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Schulserie (4) - Hauptschulen Auch Kontrolle ist eine Form der Zuwendung

27.01.2009 ·  An den Hauptschulen geht es gesitteter zu, als Medienberichte es vermuten lassen. Doch ihr Ruf ist ruiniert, immer mehr müssen wegen Schülermangels schließen. Besserung versprechen sich Fachleute von einem anderen Namen und einem neuen Konzept.

Von Matthias Trautsch
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Auf der Fensterbank im Treppenhaus stehen Grünpflanzen, an den Wänden hängen Fotos und Gemälde. Im Flur des ersten Stocks sitzt ein Lehrer mit einer Schülerin zusammen. Die beiden sind ins Gespräch vertieft, offenbar geht es um Zeugnisnoten. Ein paar Meter weiter zeigt eine Stellwand die Ergebnisse des Weltraumprojekts der 7 a: Texte, Bilder und Bastelarbeiten über Meteoriten, Schwarze Löcher und den Mond. Ans Treppengeländer gelehnt stehen ein paar Jungs, unterhalten sich in ruhigem Ton, schauen sich dann um und kichern.

Die Sophienschule in Bockenheim ist eine Hauptschule. Doch das Bild, das sich dem Besucher dort bietet, hat so gar nichts gemein mit der Rütli-Schule, mit Fernsehberichten über Gewaltexzesse, Übergriffe auf Lehrer und Drogenhandel auf dem Pausenhof. Eher schon erinnert die Atmosphäre an eine Grundschule – bunt, familiär, geradezu behütet. Rektor Hans Werner Jorda freut sich über diesen Eindruck, redet die Probleme aber nicht klein. Wie er sagt, kommen etwa 90 Prozent der Sophienschüler aus Zuwandererfamilien, ein Drittel der Eltern lebt von Hartz IV. Daraus erwüchsen der Schule Aufgaben, wie sie sich so an keinem Gymnasium stellten.

Sophienschule

„In manchen unserer Familien bleiben die Eltern morgens im Bett, während die Kinder aufstehen müssen“, sagt Jorda, der seit 1979 an der Schule unterrichtet und sie seit 23 Jahren leitet. Immer öfter kämen Mütter und Väter ihren Erziehungsaufgaben nicht nach. Besonders Jungen litten unter fehlender Autorität: „Manche kennen das Wort nein nicht.“ Dabei brauchten sie Grenzen, freuten sich geradezu darüber, wenn sie kontrolliert würden: „Sie merken, dass da jemand ist, der sich um sie kümmert.“ Die Aufmerksamkeit, die zu Hause ausbleibt, schenken die Lehrer: „Morgens sprechen wir erst mal über das, was die Kinder am Abend zuvor im Fernsehen geschaut haben, und fragen, ob es etwas zum Frühstück gab.“

Dass diese persönliche Zuwendung an der Sophienschule möglich ist, liegt auch daran, dass sie mit 250 Schülern ziemlich klein ist. Zu diesem Schuljahr wurden 20 Fünftklässler neu aufgenommen, jeder kennt jeden, die Kinder werden mit ihrem Namen begrüßt, und sie grüßen zurück. Auch die Lehrer untereinander stehen in engem Kontakt und können sich über Entwicklungen und Probleme austauschen. Jorda ist davon überzeugt, dass fast alle seiner Schüler gern zum Unterricht gehen. Aber: „Öffentlich verschweigen sie lieber, dass sie auf die Sophienschule gehen. Hier im Stadtteil weiß jeder, dass das eine Hauptschule ist.“ Der Ruf der Schulform sei vollkommen ruiniert, sagt der Fünfundfünfzigjährige. „Die Eltern sagen, da kann ich mein Kind nicht hinschicken – und das kann ich auch verstehen.“

