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Schuhputzer : Schuhe machen Leute

  • -Aktualisiert am

Heute ein König: Thomas Ganick und ein Kunde. Bild: Helmut Fricke

Palmenwachs und Rosshaarbürsten sind seine wichtigsten Arbeitsmittel. Der Schuhputzer Thomas Ganick kann von seiner Dienstleistung leben.

          Thomas Ganick krempelt Hosenbeine nach oben. Es sind nicht seine eigenen Hosenbeine. Sie gehören zu einem Mann, der Thomas Ganick gerade sehr gut auf den Kopf schauen kann. Der Bankangestellte sitzt auf einem erhöhten Stuhl aus schwerem, braunem Eschenholz mit rotem Lederbezug und hat seine Füße auf zwei kleine Podeste gestellt. Thomas Ganick lässt die Rosshaarbürste über die Schuhe des Mannes sausen, ritsch-ratsch, wusch-wusch. Der Staub ist das Erste, das weg muss.

          Thomas Ganick putzt die Schuhe anderer Leute und verdient damit seinen Lebensunterhalt. Jetzt im Winter läuft das Geschäft: Salzränder, Wasserflecken, Matschreste – Ganick ist zufrieden. Vor knapp vier Jahren ist der Siebenundvierzigjährige von Berlin nach Frankfurt gezogen.

          „Jeder will saubere Schuhe haben, also kommen die Menschen zu mir“

          „Es gibt viele Schuhe, die ich aus der Stadt rausholen kann und die Wege sind kurz“, sagt Ganick. Die Mainmetropole habe viel Potential: Aktienhändler, Immobilienmakler, Banker und Unternehmer. Menschen, die viel Geld für Schuhe ausgeben, Menschen, die sich für Geld die Schuhe putzen ließen. Ganick kommt zu ihnen ins Büro, nach Hause oder lässt sich von Firmen auf Messen und Veranstaltungen buchen, auf denen er kostenlos die Schuhe der Kunden reinigt. Dafür erhält er zwischen 500 und 1000 Euro täglich – je nachdem, ob ihn Stammkunden beauftragen und für wie viele Tage er bestellt wird.

          Wie an diesem Tag in einem Frankfurter Nobelhotel. Eine Ratingagentur hat ihn für ein Kredit-Seminar gebucht. Ganick entwickelt sich bei solchen Veranstaltungen meist zu einem Magneten. Er zieht die Leute an. „Jeder will saubere Schuhe haben, also kommen die Menschen zu mir.“ Der Schuhputzer ist eine attraktive Alternative für Unternehmen, die sonst gern Kugelschreiber und Schlüsselbänder verteilen.

          Erst kreisend, dann hoch und runter

          Zwei Stunden hat der hagere Mann mit den tiefen braunen Augen gebraucht, um seine rund 200 Kilo schwere Ausrüstung im Hotel aufzubauen: Schuhputzstuhl, Schemel, Regale, Bürsten, Öle, Palmenwachse. Zu den Arbeitsutensilien kommen Dekorationstücke, die Ganick für das richtige Ambiente aufstellt: ein aufgeschnittenes Paar Schuhe, Ledertaschen und Schuhspanner, eine Sanduhr, eine Rezeptionsklingel und eine Weltkugel.

          Ganick tupft jetzt mit einer kleinen Bürste in eine Dose voller Palmenwachs. Langsam streicht er es über die Schuhe. Erst oben, unterhalb der Schnürsenkel, dann an den Seiten des Schuhs. Kraftvoll schwingt er die Bürste, kreisend geht es auf und ab, hoch und runter. Ganick sitzt auf einem kleinen Schemel, der ebenso braun und rot wie der Schuhputzstuhl ist.

          So viel Lob wie noch nie

          Ganick rollt auf seinem Schemel vor den Füßen seines Klienten hin und her, so kraftvoll sind seine Bewegungen. Er lehnt sich über die Schuhe, den Kopf neigt er zur Seite. Die graue Tweedkappe sitzt fest auf seinem Kopf. Sie passt zur übrigen Kleidung. Der Schuhputzer trägt graue Hose, schwarzes Hemd mit roten Knöpfen und lilafarbene Weste. Seine Schuhe glänzen mehr als alle anderen im Raum.

          Seine braunen Lederschuhe verraten ihn als jemanden, der Fußbekleidung lieben muss, 900 Euro hat das Paar gekostet, es stammt von einem Traditionsunternehmen. Vor sechs Jahren hat Ganick noch Schuhe einer Billigkette gekauft, 15 Euro hat er damals für ein Paar ausgegeben. Dann gründete er sein Ein-Mann-Unternehmen. Für ihn ist es der beste Job aller Zeiten. So viel Lob wie dabei habe er noch nie erhalten. Und Thomas Ganick hatte schon viele Jobs.

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