01.09.2009 · An vielen Schulen wird über die Dauer der Unterrichtsstunden diskutiert. Die Carl-Schurz-Schule in Frankfurt-Sachsenhausen hat daraus Konsequenzen gezogen: An dem Gymnasium werden sämtliche Klassen in Zeitstunden unterrichtet. Der herkömmliche 45-Minuten-Rhythmus gehört der Vergangenheit an.
Von Matthias TrautschEin Schuljahr im Ausland kann den Horizont erweitern, das bestätigt sich immer wieder. Vor rund drei Jahren wechselte Jan Körner, bis dahin Schüler des Frankfurter Carl-Schurz-Gymnasiums, an die St. Clare’s International School nach Oxford. Dort habe er „eine neue, angenehmere Art des Lernens und des Arbeitens“ kennengelernt, erinnert er sich. Dass er mit Freude zur Schule gegangen sei, habe an den kleineren Klassen und dem Ganztagsunterricht gelegen, aber auch am anderen Rhythmus.
Statt wie hierzulande üblich im 45-Minuten-Takt sei dort in vollen Zeitstunden unterrichtet worden. Das habe ihm und seinen Klassenkameraden erlaubt, den Stoff besser zu verstehen und zu verarbeiten. „Auf einmal war Zeit für Fragen und auch die nötige Zeit, um ein Thema ordentlich und abschließend abzuhandeln.“ Ein anderer Vorteil der 60-Minuten-Stunde sei, dass die Zahl der an einem Tag unterrichteten Fächer sinke. Somit könnten sich die Schüler besser auf die einzelnen Stunden und auch auf den Tagesablauf als Ganzes einstellen.
Entwicklung zum Ganztagsunterricht
Die Auslandserfahrungen seines ehemaligen Schülers haben Volker Räuber, den Leiter der Carl-Schurz-Schule, darin bestärkt, dass sich sein Gymnasium auf dem richtigen Weg befindet: Seit Beginn des Schuljahrs werden nämlich an der Schule in Sachsenhausen sämtliche Klassen in Zeitstunden unterrichtet. Der herkömmliche 45-Minuten-Rhythmus werde oft als hektisch empfunden, sagt Räuber. Lernergebnisse seien in dieser Spanne kaum zu festigen, ein Wechsel der Methoden sei schwierig. 60 Minuten erlaubten hingegen eine Strukturierung, die den Anforderungen an effektives Lernen und den Bedürfnissen der Schüler entspreche.
Die Diskussion über die Dauer der Unterrichtsstunden, die auch an vielen anderen Schulen geführt wird, hängt eng zusammen mit der Entwicklung zum Ganztagsunterricht. Einerseits ist dadurch mehr Zeit vorhanden, um das Lernprogramm über den Tag zu verteilen, andererseits muss der Ablauf durchdachter sein als beim Halbtagsunterricht. Phasen kognitiver, musischer, handwerklicher und körperlicher Beanspruchung sollten sich abwechseln, und außerdem sollten die Schüler auch genügend Gelegenheit zur Regeneration finden. Grundschulen und Integrierte Gesamtschulen sind in dieser „Rhythmisierung“ des Unterrichts den Gymnasien meist voraus.
Unterricht abwechslungsreicher gestalten
Doch auch dort stellt sich, beschleunigt von der Diskussion um die Schulzeitverkürzung G8, ein Bewusstseinswandel ein. Der Deutsche Philologenverband, der die Lehrer an Gymnasien vertritt, plädiert dafür, dass Gymnasien mit achtjähriger Schulzeit zumindest teilweise zu Ganztagsschulen umgebaut werden. „Dann ist eine andere Rhythmisierung des Unterrichts möglich, wodurch etwa Förderstunden in den Stundenplan integriert werden könnten“, sagt der Bundesverbandsvorsitzende Heinz-Peter Meidinger.
Auch der Verband Bildung und Erziehung hält eine Abkehr vom 45-Minuten-Korsett für wünschenswert. Viele Inhalte ließen sich nicht in eine Dreiviertelstunde pressen, sagt der Landesvorsitzende Helmut Deckert. Allerdings müssten sich die Lehrer auf eine volle Zeitstunde anders vorbereiten. Zum Beispiel sollten sie den Unterricht abwechslungsreicher gestalten: „Man kann nicht eine Stunde Frontalunterricht machen“, sagt Deckert.
Aufwendige Neuorganisation
Auch organisatorisch stellt die Rhythmisierung die Schulen vor eine große Herausforderung. Vergleichsweise einfach ist es noch, von den herkömmlichen Einzel- auf Doppelstunden umzustellen. Dementsprechend haben sich schon eine Reihe von Gymnasien für den 90-Minuten-Takt entschieden. Aus pädagogischer Sicht ist dies aber keine ideale Lösung, denn die Aufmerksamkeitsspanne vieler Schüler lässt sich nicht auf eineinhalb Zeitstunden ausdehnen.
Der 60-Minuten-Takt entspricht zwar eher dem natürlichen Lernrhythmus der Schüler, ist aber mit einer aufwendigen Neuorganisation verbunden. Denn die sogenannte Stundentafel, also die gesetzlich festgelegte Zahl der jeweiligen Fachstunden, orientiert sich am 45-Minuten-Raster. Eine umstandslose und rechnerisch genaue Umstellung wäre also nur bei vier oder acht kurzen zu drei respektive sechs langen Unterrichtsstunden gegeben. Was aber soll geschehen, wenn für ein Fach beispielsweise zwei oder sechs Wochenstunden à 45 Minuten vorgeschrieben sind?
„Sehr positive Eindrücke“
Für diese und ähnliche Schwierigkeiten haben Schulleiter Räuber und sein Kollegium in den vergangenen Monaten Lösungen gefunden. Unterstützt wurden sie dabei vom Staatlichen Schulamt für Frankfurt. Wie dessen Sprecher Dieter Sauerhoff sagt, muss die Behörde zwar darauf achten, „dass der Unterricht, der geschuldet ist, auch geleistet wird“. Andererseits habe das Schulamt alles getan, um das Modellprojekt des Sachsenhäuser Gymnasiums zu ermöglichen, „denn als Pädagogen sind wir der Meinung, dass der 45-Minuten-Takt nicht für alle Situationen der Weisheit letzter Schluss ist“.
Soweit sich dies wenige Tage nach Schuljahresanfang schon sagen lässt, hat sich die Umstellung an der Carl-Schurz-Schule bewährt. Volker Räuber berichtet jedenfalls von „sehr positiven Eindrücken“, die er im Gespräch mit Schülern und Kollegen gewonnen habe. Der Unterricht verlaufe gelassener als zuvor, Themen ließen sich intensiver bearbeiten. Allerdings müsse der Verlauf des Modellversuchs noch beobachtet, diskutiert und evaluiert werden, gibt Räuber zu bedenken.
„Das Miteinander erleichtern“
Jan Körner, der inzwischen Deutsche und Englische Rechtswissenschaften am King’s College in London studiert, wünscht seiner ehemaligen Schule alles Gute bei ihrem Modellversuch. „Ich finde es klasse, dass die Carl-Schurz-Schule diesen Schritt wagt.“ Er habe in England erlebt, „wie sehr diese extra 15 Minuten uns Schülern das Lernen, den Lehrern das Lehren und der gesamten Schulgemeinde das Miteinander erleichtern“.
Klingt vernünftig...
Felix Schumacher (FPSchumacher)
- 01.09.2009, 11:35 Uhr
lernen im neuen rhythmus
guido marhenke (buckleup)
- 01.09.2009, 12:35 Uhr