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Schulen und Unternehmen Raus aus dem schulischen Elfenbeinturm

19.10.2009 ·  Bereits 1953 wandte sich der Pädagoge Hans Perl Hilfe suchend an das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Inzwischen sind die Partnerschaften zwischen Schulen und Unternehmen professioneller geworden und oft im Rhein-Main-Gebiet zu finden.

Von Martin Gropp, Frankfurt
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Ein knallroter Plastikkoffer markiert den Aufbruch in eine gemeinsame Zukunft zwischen Anna-Schmidt-Schule und Deutscher Bahn. Franz Josef Eder aus der Personalabteilung der Bahn-Logistiktochter trägt den Koffer mit 20 Vorlesebüchern in die Frankfurter Privatschule und überreicht ihn dort Erstklässlern einer Montessoriklasse. Zuvor haben Eder und Schulleiterin Petra König im Klassenzimmer der Erstklässler einen Vertrag unterzeichnet, der eine Bildungspartnerschaft zwischen Schule und Konzern begründet: Die jüngeren Schüler sollen mit Hilfe der Bücherspenden der Bahn Lesen lernen, die älteren Schüler bei der Vorbereitung auf Berufs- und Studienwahl unterstützt werden – durch Betriebserkundungen und Praktika oder indem sie sich im Nachmittagskurs „Meine Karriere“ mit Mitarbeitern des Unternehmens austauschen.

Die Kooperationsvereinbarung, die nun seit einigen Wochen gilt, war nicht die erste, die die Anna-Schmidt-Schule in diesem Jahr abgeschlossen hat. Schon im Mai konnte sie die Fraport AG als Partner gewinnen. Weitere Partnerschaften sind laut Schulleiterin König in Planung, Namen möchte sie aber noch nicht nennen. „Heute kann Schule ohne außerschulische Partner nicht bestehen“, begründet sie ihre Suche nach Unterstützung aus der Wirtschaft. Ziel sei es, „unsere Schüler vorzubereiten, damit sie gut für das Leben aufgestellt sind“.

Zahlen sollen noch wachsen

Die Kooperationswilligkeit der Anna-Schmidt-Schule ist stark ausgeprägt, und ihre Partner sind besonders groß. Der Trend, dass Schulen und Unternehmen zueinanderfinden, beschränkt sich aber nicht auf die Frankfurter Privatschule, sondern ist, zumindest in der Rhein-Main-Region, eher die Regel. Überdies ist die Entwicklung nicht neu: Bereits 1953 wandte sich der Pädagoge Hans Perl Hilfe suchend an das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Das Problem des Berufsschullehrers aus Hildesheim: Er konnte seine Schüler kaum auf das Berufsleben vorbereiten, weil seinem Unterricht der Praxisbezug fehlte.

Auf Perls Initiative hin gründete sich die Bundesarbeitsgemeinschaft Schule-Wirtschaft, der inzwischen bundesweit etwa 22.000 Ehrenamtliche aus Lehrerkollegien, Schulverwaltung und Wirtschaft angehören. In 450 regionalen Arbeitskreisen bemühen sich Lehrer aller Schulformen um Kontakt zu gut 8200 Betrieben und Unternehmen. In Zukunft werden diese Zahlen noch wachsen, sagt Marion Hüchtermann, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft in Köln: „Wir merken, dass sich mehr Schulen öffnen.“

Trotz guter Noten keine Lehrstelle

Für die Lage in den einzelnen Bundesländern liegen keine detaillierten Zahlen vor. „Wir fragen nicht ab, wie viele Kooperationen es gibt“, sagt Jörg Friedrich von der Landesarbeitsgemeinschaft Schule-Wirtschaft Hessen. Außerdem liefen nicht alle Verbindungen über sein Büro. Anhand von Anfragen bemerke er aber eine bestimmte Entwicklung: „Es gibt den Trend, dass die Partner professioneller miteinander umgehen.“ Ein Schritt dahin ist zum Beispiel eine schriftliche Kooperationsvereinbarung, in der Ziele und inhaltliche Schwerpunkte festgelegt sind. „Mit so einem Vertrag kommen die Schulen aus der Bittstellerposition heraus und begegnen Unternehmen auf Augenhöhe“, sagt Friedrich.

Die Falk-Realschule im Frankfurter Gallusviertel unterhält seit gut sechs Jahren eine vertraglich geregelte Lernpartnerschaft mit Kaufhof, vor zwei Jahren kam eine zweite mit dem Finanzamt hinzu. Die Partner bieten Plätze für die Betriebspraktika in Klassenstufe acht und neun an. Oder sie schicken Mitarbeiter in die Klassen, etwa um mit den Schülern Bewerbungsgespräche zu trainieren. „Wir hatten bemerkt, dass selbst Schüler mit guten Noten keine Lehrstelle fanden, und uns deshalb gefragt, was die Betriebe erwarten“, nennt Lehrerin Regula Waigand als Grund, sich nach außen zu öffnen.

Immer wieder „Klinken putzen“

Auch bei der Weißfrauenschule, einer Förderschule im Frankfurter Bahnhofsviertel, führte eine schlechte Vermittlungsrate zur Öffnung. „Mitte der neunziger Jahre hatten wir eine desolate Quote von fünf Prozent pro Jahrgang, die eine Ausbildungsstelle fanden“, sagt Konrektor Jens Bachmann. Seine Kollegen und er gingen damals davon aus, dass die niedrige Quote damit zusammenhinge, dass ihre Schüler sprachbehindert sind.

Dann aber fingen die Lehrer an, bei Unternehmen rund um die Weißfrauenschule „Klinken zu putzen“, wie Bachmann sagt. Sie wollten Praktikumsplätze organisieren und direkte Kontakte zu Betrieben herstellen. Dabei zeigte sich, dass die Sprachbehinderungen nicht das ausschlaggebende Kriterium waren. „Langfristig entscheidet die persönliche Beziehung zwischen Schüler und Chef“, sagt Bachmann. „Wenn der Chef einen Schüler kennt und mag, dann ist es egal, wie der spricht.“ Inzwischen habe er keine Probleme mehr, seine Schüler in Praktika zu vermitteln. „Dafür mussten wir aber erst einmal aus unserem Elfenbeinturm Schule herauskommen.“

„Durch die Kontakte haben sich die beruflichen Perspektiven der Schüler verbessert“

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) begrüßt Kooperationen zwischen Schulen und Unternehmen unter einer Bedingung: „Solange es um Berufsfindung und Information geht, haben wir damit kein Problem“, sagt Herbert Storn vom GEW-Bezirksverband Frankfurt. Schwierig werde es aber, wenn mögliche Partner aus der Wirtschaft selbst vom Verkauf von Berufsinformations- und Beratungsleistungen lebten.

Für die Weißfrauenschule hat sich die intensive Kontaktsuche zu kleinen und mittleren Unternehmen ausgezahlt: Inzwischen bietet die Schule neben dem Hauptschul- auch den Realschulabschluss an. „Durch die Kontakte haben sich die beruflichen Perspektiven der Schüler verbessert und damit auch die Leistungsstandards“, erklärt Konrektor Bachmann. Und die Vermittlungsquote ist nach Bachmanns Angaben von 5 auf mehr als 50 Prozent gestiegen.

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