20.02.2011 · Schwerter aus Schaumstoff und Fiberglas, Hemden aus Metall und eine neue Identität: Beim Rollenspiel leben Menschen ihre Träume.
Von Kristin Haug, FrankfurtEin Schrei zerteilt die Luft. Die Maid mit dem roten Baumwollkleid, dem schweren Pelzmantel und dem braunroten Fuchsfell um den Schultern kann sich nicht wehren. Binnen Sekunden packen sie Banditen und verschleppen sie in die Tiefen des Frankfurter Stadtwaldes. Die Wege sind matschig, die Bäume noch kahl, unter den Schritten knacken leblose Äste und am Himmel bringen die Winde die Wolken durcheinander.
An diesem Februartag laufen rund 30 Rollenspieler durch den Stadtwald, um für einige Stunden zu vergessen, wer sie sind. Viele von ihnen nehmen zum ersten Mal an einem „Life Action Role Play“ (Larp) teil. Sie flüchten sich in andere Zeiten und fiktive Welten, aus Bankangestellten werden Magier, aus Schülern Knappen und aus Managern Vagabunden. Mal spielt die Handlung eines Rollenspiels im Mittelalter, mal in ferner Zukunft – aber immer in der Phantasie.
„Larp ist für mich eine Möglichkeit, meine Träume auszuleben“
Die ersten Live-Rollenspiele sind vor rund zwanzig Jahren aus Amerika nach Deutschland gekommen. Ihren Ursprung fand die Bewegung, als Laienschauspieler die Schlachten des amerikanischen Bürgerkriegs nachahmten. Wie im Improvisationstheater geben die Veranstalter bestimmte Szenarien vor, in denen sich die Teilnehmer bewegen und mit neuen Identitäten miteinander interagieren. Sogenannte Nicht-Spieler, steuern dabei die Handlung, indem sie die Spieler überfallen oder Fährten legen. Die Improvisation der Akteure entscheidet darüber, wie der Tag verläuft. Die Teilnehmer tragen Konflikte aus, lösen Rätsel und kämpfen gegen Tagediebe, Zolleintreiber oder dunkle Magier.
Im Stadtwald macht sich Yezariael mit seinen Knappen, Kriegern und Heilkundigen auf die Suche nach der entführten Maid. Yezariael ist in der Welt des Larp ein angehender Ritter. In der Wirklichkeit heißt der Zwanzigjährige David Clemens und leistet seinen Grundwehrdienst. „Larp ist für mich eine Möglichkeit, meine Träume auszuleben“, sagt er. Für Fantasy und Mittelalter konnte er sich schon immer begeistern. Ihm gefällt es, fiktive Geschichten am eigenen Körper zu erleben. Clemens hat einen wachen Blick, ist hilfsbereit und gibt sich dem Rollenspiel mit großer Leidenschaft hin. „Ich bin ein ganz normaler Junge“, sagt er. In seiner Rolle als Yezariael sei es ihm möglich, als „rechtschaffen-dämlicher Schildknappe“ das Böse zu bekämpfen und dem Guten zum Sieg zu verhelfen.
Männer in Kettenhemden
Jeder Spieler sucht sich einen Charakter aus, den er über mehrere Jahre beibehält und der sich weiter entwickelt. Meist organisieren sich Larper in Gruppen, die in einem fiktiven Land leben. Yezariael stammt etwa aus dem „Fürstentum Lodrien nahe der Mittellande“. Stimmungsvolle Schauplätze verleihen den Rollenspielen die gewünschte Atmosphäre. Yezariael und seine Mitstreiter treffen sich nicht nur zum Kämpfen im Wald, sondern auch zur Hofhaltung auf alten Burgen und Schlössern. Dort kommen Ritter und Knappen zur Minne zusammen und betören die edlen Damen mit Lyrik und Gesang. Für die Hofhaltungen hat David Clemens im wahren Leben sogar begonnen, Harfe zu lernen.
Die Frauen in Yezariaels Truppe tragen Leinenhosen, Tunikas, Wildlederstiefel, Lederbeutel und weite Umhänge mit Kapuzen. Die Männer haben sich in Kettenhemden gehüllt, einige von ihnen haben darüber dicke, schwere Wolljacken an. Eine komplette Bekleidung kann bis zu zwanzig Kilogramm wiegen. Bewaffnet sind die Rollenspieler mit Schwertern, Schlagkeilen, Streitäxten und Schilden, die innen aus Fiberglas und Schaumstoff bestehen und außen mit Latex überzogen sind. Die Illusion soll perfekt sein: Gegenstände aus der heutigen Zeit wie Uhren oder Handys sind während der Treffen verpönt.
