07.02.2010 · In den 25 Bürgerhäusern der Saalbau treffen sich Vereinsmeier, Junggebliebene und ganz normale Frankfurter.
Von Rainer Schulze, FrankfurtBridge stiftet Freundschaften und Feindschaften. Im Saalbau Bockenheim erzählt man sich einen Witz von einem Ehepaar, das zu viel zusammen gespielt hat. Es ist einer der Gattung „Kommt ein Mann zum Arzt“. Die blauen Flecken am Schienbein lassen den Doktor einen Sturz vermuten. „Nein. Ich spiele Bridge mit meiner Frau“, klagt der Patient.
Erika Bressau und Rodica Kula harmonieren wort- und wahrscheinlich auch trittlos. Sie sitzen sich schweigsam an einem Tisch am Fenster gegenüber, abgesehen von einsilbigen Kommandos wie „Cœur“ und „Treff“. Bei einem Bridge-Turnier herrscht strenges Redeverbot. Wenn einer quatscht, ruft ihn der Turnierleiter zur Ordnung. Kein Laut soll die Konzentration stören. Nur nach der Runde füllt eine knappe Minute lang Gemurmel den Raum, bis die Karten wieder ausgeteilt sind.
Das Paarturnier ist ihr heilig
„Siehst du, so was habe ich gerochen“, sagt Rodica Kula nach einem Spiel. „Mehr als zehn Punkte kann ich auch nicht sagen“, antwortet Erika Bressau pikiert. Seit 15 Jahren spielt sie regelmäßig, seither prägt Bridge – „das ideale Spiel für Alleinstehende und Witwen“ – ihr Leben. Bridge-Reisen, Bridge-Turniere, Bridge-Kaffeekränzchen. Sie hat sich über ihre Leidenschaft zum Kartenspiel einen Freundeskreis aufgebaut, man fährt gemeinsam in den Urlaub. „Jeder reißt sich um sie, weil sie so gut spielt“, beschreibt Frau Kula ihre Spielpartnerin.
Das Paarturnier des Turnier-BridgeClubs 1958 am Freitagnachmittag im Saalbau Bockenheim ist Frau Bressau heilig. In anderen Städten gingen Clubs daran zugrunde, dass ihnen die Räume fehlten, sagt sie. Das Angebot der Saalbau sei daher gar nicht hoch genug einzuschätzen. Bridge, die Königin unter den Kartenspielen, wird in Bockenheim seinem Ruf gerecht. Gepflegte ältere Damen mit geraden Rücken und wachem Geist nehmen an den Tischen Platz. „Es ist nicht nur ein Spiel für alte Damen, die Gin trinken. Aber es gibt eine gewisse Etikette“, sagt Turnier-Organisatorin Katharina Jumpertz.
Training für das Gehirn
Auf andere Kartenspiele blickt die Runde lächelt herab. „Rommé? Pfff. Das spiele ich mit meinen Enkeln“, sagt eine Frau im orangefarbenen Pullover. Nur wenige Männer mischen sich unter die Damengesellschaft. Stewart Reddell in seinem Tweed-Jacket mit Einstecktuch ist ein lebendes Klischee. „In England habe ich vor 40 Jahren mit Whist begonnen. Bridge ist ähnlich und ein interessantes, sehr geselliges Hobby“, sagt er mit ungekünsteltem Oxford-Akzent.
Während es draußen langsam zu dämmern beginnt, kommt Trudi Klaus aus Sachsenhausen ins Erzählen. Sie hat erst nach der Pensionierung angefangen, Bridge zu lernen, um ihr Gehirn zu trainieren. Es dauere Jahre, bis man es in dem Spiel zur Perfektion gebracht habe. „Es lenkt wunderbar ab. Wenn sie Wehwehchen haben oder ein Tief – beim Bridge vergisst man das“, sagt sie und mischt die Karten.
