Im Streit um den Abriß von Teilen der westlichen Riederwaldsiedlung könnten schon bald die Gerichte bemüht werden. Der Vorstand des Volks-, Bau- und Sparvereins Frankfurt eG (VBS) erwägt nach eigenen Angaben juristische Schritte, um doch noch den Abbruch von Wohnhäusern und einer Ladenzeile in der Arbeitersiedlung gegen den Willen der Stadt und der Anwohner durchsetzen zu können. Wie berichtet, will das genossenschaftliche Wohnungsunternehmen entlang von Max-Hirsch-Straße, Schultze-Delitzsch-Straße und Rümelinstraße Platz schaffen für moderne Wohn- und Geschäftshäuser.
Nicht nur in der Wohnsiedlung, die Anfang des vergangenen Jahrhunderts vom Volks-, Bau- und Sparverein erbaut wurde und noch heute bei vielen Mietern wegen der kleinen und preisgünstigen Wohnungen beliebt ist, waren die vor zwei Jahren bekanntgewordenen Planungen auf heftige Kritik gestoßen. Auch Mitglieder des Ortsbeirats 11 (Fechenheim, Riederwald, Seckbach) und Stadtverordnete hatten sich gegen das Vorhaben gewandt: Dadurch würde preiswerter Wohnraum verlorengehen, die Sozialstruktur des Stadtteils würde zerstört und der städtebaulich homogene Charakter der einst für Arbeiter des nahen Osthafens erbauten Siedlung aufgegeben.
„Wir fühlen uns von der Stadt hingehalten“
Das Planungsamt hatte zudem auf die Erhaltungssatzung verwiesen, die 2004 für den westlichen Teil der Kolonie erlassen worden war. Weil aber ungewiß erschien, ob das Quartier - das als früher Beitrag zum sozialen Wohnungsbau vor der Ära Ernst May gilt - vor städtebaulichen Veränderungen bewahrt werden könne, strebte die Stadt den Denkmalschutz für die Siedlung an. Das Landesamt für Denkmalschutz, welches das Quartier zuerst nicht für schutzwürdig hielt, änderte im Frühjahr seine Meinung. Mit Verweis darauf lehnte die Stadt die Bauvoranfrage des Volks-, Bau- und Sparvereins ab, wogegen dieser wiederum Einspruch erhob. Zugleich sei die Stadt um ein Gespräch gebeten worden, um die geänderte Situation erörtern zu können, so VBS-Vorstandssprecher Ulrich Tokarski.
Das Erwägen juristischer Schritte sei jedoch eine Reaktion auf einen Brief der Stadt, den die Genossenschaft in dieser Woche bekommen habe, so Tokarski. Das Stadtplanungsamt habe mitgeteilt, es sehe keinen weiteren Bedarf für Gespräche. Hierüber zeigt sich der VBS-Vorstand verärgert: „Wir fühlen uns von der Stadt, die ein halbes Jahr für die Antwort benötigt hat, schlicht hingehalten“, so Tokarski. Er bekräftigte, daß der eigentlich für Ende 2005 geplante Abriß der alten Wohnhäuser unvermindert angestrebt werde, da deren Erhalt wirtschaftlich nicht zu rechtfertigen sei.
Mieten werden erhöht
Weil die Häuser deshalb auch nicht instandgehalten würden, blieben die dort noch wohnenden Mieter von der für Januar 2007 für viele VBS-Wohnungen angekündigten Mieterhöhung ausgenommen, sagte der Vorstandssprecher. Die Mitteilungen über den für einige Wohnungen bis zu zwanzig Prozent betragenden Anstieg des Mietpreises haben in diesen Tagen abermals Unruhe in die Siedlung gebracht - sind doch viele der Bewohner auf die bislang günstigen Mieten angewiesen. Die Linkspartei im Ortsbeirat 11 prangerte das Vorgehen der Genossenschaft gar als „Diebstahl“ an. Die Mietergemeinschaft wurde für zu einer öffentlichen Versammlung eingeladen.
Wegen der gestiegenen Kosten für Bewirtschaftung und Instandhaltung der VBS-Immobilien im Riederwald müßten die Mieten erhöht werden, verteidigt derweil Vorstandssprecher Tokarski die Entscheidung. Auch seien von dem Preisanstieg nicht alle 1200 Wohnungen der Genossenschaft im Stadtteil, sondern nur rund 300 betroffen - diese zählten jedoch alle zum Bestand der 500 vergleichsweise einfach ausgestatteten Altbauwohnungen. Die künftigen Mieten orientierten sich an der ortsüblichen Vergleichsmiete, so Tokarski. Nur in Einzelfällen sei die gesetzlich mögliche Erhöhung um zwanzig Prozent ausgeschöpft worden. Dies sei innerhalb von drei Jahren möglich - die letzte Mieterhöhung der Genossenschaft liege sogar vier Jahre zurück.
Einen etwaigen Zusammenhang mit dem bislang gescheiterten Neubauvorhaben bestritt der Vorstand des Wohnungsunternehmens. Mieter indes kritisierten, daß viele Häuser zunächst einmal saniert werden sollten, bevor die Mieten erhöht würden.

