03.11.2003 · Hans-Bernhard Nordhoff ist nicht zu erschüttern. Weder durch die Absage der Region, sich am Frankfurter Zoo zu beteiligen - für den Nordhoff zuständig ist-, noch durch den überraschenden Rückzug aus der ...
Hans-Bernhard Nordhoff ist nicht zu erschüttern. Weder durch die Absage der Region, sich am Frankfurter Zoo zu beteiligen - für den Nordhoff zuständig ist-, noch durch den überraschenden Rückzug aus der Bewerbung um den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt 2010, noch durch den Streit mit Darmstadt um die Holbein-Madonna. Seit der Frankfurter Kulturdezernent die Region für sich entdeckt hat und weiß, welche Stärke aus dem Zusammenspiel der Städte im Rhein-Main-Gebiet erwachsen könnte, müht sich der Sozialdemokrat, die kulturellen Fäden in der Region enger zu verknüpfen. Wenn nötig, in nicht endenwollender Kleinarbeit, in zahllosen Arbeitskreisen und Gesprächsrunden. Denn der vor fünf Jahren ins Rhein-Main-Gebiet zugezogene Sozialdemokrat gehört zu den wenigen, die überzeugt sind: "Mit regionalen Lösungen wird auch Frankfurt stärker." Und: "Zum regionalen Denken gibt es keine Alternative."
Dabei kann auch Nordhoff keine spektakulären Erfolge vermelden. Kein Ja des Umlands zur Finanzierung Frankfurter Kultureinrichtungen. "Das sind Probleme, die das Land lösen muß", sagt er knapp, "sie sind nicht über interkommunale Strukturen zu lösen". Damit erübrigt es sich für ihn, in die derzeit vehement geführte Debatte über eine Regionalreform einzusteigen oder in das allgemeine Räsonieren zu verfallen, daß es ohne Gesetzesänderung keine Zusammenarbeit in der Region geben könne.
"Natürlich bin ich, sind wir - der Magistrat - der Auffassung, daß, auf welche Weise auch immer, Einrichtungen von regionaler und überregionaler Bedeutung von denen mitzufinanzieren sind, die davon profitieren." Hat doch eine Umfrage in Frankfurter Einrichtungen ergeben, daß keine Kultur- oder Freizeiteinrichtung - ob Städtische Bühnen oder Bürgerhäuser - in der Mainmetropole zu mehr als 50 Prozent von Frankfurtern besucht wird. Nach Ansicht des Kulturdezernenten hat es jedoch keinen Sinn, dieses hessische Strukturproblem mit jeder einzelnen Stadt im Frankfurter Umland zu diskutieren. Hier ist für ihn die Landesregierung der Ansprechpartner. Schließlich betreibe Frankfurt neben Oper und Schauspiel etwa das Deutsche Filmmuseum, das einzige Museum für moderne Kunst in Hessen, das Städel, die "Staatsgalerie der Bürger", wie Nordhoff sagt, und vieles mehr, was andernorts von den Ländern getragen werde. Gerne faßt es der Kulturdezernent in einem Satz zusammen: "Den Anspruch Hessens, ein Kulturland zu sein, bezahlt Frankfurt fast aus eigener Tasche."
Die Zusammenarbeit in der Region sieht er auf einer anderen Ebene. Ein historisches Datum ist für ihn der Tag im Jahr 2002, an dem zum ersten Mal die Intendanten der großen Theaterhäuser im Rhein-Main-Gebiet zu einer Art Kennenlerngespräch zusammenkamen. "Das hat es seit Menschengedenken nicht gegeben." Und es gebe weitere erfolgreiche Kooperationen, betont Nordhoff: Seit kurzem arbeiteten die Kommunen und Veranstalter zusammen, die in der Region Sommerfestivals organisierten, um Inhalte und Marketing abzustimmen; Frankfurt und Darmstadt richteten in diesem Herbst das "German International Poetry Slam" aus und Bad Vilbel, Frankfurt, Dreieich und Rüsselsheim veranstalteten fast gleichzeitig das zehnte Internationale Kinder- und Jugendtheaterfestival.
Für das nächste Jahr sei in Frankfurt und Wiesbaden eine Art Biennale der jungen europäischen Theater und Literatur geplant. "Ein junges, frisches, europäisches, in die Zukunft gerichtetes Theaterfestival der Region", möglicherweise ergänzt von Mainz. Und wenn nur "so kleine Sachen gelingen" wie die unkomplizierte Ausleihe Frankfurter Bilder für die große Grünewald-Ausstellung im vergangenen Winter in Aschaffenburg, ist für den Frankfurter Stadtrat die Region wieder ein Stück näher zusammengerückt. So etwas wachse aus der kontinuierlichen Zusammenarbeit der Fachleute. Dort will er weitermachen.
Ohne Strukturen der Zusammenarbeit geht es jedoch nicht. Derzeit entsteht aus der vor einem Jahr geschlossenen Vereinbarung der Kommunen, die sich für die unterdessen abgesagte Bewerbung um den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt zusammengefunden hatten, ein neuer Vertrag. Er sieht vor, daß rund 15 Städte der Region, darunter Darmstadt, Wiesbaden, Hanau, Aschaffenburg, Mainz, Rüsselsheim und Bad Homburg, gemeinsam eine regionale Kulturorganisation schaffen. Sie wollen unter anderem die Arbeit an der "Route der Industriekultur", die in diesem Jahr der Schwerpunkt war, fortführen und anderes neu konzipieren: "Vom Klostergarten zum Landschaftsplan" soll das Motto des nächsten Sommers sein.
Doch die Rhein-Main-Region wäre nicht was sie ist, wenn es keinen Streit darum gäbe, ob der Planungsverband, der derzeit die Geschäftstelle für die Kulturarbeit stellt, sich an der Arbeit auch künftig beteiligen darf. Für Nordhoff ist dies ordnungspolitisches Klein-Klein. Man solle froh sein, daß es den Planungsverband gebe, sagt er, "oder soll Städeldirektor Herbert Beck dies nach Feierabend mitmachen?"
Andere Themen, die jahrelang als drängende regionale Aufgaben postuliert wurden, sind unterdessen fast erledigt. Der immer wieder beschworene gemeinsame Veranstaltungskalender des Rhein-Main-Gebiets wird nach Ansicht Nordhoffs längst privatwirtschaftlich organisiert: in Zeitungen, Zeitschriften und durch das Internetangebot von rhein-main.net, das auch mit dem Frankfurter Kulturportal der Stadt vernetzt ist. Jetzt will Nordhoff noch dafür sorgen, daß per Mausklick auch die Tickets gekauft werden können. Rechtzeitig zum Martinsgans-Essen im November werde die Frankfurt Ticket GmbH Gesellschafter aus der Region in den Vertrag mit aufnehmen. Dann, so Nordhoff, sei es nur noch eine Frage der Zeit, bis beide Systeme, Angebot und Ticketbuchung, verbunden seien. Das sei das Ende der Sonntagsreden: "Die Regionallösung ist dann die Realität." MECHTHILD HARTING