22.05.2009 · Die Intendantin Elisabeth Schweeger verlässt das Schauspielhaus zum 6. Juni. Lobende Worte zum Abschied gab es schon jetzt.
Von Michael Hierholzer, FrankfurtDie Intendantin geht. Nach acht Jahren verlässt Elisabeth Schweeger das Frankfurter Schauspielhaus mit dem Ende dieser Saison. Am 6. Juni ist Schluss. Zum offiziellen Abschied gab es jetzt schon einmal einen Empfang im Römer. Im Kaisersaal. Unter den gestrengen Blicken der deutschen Herrscher aus vergangenen Jahrhunderten erhielt eine Theatermacherin Applaus, die gewiss zu den „streitbaren Geistern“ gehört. Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) äußerte in ihrer Ansprache, sie habe das Gefühl, es gebe nur noch weibliche Exemplare davon.
Das Stadtoberhaupt stellte weiterhin fest, dass es „in den letzten Jahren nie langweilig war im Theater“. Langeweile sei das Schlimmste, was einem dort widerfahren könne. Eine deutliche Verjüngung des Publikums habe es gegeben. Das Haus sei für „andere Kulturen“ geöffnet worden. Dabei habe die Intendantin Spiel und Intellektualität verbunden, sei auf die Modernität und die kritische Tradition der Stadt eingegangen. Und Roth überraschte die Bühnen-Chefin mit der Erkenntnis: „Sie beherrschen die hohe Kunst der Streitkultur.“
Wolf Singer: „Ein Stück Realität“ geschaffen
Der frühere Kulturdezernent Hilmar Hoffmann saß unter den zahlreichen Gästen, sein Nach-Nachfolger Hans-Bernhard Nordhoff war, wie man erfahren konnte, verhindert, was er sehr bedaure – schließlich hatte er Elisabeth Schweeger nach Frankfurt geholt und am Anfang mit ihr so manchen Strauß ausgefochten. Gekommen waren ihr Kollege von der Oper Bernd Loebe, ihr Vor-Vorgänger auf dem Intendantenposten Günther Rühle und viele, viele Schauspieler, die sie auf den verschlungenen Pfaden ins Herz des Frankfurter Publikums begleiteten. Auch Theaterleiter wie Willy Praml, Michi Herl und Winfried Becker gaben sich die Ehre, ebenso der frühere Städel-Direktor und jetzige Kulturfonds-Geschäftsführer Herbert Beck sowie die Direktorin des Museums für Moderne Kunst, Susanne Gaensheimer.
Der Hirnforscher Wolf Singer würdigte in seiner von der Freundschaft zur scheidenden Theaterfrau zeugenden Rede diese als Person, die „ein Stück Realität“ geschaffen habe, dessen Verlust jetzt schon zu spüren sei. Sie habe „unsere Rezeptionsweise verändert“. Was sich bewege, sei „sehr unsterblich“. Daran bemessen, „bist du sehr unsterblich, Elisabeth“. Sogar einen kleinen Exkurs in sein Forschungsgebiet gab der Naturwissenschaftler, indem er auf den Unterschied zwischen der Wahrnehmung von Naturtatsachen und kulturellen Phänomenen hinwies. Bei Letzteren gebe es kein Vorwissen, wie es sich im Verlauf der Evolution hinsichtlich der äußeren Welt herausgebildet habe. Daher die oft so unterschiedlichen Kunsturteile, die von der jeweiligen Erfahrung des Kritikers abhingen.
Eine sichtlich bewegte Intendantin sprach in ihrer Dankesrede von einer „aufregenden, sehr intensiven Zeit“. In Frankfurt prallten unterschiedliche Welten aufeinander, die das Leben hier so interessant machten. Darauf habe ihr Theater reagieren wollen. „Wir haben mit unserem Programm sicherlich polarisiert“, sagte sie. Aber die Stadt rede wieder über das Theater. Am Ende standen alle auf und applaudierten. Anhaltend.