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Reittherapie : Fortschritt auf dem Pferderücken

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Das Glück der Erde: Auf dem Rücken des Pferdes ]lernen Lahita Binsack (rechts) und ein anderes Mädchen, sich zu konzentrieren. Bild: Cornelia Sick

Mit Hilfe einer Reittherapie können verhaltensauffällige Kinder Empathie, Konzentration und Verantwortungsgefühl verbessern. Die sechs Jahre alte Lahita Binsack hat auf dem Reiterhof in Kalbach sogar Freunde gefunden.

          Lahita Binsack rennt durch die Reithalle. Ihre Schritte hinterlassen kleine Abdrücke im dunklen Sand des Hallenbodens. Die Sechsjährige lacht und kreischt, als ein anderes Mädchen versucht, sie zu fangen. Lahitas Vater, Herold Binsack, beobachtet die beiden vom Rand der Halle, er lächelt. Vor einem halben Jahr noch wäre eine solche Situation undenkbar gewesen, sagt er. „Lahita hat jetzt deutlich mehr Spielkameraden, nicht nur hier, auch im Kindergarten.“ Bevor seine Tochter zum therapeutischen Reiten ging, kannte der Vater seine Tochter nur als ein Kind, das von Altersgenossen gemieden wurde.

          Für viele Kinder erscheine Lahita wie ein Sonderling, sagt der Vater. Ihre Entwicklung sei verspätet, entspreche der einer Vierjährigen. Sie spricht keine vollständigen Sätze, ihre Motorik ist nicht altersgerecht. Lahitas Körper kann die unzähligen Umwelteindrücke nicht filtern: Das Mädchen leidet an sogenannter Reizoffenheit. Daher ist sie unkonzentriert und bleibt nie lange bei einer Sache. Lahitas Behinderung genau zu benennen fällt schwer. Es ist ADHS, es ist Autismus, es ist ein Intelligenzquotient von etwa 50. Sie erkenne meist nur ihre eigenen Bedürfnisse, sagt ihr Vater, sie habe Probleme, sich an Regeln zu halten und Rücksicht zu nehmen. Seit August 2010 bringen Lahitas Eltern ihre Tochter deshalb in das therapeutische Reittraining auf den Kastanienhof im Frankfurter Stadtteil Kalbach.

          In der Gruppe integriert und Freunde gefunden

          Im Hof der Reitanlage kämmt Lahita mit einer Bürste den Schweif eines Schimmels. Sie fährt einmal durch die weiß-gelben, langen Haare, auch ein zweites und drittes Mal. Dann lässt sie die Bürste fallen und blickt zu Boden. Plötzlich dreht sie sich um und kickt einen kleinen Erdklumpen weg, dann läuft sie ihm hinterher. „Lahita, hast du den Schweif schon schön glänzend gemacht?“, ruft ihr Trainerin Viola Wolf nach. Das Mädchen reagiert nicht. „Lahita, kämm den Schweif doch noch mal.“ Nach der dritten Aufforderung kehrt die Sechsjährige zu dem Pferd zurück, hebt die Bürste auf und kämmt den Schweif abermals. „Es gab auch Zeiten, in denen musste ich sie zwanzig Mal auffordern“, sagt Wolf.

          Lahita hat Fortschritte gemacht. Das sagt auch ihre Trainerin. Sie habe sich in die Gruppe integriert, Freunde gefunden. Sie nehme auf die anderen fünf Kinder in Rücksicht, stelle ihre Bedürfnisse zurück. Als beim Ausritt um den Kastanienhof die Reiter wechseln, muss Lahita absteigen. Ohne Murren überlässt sie einem Mädchen mit schwarzem Helm ihren Platz auf dem Rücken des Pferdes.

          Noch Schwierigkeiten mit der Motorik

          Schweigend hat sich Lahita mit einem Jungen zusammengeschlossen, um gemeinsam die Pferdeäpfel in der Reithalle mit einer Schaufel aufzusammeln. Sie hält die Schaufel, er kehrt den Dreck mit einem Rechen darauf. Als er zu dem nächsten Haufen geht, bleibt Lahita stehen. Sie lässt die Schaufel in den Sand fallen und nimmt ihren hellblauen Helm ab. „Eng“, sagt sie. Erst vor ein paar Minuten hatte ihr Trainerin Wolf den Helm gelockert.

          Nach mehr als einer Stunde ist der Reitunterricht fast zu Ende. Wolf greift nach dem Unterschenkel des Schimmels. Erdbröckchen fallen zu Boden. Lahita schabt mit einem blauen Kratzer den Dreck aus der Höhle des Hufs. Sie kratzt nicht alles heraus, Wolf entfernt den restlichen Schmutz. Immer noch habe Lahita Schwierigkeiten mit der Motorik, durch das Auskratzen werde dies geschult.

          Friedlich miteinander spielen anstatt von der Rutsche schubsen

          Nicht alle Eltern, die ihr Kind zur Reittherapie schicken wollen, können das auch tun. Die Nachfrage sei sehr groß, sagt Birgit Rühle, die Leiterin des Reitstalls. Es gebe Wartelisten. Außerdem sind die Kurse auch nicht für jede Familie erschwinglich: 82,50 Euro im Monat kostet das wöchentliche, je 90 Minuten dauernde Training Lahitas. Der Reithof biete die Stunden aber sehr viel günstiger an, als es betriebswirtschaftlich Sinn habe, sagt Rühle. „Wir wollen auch sozial schwächeren Familien ermöglichen, ihr Kind zu uns zu schicken.“ Der Reithof untersteht finanziell dem VzF Taunus, dem Verein zur Förderung der Integration Behinderter. Ohne Spenden gäbe es den Hof nicht.

          Das Ehepaar Binsack muss das Training nicht selbst bezahlen. Das Jugend- und Sozialamt übernimmt die Kosten und bucht sie als Eingliederungshilfe ab. Vorläufig erhalten sie die Unterstützung noch zwei Monate, Herold Binsack will aber einen Antrag auf Verlängerung stellen. Denn vieles ist seiner Ansicht nach durch das Reiten besser geworden. „Lahita will einfach nicht mehr immer mit dem Kopf durch die Wand.“ Sie könne sich besser und länger konzentrieren, befolge Regeln, habe Empathie entwickelt.

          Dies habe er erst kürzlich gemerkt, als er Lahita vom Kindergarten abholte. Das Mädchen habe mit einem jüngeren Kind im Sandkasten gesessen und liebevoll mit ihm gespielt. Vor ein paar Monaten hätte das anders ausgehen können. Da hätte Lahita die Kleine vielleicht von der Rutsche geschubst.

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