterrichtsmaterialien, sagt Konstanze Schneider, die Leiterin der IGS Nordend. „Je nachdem, wie abstrakt ein Kind denken kann, wie leistungsfähig oder kreativ es ist, braucht es unterschiedliche Lernangebote.“
Für besonders gute Schüler geschehe dies zum Beispiel durch Zusatzaufgaben: „In einer zehnten Klasse, die ich in Deutsch unterrichte, habe ich einem intellektuell sehr weit entwickelten Jungen Camus' ,Der Fremde' zu lesen gegeben.“ Leistungsstarke Kinder festigten ihr Wissen zudem, indem sie es, etwa bei Gruppenarbeiten, an andere weitergeben. Im klassischen dreigliedrigen Schulsystem würden die Kinder nach der Grundschule „in eine Schublade gesteckt“, sagt Schneider. An einer Integrierten Gesamtschule hingegen lernten die Schüler in gemischten Gruppen Respekt und Rücksichtnahme. Das gelte besonders für Schulen wie die IGS Nordend, in denen auch behinderte Kinder unterrichtet werden. Wie Schneider sagt, können die meisten Schüler, die nach der 10. Klasse auf eine gymnasiale Oberstufe oder ein Gymnasium wechseln, dort mithalten. „In machen Belangen sind sie auch im Vorteil, weil sie gelernt haben, selbständig zu arbeiten, weil sie präsentieren und kommunizieren können.“
Ein Jahr mehr Zeit bis zum Abitur
Die Zahlen sprechen dafür, dass viele Eltern vom Prinzip des gemeinsamen Lernens überzeugt sind: Mit rund 10 000 Schülern sind die Gesamtschulen in Frankfurt zur Nummer zwei nach den Gymnasien aufgestiegen. Neun der 13 Schulen diesen Typs werden als IGS geführt, also als Integrierte Gesamtschule, in der Schüler mit Haupt-, Real- oder Gymnasialeignung gemeinsam unterrichtet werden. Die übrigen vier Schulen firmieren als KGS, das heißt, als Kooperative Gesamtschule, deren drei Zweige zwar zusammenarbeiten, aber grundsätzlich getrennt sind. Ein Sonderfall ist die Förderstufe an der Fridtjof-Nansen-Schule in Nied, in der Haupt- und Realschüler ähnlich wie in einer Gesamtschule unterrichtet werden, aber nach der 6. Klasse auf eine andere Schule wechseln müssen.
Die ohnehin große Nachfrage nach Gesamtschulplätzen ist in jüngster Zeit noch einmal gestiegen. Grund dafür ist G8, die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit. Für Eltern, die ihrem Kind den Leistungsdruck des „Turbo-Abiturs“ ersparen wollen, bietet sich eine Integrierte Gesamtschule als Alternative an. Dort absolvieren die Schüler wie vor der G8-Reform eine sechsjährige Sekundarstufe I und können, falls die IGS keine Oberstufe hat, danach aufs Gymnasium wechseln. An den vier Kooperativen Gesamtschulen verhält es sich anders: Sie führen die Schüler wie die klassischen Gymnasien in acht Jahren zum Abitur, auch wenn Kultusminister Jürgen Banzer (CDU) ihnen die Rückkehr zu G9 erlaubt hat.
Die jüngste unter den Frankfurter Gesamtschulen ist die nahe dem Zoo gelegene IGS Herder. Sie ist, nach zäher Auseinandersetzung mit Staatlichem Schulamt und Kultusministerium, zu Beginn des Schuljahrs selbständig geworden. Die Heinrich-Kraft-Schule in Fechenheim hat sich hingegen in ihrem Bestreben, von der kooperativen zur integrierten Form zu wechseln, bisher nicht durchsetzen können.
Standortsuche im Westen
Um den Bedarf in den westlichen Stadtteilen zu befriedigen, hat die Stadt eine Dependance der Paul-Hindemith-Schule in Zeilsheim eingerichtet. Bevor sie zu einer selbständigen „IGS West“ werden kann, muss sich allerdings noch ein endgültiger Standort finden. Im Gespräch ist das Gebäude der Helene-Lange-Schule, die mit dem anderen Höchster Mittelstufengymnasium, der Leibnizschule, zusammengelegt werden soll. Das Staatliche Schulamt befürwortet eine solche Fusion, doch im Stadtteil stößt sie auf Widerstand. Sollte es nicht zur Zusammenlegung kommen, dann müsste nach einem anderen Standort gesucht werden. So oder so: Wenn sich die Schülerzahlen wie bisher entwickeln, dann wird Frankfurt in absehbarer Zeit eine 14. Gesamtschule bekommen.