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Rentner-Netzwerk „Wird Zeit, dass das neue iPad kommt“

05.07.2011 ·  Wer nicht mehr gut laufen kann, muss die Welt anders erkunden. Zum Beispiel im Internet. Ein paar Frankfurter Rentner haben nun sogar ein eigenes soziales Netzwerk.

Von Friederike Haupt, Frankfurt
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Der Tag, an dem Facebook in das Altenheim kommt, ist ein großer Tag. Um dabei zu sein, hat das Ehepaar Sperl sogar seinen Urlaub verschoben. Die Koffer liegen schon gepackt im Auto, Peter und Kersti Sperl wollen bald los, doch erst ist da noch die Sache mit dem Internet. Um neun Uhr soll es losgehen, schon zehn Minuten vorher haben viele Rentner sich im Saal versammelt, ihre Macbooks und iPads ganz selbstverständlich vor sich. Draußen scheint die Sonne, es wird schon warm, doch der Raum ist abgedunkelt. Hier sollen es die Programmierer gleich präsentieren: Facebook für Senioren.

Ganz selbstverständlich ist es natürlich nicht, was an diesem Morgen im Seniorenheim Haus Cronstetten am Westhafen geschieht. Die Rentner bekommen etwas, das sich Intranet nennt, in Wirklichkeit aber so funktioniert wie das soziale Netzwerk Facebook ganz am Anfang. 2004 hatte Mark Zuckerberg die Seite angelegt, zunächst nur für Studenten seiner Hochschule, der Harvard University. Nur wer dort immatrikuliert war, durfte mitmachen. So ist es auch beim Netzwerk für die Frankfurter Senioren: Nur die 104 Rentner, die im Haus Cronstetten leben, bekommen ein Passwort. Und können dann ihr Profil bearbeiten, Fotos hochladen, Gruppen gründen, Veranstaltungen ankündigen, Salatrezepte posten und Beiträge toll finden. Was bei Facebook „Like“ heißt, haben die Programmierer für die Rentner „Spitze“ genannt.

Sie hat ein Konto bei iTunes, wo sie sich Tangomusik herunterlädt

Inge Rosenthal kann da nur lächeln. Sie ist das, was man heute einen Nerd nennt und früher einen Computerfreak nannte – allerdings mit 83 Jahren. Seit 1995 ist sie im Internet unterwegs, erst nur in Chats, inzwischen auch bei Facebook, Twitter, Youtube und Google. Überall hat sie Accounts, und vor ihr auf dem Tisch liegen die Geräte, die sie mit der digitalen Welt verbinden: Laptop, iPad, Blackberry. Zum Geburtstag wünscht sie sich das neueste iPad: „Kommt im September, hoffe ich. Wird Zeit!“

Inge Rosenthal, eine kleine, herzliche Frau in feiner Kleidung, hat einen Chatfreund in Kanada, seit 15 Jahren schon, den sie noch nie getroffen hat. Sie hat Enkel in Miami, deren Partyfotos sie sich bei Facebook ansieht, sie hat ein Konto bei iTunes, wo sie sich Tangomusik herunterlädt. Sie hat einen Ehemann, den sie ausschimpft, weil er außer Onlinebanking wenig im Internet macht, und sie hat eine klare Meinung zur Konkurrenz zwischen Apple und Microsoft, denn die sei schuld daran, dass nicht auf allen ihren Geräten alle Programme funktionierten.

Das Ehepaar Sperl lernt noch

Ältere Menschen, die sich dem Internet verschlössen, würden alt, sagt Inge Rosenthal. Sie würden Greise, abgeschottet von dem Ort, an dem gerade für sie Neues so leicht zu finden ist. „Das Internet hält mich jung“, sagt sie. Selbst wenn man bettlägerig sei, könne man noch surfen, Videos und Bilder sehen, mit anderen kommunizieren, teilhaben an der Welt. Die Frau, die kaum mehr Treppensteigen kann, zeigt eine Powerpoint-Präsentation, Fotos von meterhohen Wellen, japanischer Architektur, lachenden Menschen. Sie hebt das iPad hoch, damit die Rentner neben ihr die Bilder auch sehen können. Inge Rosenthal lacht, bestaunt die Bilder, sagt: „Das ist das Leben.“

Nicht alle im Altenheim kennen sich so gut aus. Das Ehepaar Sperl lernt noch, es hat noch nicht so lange ein iPad. Kersti Sperl bekam es zu Weihnachten von den Söhnen geschenkt, auch sie leben wie Inge Rosenthals Kinder im Ausland, wollen mit der Mutter unkompliziert kommunizieren. Die hat sich dran gewöhnt und loggt sich nun zum ersten Mal ins Netzwerk des Seniorenheims ein. Seit Januar wussten sie hier, dass es kommen würde, im Februar gab es sogar eine LAN-Party für alle Interessierten, bei der die Programmierer Andreas Bombel und Manutcher Ghassemlou mit den Rentnern besprachen, was wichtig sein könnte.

Bei Sekt und Schnittchen prüfen die Senioren, was ihnen das Netzwerk sonst noch zu bieten hat

Und es stellte sich heraus, dass sie das Gleiche wollen, das Jüngere zu Facebook treibt: sich vernetzen, Kontakte pflegen, Fotos zeigen, zu Veranstaltungen einladen. Die Sperls organisieren Hauskonzerte und sind froh, nun ihre Freunde in der Wohnanlage nicht mehr per Postwurf, sondern per Intranet einladen zu können. Der Rentner Klaus Rittershaus plant gemeinsame Fahrradtouren („Man muss die alten Herrschaften in Bewegung bringen“) und will im Netzwerk dafür werben. Eine schwerhörige Frau freut sich, nun mehr kommunizieren zu können, eine andere will Rezepte tauschen, und die meisten möchten sich über Angebote des Hauses informieren. Der „Diavortrag Namibia (früher Deutsch-Südwest)“ und die „Fahrradtour inklusive Picknick mit den Spaziergängern“ sind schon im Intranet eingetragen. Bei Sekt und Schnittchen prüfen die Senioren, was ihnen das Netzwerk sonst noch zu bieten hat.

Inge Rosenthal führt unterdessen lieber eine neue App auf dem iPad vor: einen animierten Bären, der nachspricht, was der Mensch in den Computer sagt. Die Rentnerin kichert, die Umstehenden staunen. Bettina Brandis von der Cronstett-Stiftung geht herum und schaut, ob jeder zurechtkommt. Sie hat das Netzwerk-Projekt initiiert. Da wird Inge Rosenthal plötzlich ganz ernst, hebt das Glas und ruft: „Danke, dass wir das jetzt haben, Frau Brandis.“

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