14.06.2005 · Daß behinderte Kinder, soweit und wo das möglich ist, an Regelschulen lernen sollen, ist ein pädagogischer Konsens. Den, so fürchten viele Eltern, kündigt das Staatliche Schulamt Frankfurt auf, mit schwerwiegenden Folgen für Familien.
Von Jacqueline VogtDaß behinderte Kinder, soweit und wo das möglich ist, an Regelschulen lernen sollen, ist ein pädagogischer Konsens. Den, so fürchten viele Eltern, kündigt das Staatliche Schulamt Frankfurt auf, mit schwerwiegenden Folgen für Familien. Anlaß zu der Befürchtung gibt die Ankündigung des Amtes, daß der sogenannte Gemeinsame Unterricht, in dem behinderte und nichtbehinderte Kinder in kleinen Klassen von meistens zwei Pädagogen betreut werden, neu strukturiert werden soll und daß die dafür notwendigen Stellen neu verteilt werden.
„Wir sehen nur Kürzungen“, sagt Jutta Funk, stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins der Römerstadtschule. Dort machen Erziehungsberechtigte ihrem Unmut seit Montag in einer Aktion Luft, die sie „Streik“ nennen: Jeden Tag werden Schüler dem Unterricht ferngehalten.
Auseinandersetzungen um Erbhöfe
Vollkommen unbegreiflich nennt Funk, was das Staatliche Schulamt als Schaffung stadtweit gerechter Zustände bezeichnet und worum es schon im vergangenen Schuljahr Auseinandersetzungen gegeben hatte. Beim Gemeinsamen Unterricht hätten sich im Laufe der Zeit Erbhöfe herausgebildet, über die neu verhandelt werden müsse, legte Hans-Rolf Eifert, der Leiter des Staatlichen Schulamts, unlängst im Gespräch mit dieser Zeitung abermals die Ansicht der Behörde dar, die dem Kultusministerium nachgeordnet ist.
Erbhöfe sind nach dieser Lesart dort, wo mit dem Gemeinsamen Unterricht unbestritten gute und wertvolle Arbeit geleistet werde - so auch an der Römerstadt-Grundschule, wie Eifert sagt -, wo aber zugleich die personelle Ausstattung so gut ist, wie sie in heutigen Zeiten wohl einfach nicht mehr sein kann, weil das Personal dann andernorts fehlt. Im vergangenen Jahr hat das dazu geführt, daß die traditionelle Doppelbesetzung mit jeweils einer Grundschul-Lehrkraft und einem Sonderpädagogen in den höchstens 20 Kinder großen Klassen mit Gemeinsamem Unterricht reduziert wurde. Seither dürfen die Sonderpädagogen nur noch maximal 20 Wochenstunden in einer Klasse verbringen.
„Realitätsfern“
Hintergrund der Anordnung war, daß das Staatliche Schulamt über viele Jahre hinweg aus dem Stellenpool „Sonderpädagogen“ weitaus mehr dem Gemeinsamen Unterricht zugeteilt hat, als das Kultusministerium vorgesehen hatte. Das wiederum war in einer Zeit, in der das Land insgesamt nicht mehr, sondern weniger Lehrer beschäftigt, für nicht mehr haltbar erachtet worden. Das hatten zum Beispiel auch Leiter von Sonderschulen so gesehen. „Nicht gegeneinander ausspielen“ hieß die Devise in der Pädagogen-Szene, „aber deutlich machen, wo es klemmt“. Schließlich wurde, nach vielen Elternprotesten, die Zahl der Stellen für den Gemeinsamen Unterricht von 74 um lediglich sieben auf 67 gesenkt. Wie viele es im nächsten Schuljahr sein werden und an welchen Schulen, will Eiferts Amt in der nächsten Woche mitteilen.
Wie es an der Römerstadtschule und andernorts weitergeht, so Jutta Funk, solle Eifert lieber heute als morgen sagen. Bislang sind die Informationen widersprüchlich. So hat die Schule die Auskunft bekommen, nur noch eine statt zwei Integrationsklassen aufmachen zu dürfen, weil nicht genügend Anmeldungen für Integrationsplätze vorlägen; die Heinrich-Seliger-Schule soll gar keine eröffnen dürfen. „Bei uns gab es 18 Anmeldungen“, so Funk. Das Schulamt aber erkennt nur drei an, weil die anderen Kinder aus anderen Schulbezirken stammen. Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf nur ganz wohnortnahe Schulen besuchen zu lassen sei aber vollkommen neu, sagt Funk; die dahinterstehenden, im Grunde begrüßenswerten Überlegungen seien realitätsfern.
Therapiemöglichkeiten in der Schule, ein integrativer Hort, „das gehört doch alles dazu“, meint die Mutter eines behinderten Jungen. In der Römerstadt gebe es all das, dort drohten jetzt bewährte Strukturen zerschlagen zu werden. Kritisierenswert sei das auch, weil ohnehin viel zu wenige Integrationsplätze an Regelschulen existierten. Das wiederum bestreitet das Staatliche Schulamt. „Wir bekommen jedes Kind unter“, sagt der zuständige Mitarbeiter Rainer Kilian. Ebenfalls in der nächsten Woche soll das belegt werden.
Jacqueline Vogt Jahrgang 1962, Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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