Dreigliedriges Schulwesen

Wegen sinkender Nachfrage mussten in den vergangenen Jahren sechs Frankfurter Hauptschulzweige geschlossen werden. Doch die Anmeldungen reichen selbst für die verbliebenen 15 Hauptschulen, die meist mit einer Grund- oder Realschule verbunden sind, nicht aus. Im vergangenen Jahr gab es nur 150 Viertklässler, deren Eltern sich für eine Hauptschule entschieden – zur gleichen Zeit wurden 2.286 Kinder an Gymnasien angemeldet. Um die wenigen Hauptschüler künftig sinnvoll zu verteilen, hatte das Staatliche Schulamt Mitte November beschlossen, dass die Diesterweg- und die Glauburgschule in Zukunft keine Schüler mehr aufnehmen dürfen. Weitere fünf Hauptschulen sollten nur noch dann einen neuen Jahrgang bilden dürfen, wenn sich dafür mindestens 13 Schüler anmelden.

Zwar nahm Kultusminister Jürgen Banzer (CDU) diese Vorgabe im Dezember überraschend zurück, doch ändert dies nichts daran, dass man keine Schule langfristig erhalten kann, wenn es dafür keine Schüler gibt. Die Leiter der Hauptschulen blicken deshalb gespannt nach Wiesbaden. In den Koalitionsgesprächen zwischen CDU und FDP spielen die Bildungspolitik und die Besetzung des Kultusministeriums eine entscheidende Rolle. Bislang halten die bürgerlichen Parteien am dreigliedrigen Schulwesen und somit an den Hauptschulen fest.

Sitzenbleiben

Sollten die Verteidiger der Dreigliedrigkeit die Oberhand behalten, dann wird die künftige Landesregierung wahrscheinlich versuchen, die Hauptschulen mit mehr Personal und Mitteln attraktiver zu machen. Für Rektor Jorda wäre das jedoch keine Lösung: „Alles Geld nützt nichts – solange Hauptschule drübersteht, werden die Schulen gemieden.“ Er hält einen neuen Namen für nötig, zum Beispiel Sekundar-, Mittel- oder Stadtteilschule. Diese Begriffe drückten am ehesten aus, was die Hauptschulen leisten könnten und müssten.

Schon jetzt wird an der Sophienschule von Klasse fünf bis zehn unterrichtet; die Kinder können neben dem Hauptschul- den qualifizierenden Hauptschul- und den Realschulabschluss erwerben. Wenn sie gut genug sind, können sie ihren Bildungsweg sogar in einer gymnasialen Oberstufe fortsetzen. Jorda will, dass sich seine Schule zu „einer Art Mini-IGS“ entwickelt. Damit meint er eine kleine, im Stadtteil eingebundene Form der Integrierten Gesamtschule. Dies würde keine „Restschule“ mehr sein, sondern eine Bildungsstätte für alle Schüler, die besondere Unterstützung brauchen. Hierzu sollen höchstens 20 Kinder in eine Klasse gehen; bei Bedarf sollen zwei Lehrer unterrichten. Das Sitzenbleiben will Jorda abschaffen, außerdem soll es keine Trennung nach Leistungsgruppen geben, wie sie in Förderstufen und Gesamtschulen üblich ist.

Landesweite Schulreform

Die Vorstellung des Schulleiters deckt sich in weiten Teilen mit dem, was andere Rektoren und viele Fachleute für nötig halten. Unter anderen hatte der im Oktober verstorbene Leiter des Staatlichen Schulamts, Hans-Rolf Eifert, eine ähnliche Idee entwickelt. Die Pläne von Schuldezernentin Jutta Ebeling (Die Grünen) gehen ebenfalls in Richtung einer Stadtteilschule. Voraussetzung für eine Verwirklichung des Vorhabens ist aber, dass es in Wiesbaden genehmigt, vielleicht sogar durch eine landesweite Schulreform begleitet wird. Ausgeschlossen ist das nicht. Denn unabhängig von der Frage, wer künftig das Kultusministerium leitet: Auch in den bürgerlichen Parteien wächst die Erkenntnis, dass es so mit den Hauptschulen nicht weitergehen kann.

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Jahrgang 1972, Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

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