22.01.2009 · Der Attraktivität des Abiturs haben selbst die Querelen um G8 nicht geschadet. Um die Nachfrage zu befriedigen, will die Stadt am Riedberg ein neues Gymnasium eröffnen. Die bestehenden Schulen entwickeln unterdessen charakteristische Profile.
Von Matthias TrautschDas hätte sich der Gelehrte wahrscheinlich nicht träumen lassen. Als Wilhelm von Humboldt, seinerzeit preußischer Sektionschef für Kultus, den Grundstein für die Entwicklung der Gymnasien legte, hatte er eine ebenso anspruchsvolle wie elitäre Bildungsstätte vor Augen. Das Abitur legte damals kaum ein Prozent eines Jahrgangs ab. Heute, rund 200 Jahre später, besuchen allein in Frankfurt mehr als 17.000 Schüler ein Gymnasium. Die Gymnasialzweige der Kooperativen Gesamtschulen hinzugenommen, strebt jedes zweite Kind das Abitur an. Die einstige Höhere Schule für Bürgersöhne ist, zumindest in Großstädten, zum Standard geworden.
Werner Kexel, der Leiter der Liebigschule und Vorsitzender des Bezirksverbands der Oberstudiendirektoren, sieht in dieser Entwicklung zunächst einen Vertrauensbeweis. Die Eltern schätzten die bewährten Strukturen der Gymnasien. Zugleich habe sich die Schulform aber auch weiterentwickelt. Vieles, das es früher nur an Gesamtschulen gegeben habe, sei übernommen worden. So bildeten die Lehrer Jahrgangsteams, ältere Schüler kümmerten sich als Paten um jüngere und in Wochenarbeitsplänen könnten Kinder ihre Lernziele und -geschwindigkeiten selbst bestimmen.
Wieder ein Anmelde-Rekord
Ihre Beliebtheit bereitet den Frankfurter Gymnasien aber auch Probleme. Im vergangenen Jahr wurden dort 2286 Kinder angemeldet – an Hauptschulen nur 150. Obwohl mehrere Gymnasien zusätzliche Klassen einrichteten, konnten längst nicht alle Elternwünsche erfüllt werden. Die Wöhlerschule etwa, mit 1400 Schülern neben der Ziehenschule das größte Gymnasium der Stadt, musste 134 Kinder abweisen. Das Staatliche Schulamt geht davon aus, dass der Andrang anhalten wird. Vielleicht wird es in diesem Jahr wieder zu einem Anmelde-Rekord kommen.
Allerdings sind nicht alle Kinder, die auf ein Gymnasium gehen sollen, auch dafür geeignet. Wie Kexel sagt, leisteten die Grundschulen zwar gute Arbeit bei der Beratung über die weitere schulische Laufbahn. „Aber natürlich gibt es auch Eltern, die beratungsresistent sind.“ Manche wollten ihr Kind unbedingt zum Abitur bringen, auch wenn dessen Leistungen dies nicht gerade nahelegten. Das seien jedoch Ausnahmen, so Kexel. Dafür, dass die Schulwahl in der Regel die richtige sei, spreche etwa die geringe Zahl von Querversetzungen. An der Liebigschule gebe es in einem Jahrgang mit 150 Schülern höchstens zwei oder drei, die auf andere Schulformen wechseln müssten.
Ein beherrschendes Thema in der Öffentlichkeit war in den vergangenen Jahren G8. Darauf, dass der Weg zum Abitur in Hessen nunmehr acht statt neun Jahre dauert, waren die Gymnasien unzureichend vorbereitet. Zum einen wurde versäumt, den Lehrplan entsprechend zu kürzen, zum anderen fehlten vielerorts die baulichen Voraussetzungen für den nötigen Ganztagsbetrieb. Immerhin: Inzwischen gibt an vielen Schulen Kantinen, Bibliotheken und Räume zum freien Arbeiten, so dass die Schüler auch nachmittags lernen können.
