21.07.2005 · Eine neue Initiative säkularer Muslime stößt bei Politik, Kirchen und der Islamwissenschaft auf positive Resonanz. Sie möchte Stimme einer „schweigenden Mehrheit“ von Muslimen sein.
Die Gründung einer Initiative säkularer Muslime ist bei Repräsentanten von Kommunalpolitik, Kirchen und Islamwissenschaft auf positive Resonanz gestoßen. Sprecher anderer muslimischer Organisationen erklärten ihre Kooperationsbereitschaft, übten aber auch Kritik. Ablehnend äußerte sich der Frankfurter Omid Nouripour, Mitglied des Bundesvorstands der Grünen.
Wie berichtet, hatte sich die „Initiative von säkularen und laizistischen Bürgerinnen und Bürgern aus islamisch geprägten Herkunftsländern in Hessen“ am Mittwoch vorgestellt. Sie möchte Stimme einer „schweigenden Mehrheit“ von Muslimen sein, die nicht in Verbänden organisiert sind. Gemeinsamer Nenner der Initiative, die mehrheitlich von Türken und türkischstämmigen Deutschen gegründen worden ist, ist die Trennung von Religion und Politik.
Klischees beseitigen
Integrationsdezernent Albrecht Magen (CDU) befürwortete es, daß sich die „religiös offen gesinnten Türken organisieren“. Allerdings müsse er den Kontakt zu jenen integrationswilligen und -bedürftigen Moscheegemeinden halten, zu denen auch streng religiöse Muslime gehörten - sofern sie nicht verfassungsfeindlich seien. Hüseyin Sitki, Vorsitzender der Kommunalen Ausländervertretung, würdigte das Anliegen, andere Muslime als die konservativen zu Wort kommen zu lassen. Damit könnten Klischees beseitigt werden.
Barbara Huber-Rudolf von der Christlich-Islamischen Begegnungs- und Dokumentationsstelle (Cibedo) sagte, mit der Gründung der Initiative sei etwas eingelöst worden, was die Kirchen seit langem gefordert hätten. Cibedo wird von der katholischen Deutschen Bischofskonferenz getragen. Die Initiative sei auch wichtig für die innerislamische Diskussion. Jochen Kramm, Leiter des Zentrums Ökumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, hieß den „Versuch, säkularen Muslimen eine Stimme zu verleihen“, gut. Abzuwarten sei aber, ob sich die innerislamische Debatte verschärfe, da fromme Muslime den säkular Gesinnten vorwerfen könnten, letztlich Atheisten zu sein.
Grundgesetz und Scharia
Als „ganz hervorragend“ wertete die Marburger Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler-Stegemann die Gründung der Initiative. Damit gebe es nun einen Ansprechpartner, der „betont auf der Grundlage des Grundgesetzes steht“. Demgegenüber übte der iranischstämmige Deutsche Nouripour klare Kritik: Jeder Versuch, einen Dachverband für nichtorganisierte Muslime schaffen zu wollen, schlage fehl. Außerdem sei die Initiative offenbar ein Projekt von Sozialdemokraten, eigne sich aber nicht für Parteipolitik. „Ich zum Beispiel wurde nicht gefragt, viele andere wurden es auch nicht“, so der Grünen-Politiker.
Ramazan Kuruyüz, der Vorsitzende der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen, nannte es „nicht richtig, daß die Initiative andere islamische Organisationen beschuldigt, nicht zwischen dem Grundgesetz und der Scharia zu unterscheiden“. Dies sei „das falsche Signal“. Nicht in Ordnung sei auch, daß die Initiative für sich in Anspruch nehme, eine Mehrheit der Muslime zu vertreten. Sie könne nur für sich selbst reden, hob Kuruyüz hervor. Ähnlich argumentierte Hüseyin Kurt von der türkischen Ditib-Moscheegemeinde in Frankfurt. Die überwältigende Mehrheit der Mitglieder seiner Gemeinde trenne Religion und Politik voneinander. Kuruyüz und Kurt signalisierten jedoch Kooperationsbereitschaft.