Fastnacht, Fastnacht, Fastnacht
Der Frankfurter Bridge-Club 1958 ist einer von zig Vereinen, die das Programmheft der vor 151 Jahren gegründeten Saalbau füllen. Rhetorik-Clubs, Wanderfreunde, die Landsmannschaft Schlesien und der Verein der Damenfriseur-Perückenmacher und Gehilfen treffen sich in den 25 Bürgerhäusern der Stadt. Es gibt Meditationskurse für angehende Buddhisten, die Frankfurter Meerschweinchen-Show, die Ausstellung der Bonsai-Freunde, Esoteriktage, Börsen für Kameras, Uhren, Schmuck und Briefmarken, Diaschauen über Panama und die Deutschordenskirche. Vorträge zu allen möglichen Themen wie „Finde den Job, der dich glücklich macht!“, „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ oder „Alles über Senf“ sind im Programm. Und Fastnacht, Fastnacht, Fastnacht. Die Parteien halten in den Saalbauten ihre Parteitage, die Ortsvereine diskutieren über Verkehrsberuhigungen und Bauprojekte, Unternehmen veranstalten Firmenfeiern und Auktionärsversammlungen. Für Hochzeitsgesellschaften und Kabarettaufführungen ist die Nikolaus-Kapelle in Bergen-Enkheim, die zur Saalbau gehört, wie geschaffen. Und die Säkularen Humanisten fragen im Saalbau Bornheim, wo die Turngemeinschaft dienstags und mittwochs ihre Tischtennisplatten aufbaut: „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“
An einem Donnerstag im Monat ist sie dort ziemlich wirklich: Rentnerpaare drehen sich auf dem Parkett des mit Girlanden geschmückten großen Saals, eine alte Dame tanzt allein. Auf der Bühne steht Jutta Thomasius neben dem Odeon Orchester, plaudert zwischen zwei Stücken über die Tücken und die Freuden des Älterwerdens und interviewt zwei Schauspieler, die zurzeit im Fritz Rémond Theater auftreten. Für die Moderation des „Caféhauses“ reist die Journalistin und Grande Dame der „Frankfurter Neuen Presse“, die in diesem Jahr ihren 87. Geburtstag feiert, jedes Mal vom Bodensee an. Selbst schlecht geräumte Autobahnen halten sie nicht ab.
„Viele kommen seit Jahren“
Die Gäste sind begeistert. „Ohne die Jutta Thomasius wäre das nichts“, sagt Werner Voltz, der mit seiner Frau Angelika aus Aschaffenburg gekommen ist, um zu „lässiger Musik“ zu tanzen. „So etwas gibt es nirgends. Es ist toll, dass sich die Stadt das leistet“, sagt er. Bei der Bücherverlosung – Jutta Thomasius hält Krimis und Ratgeber in die Höhe und sagt: „Tun Sie mir den Gefallen: Lesen Sie!“ – rät der Aschaffenburger lauthals mit. Seiner Frau ist das etwas unangenehm. Sie stupst ihn dann leicht am Knie.
Einmal im Monat begrüßt Karl-Heinz Schmidt, der sich bei der Saalbau um den Veranstaltungsservice kümmert, 50 bis 90 ältere Leute zum „Caféhaus“, eine der wenigen Veranstaltungen, die die Saalbau noch selbst austrägt. Selten muss Schmidt auch den Rausschmeißer spielen. Einen älteren Herrn, der lieber tanzen als zuhören wollte, geleitet er galant zur Tür. „Viele kommen seit Jahren“, sagt er.
Man kennt sich
Roswitha Walker und ihr Mann Ulrich haben Ausdauer. Von einer Knieoperation vorübergehend außer Gefecht gesetzt, sind sie erstmals seit einem Dreivierteljahr wieder dabei. Das Ehepaar aus Heddernheim tanzt durchs Leben. 1961 haben sie sich in der Tanzschule Werneke kennengelernt. Jive, Boogie und Tango Argentino haben sie drauf. „2008 waren wir 52 Mal tanzen“, sagt Herr Walker.
Man kennt sich im Saalbau Bornheim. Befreundete Paare sitzen gemeinsam am Tisch. Marianne und Erich Knoll aus Bad Vilbel machen gerade eine Pause. Beim Tanzclub Rondo Grün-Gold waren sie dabei, bis sich der Verein auflöste, weil der Nachwuchs fehlte. „Nur Breakdance ist nicht unser Fall“, sagt Herr Knoll, der das „Caféhaus“ bei fünf Euro Eintritt „preiswert und ausgezeichnet“ findet.
Es ist längst dunkel, als die Tänzer beschwingt den Saal verlassen. Nach dem „Caféhaus“ kommen die Staudenfreunde. Was die machen, weiß der Pförtner auch nicht so genau.