Neues Gymnasium in Riedberg geplant
Eine weitere Entlastung der von G8 geplagten Gymnasiasten wollte Kultusminister Jürgen Banzer (CDU) im Mai vergangenen Jahres mit einem Elf-Punkte-Programm herbeiführen. Zu den Änderungen gehörten weniger Lernstoff, mehr individuelle Förderung, kleinere Klassen und ein strafferer Lehrplan. Wie Kexel sagt, haben die Nachbesserungen Wirkung gezeigt, „obwohl man das alles schon früher hätte machen können“. Klar sei für ihn aber auch, dass es keine Alternative zur gymnasialen Schulzeitverkürzung gebe: „Wir können uns aus der deutschen und europäischen Entwicklung nicht ausklinken.“
Der Attraktivität des Abiturs haben alle Querelen um G8 jedenfalls nicht geschadet. Deswegen plant die schwarz-grüne Römerkoalition auch ein neues Gymnasium im jungen Stadtteil Riedberg. Bis 2012 soll dort eine der größten Frankfurter Schulen entstehen. Dieses Gymnasium soll einerseits etwa die Ziehen- und die Wöhlerschule entlasten, die am sogenannten U-Bahn-Strang liegen und besonders hohe Anmeldezahlen haben. Andererseits soll sich das Gymnasium an Schüler mit naturwissenschaftlichem Interesse richten und mit den benachbarten Fachbereichen der Universität sowie weiteren Forschungseinrichtungen einen „Science Campus“ bilden.
Dies entspricht einem Trend, der seit geraumer Zeit zu beobachten ist: Die Gymnasien entwickeln ein Profil, sie spezialisieren sich. Durch besondere Internationalität zeichnet sich etwa das Goethe-Gymnasium aus, das in einem bilingualen Zug Fachunterricht auf Englisch erteilt und als Abschluss das „International Baccalaureate“ vergibt. Besonderen Wert auf Französisch wird an der Ziehenschule gelegt. Dort werden in der „Section bilingue“ Fächer wie Erdkunde oder Geschichte auf Französisch unterrichtet, und nach dem Abitur kann man das „Baccalauréat“ ablegen. Die Gymnasiasten der Freiherr-vom-Stein-Schule wiederum können demnächst neben dem Abitur die italienische Hochschulreife „Maturità“ erlangen.
Zwischen Allgemeinbildung und Spezialisierung
Der Förderung musikalischer Neigungen verschrieben hat sich die Musterschule mit zusätzlichen Musikstunden sowie Grund- und Leistungskurse Musik in der Oberstufe. Ebenfalls Wert auf musikalische Bildung legen die Helmholtzschule mit Bläser- und die Carl-Schurz-Schule mit Streicherklassen. Manche Schulen tragen eine besondere Prägung sogar im Untertitel, so firmiert das Liebig-Gymnasium als „Europaschule“ und das Wöhler-Gymnasium als „Umweltschule“. Das Lessing- und das Heinrich-von-Gagern-Gymnasium haben als humanistische Bildungsstätten ohnehin ein scharfes Profil. Sie führen die Tradition von Latein und Altgriechisch fort, bieten zugleich aber ein breites Spektrum neuer Sprachen.
Trotz der Tendenz zur Spezialisierung nehmen alle Gymnasien für sich in Anspruch, ihrem allgemeinen Bildungsauftrag gerecht zu werden. Freilich ist es in einer Klasse mit 30 Kindern nicht ganz einfach, das Humboldtsche Ideal der umfassenden Gelehrsamkeit mit Leben zu erfüllen. Schulleiter Kexel formuliert den Auftrag der Gymnasien denn auch etwas pragmatischer: „Wir müssen möglichst viele Kinder zum Abitur führen, Gesellschaft und Wirtschaft fordern höhere Bildungsabschlüsse.“
Andererseits ist er damit gar nicht so weit von Humboldt entfernt. Für den preußischen Staatsmann sollten die Gymnasien der Aufgabe nachkommen, „dass sie den höheren wissenschaftlichen Anstalten gehörig in die Hände arbeiten“. Mit anderen Worten: Die Schüler sollen das Rüstzeug erhalten, um später an einer Universität studieren zu können.