Rot und Gelb stünden für Ehre, Treue und Schutz
Auf der Suche nach der entführten Maid treffen Yezariaels Krieger auf Wegelagerer, die Zollgeld verlangen. Weil sich die Vagabunden nicht mit Worten überzeugen lassen, greift die Truppe an. Nach den Regeln des Larp dürfen die Spieler nicht mit den Händen kämpfen. Zudem ist es verboten, mit voller Wucht und auf den Kopf zu schlagen.
In der ersten Reihe steht Adrian Laube in einem Kettenhemd mit Schild und Streitkolben. Der Sechzehnjährige heißt an diesem Tag Cilkly Rain und ist der Page von Sir Gregory. Er trägt die Farben seines Herrn. Rot und Gelb stünden für Ehre, Treue und Schutz, sagt Adrian.
Rollenspiele können bis zu fünf Tage dauern
Schon vor drei Wochen hat er sich auf diesen Tag vorbereitet. In einem Garten in Frankfurt-Höchst trainiert er an einem Samstag im Januar Angriff und Abwehr. Adrian schwitzt. Mit kleinen Schritten versucht er den Hieben seines Herrn auszuweichen. „Wenn du dich aus der Mitte heraus bewegst, dann wirst du getroffen“, sagt Sir Gregory. Der Ritter reißt sein Schwert in die Höhe, lässt es durch die Luft sausen und knallt es gegen die Waffe seines Pagen. Sir Gregory heißt in Wirklichkeit Ingo Allermann. Der 32 Jahre alte Student bildet Adrian zum Ritter aus. Vor vier Monaten hat der schmächtige Schüler mit dem Hobby begonnen. Er habe schon am Computer Rollenspiele ausprobiert, aber real sei das etwas ganz anderes, findet Adrian.
Ingo Allermann begeistert sich schon seit 13 Jahren für das Rollenspiel. In Deutschland gebe es mittlerweile rund 30.000 Larper, schätzt er. Seit zehn Jahren organisiert Allermann selbst Veranstaltungen. Dafür sucht er geeignete Orte, kümmert sich um Versicherungen für die Teilnehmer und überlegt sich Handlungen. Auf einer Homepage informiert er über die geplanten Rollenspiele. Diese können mitunter bis zu fünf Tagen dauern, an denen die Spieler ihre Nächte in Zelten und am Lagerfeuer verbringen. Allermann liebt sein Hobby, er bildet gern aus und geht in seiner Rolle auf. Dennoch möchte er das Rollenspiel nicht mit der Realität vermischen. Es gebe Menschen, die übertrieben es, sagt er. Spieler, die auch im Alltag nicht von ihrer Rolle lassen könnten, die ihre magischen Amulette nicht ablegten oder in ihrer Verkleidung auf die Straße gingen. Allermann möchte nicht in einer anderen Zeit leben. „Ich freue mich immer über eine warme Badewanne und eine Ofenpizza, wenn ich abends von einer Veranstaltung komme.“
Einen Spielleiter gibt es auch
Im Stadtwald haben Yezariaels Krieger die Wegelagerer in die Flucht geschlagen. Einige von ihnen stöhnen vor Schmerzen und lassen sich ihre fiktiven Wunden verbinden oder von Alchemisten heilen. „Es ist schön, dass alle ihre Rolle ernst nehmen und die Verletzungen ausspielen“, sagt Yezariael alias David Clemens. Gerade bei einem Live-Rollenspiel für Anfänger mache es viel aus, wenn jeder in seiner Rolle bliebe und sich an der Sprache des Mittelalters orientiere.
Zwischen den Spielern läuft Ingo Allermann umher. Im Frankfurter Stadtwald ist er an diesem Tag nicht Sir Gregory, sondern hat die Spielleitung übernommen. Allermann trägt eine neongelbe Weste, damit er sich deutlich von den Spielern unterscheidet. Er beantwortet Fragen, erklärt, wie die Kräfte der Heiler wirken und gibt den Anfängern Tipps, wie sie Spuren lesen können. Um Allermanns Hals baumelt ein Walkie-Talkie. Über das Funkgerät bespricht er mit den anderen Nicht-Spielern, wo sie sich als nächstes aufstellen sollen. An diesem Tag warten auf die Spieler noch böse Waldgeister und Räuber, die sie aus dem Hinterhalt angreifen.
Gemeinsam setzen Yezariaels Gefährten ihre Suche nach der entführten Maid fort. Den Frauen ist es mittlerweile etwas kalt geworden, ihre Hände sind rot und die Finger klamm. Auf dem Waldweg steckt sich ein Mädchen eine Zigarette an, ein anderes verteilt Schokolade. Manchmal ist die Realität doch nicht so weit entfernt.