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Zeugen Jehovas : „Familientreffen mit Jesus“

  • -Aktualisiert am

Drei Tage kollektive Bibelarbeit: Zeugen Jehovas im weiten Rund der Frankfurter Fußball-Arena. Bild: Wolfgang Eilmes

Bis Sonntag kommen die Zeugen Jehovas zu ihrem Regionalkongress im Waldstadion zusammen. Statt in die Bibel schauen sie auf die Bibel-App im Handy.

          Kinderwagen an Kinderwagen steht vor dem Haupteingang des Stadions. Eine junge Mutter hockt auf einem Stein, blickt konzentriert auf ihr Handy. Im Kinderwagen schläft ihre Tochter. Über Kopfhörer verfolgt die junge Frau die Predigt in der Arena. Dank der Bibel-App auf dem Smartphone kann sie auch während des Vormittagsschlafs ihres Kindes fleißig mitarbeiten. Zum Kongress der Zeugen Jehovas sind gestern rund 14.000 Besucher ins Frankfurter Waldstadion gekommen. Und für heute und morgen erwartet Sprecherin Erika Krämer jeweils ähnliche Zahlen. Auffällig schick haben sich die Besucher gemacht. Die meisten Frauen tragen Kleider, die Männer kommen in Hemd und Krawatte. Und sie alle sind mit einem Namensschilder ausgestattet. In dieser Gemeinschaft ist man per Du – alles Brüder und Schwestern. 1400 Ordner sind im Einsatz, Freiwillige, die mit einem entschuldigenden Lächeln die Taschen kontrollieren. Man müsse in Zeiten des Terrors eben vorsichtiger sein, sagt Krämer.

          Die Ordner selbst verstehen sich eher als Dienstleister. Wer suchend auf den Lageplan schaut, wird sogleich von mehreren Helfern umringt. „Hier geht es lang.“ Wer dann noch immer irritiert blickt, wird zum Platz begleitet – unaufdringlich aber bestimmt. Im Oberrang ist ein ganzer Block für „Betagte“ reserviert. Höflichkeit ist Trumpf, von „Alten“ würde hier niemand sprechen. Die Betagten haben den besten Blick auf die Redner, die zum Kongress-Thema „Gib nicht auf“ predigen. Sie sitzen, lauschen und machen sich Notizen. Denn ein Kongress der Zeugen Jehovas bedeutet Arbeit. In erster Linie Denkarbeit. Die gedruckte Bibel halten an diesem Tag nur noch wenige in der Hand. Gotteswort ist auf dem Handy abgespeichert. Am Eingang zur Arena ist eine Freiwilligenzentrale eingerichtet. Dort kann sich melden, wer sich während des dreitägigen Kongresses helfend einbringen möchte.

          „Mit Geld ist es so eine Sache“

          Die Schlange vor dem Schalter ist lang. „Es gibt immer Kleinigkeiten zu tun“, sagt Koordinator Jens Wilke. Wasser an die „Betagten“ verteilen zum Beispiel. Oder Müll wegräumen. Die Helfer tragen sich mit ihrer Handynummer auf einer Liste ein. Wartet ein Einsatz auf sie, werden sie durch eine SMS benachrichtigt. Das geschehe sehr diskret, sagt Wilke, schließlich wolle man die übrigen Kongressbesucher nicht stören. Die größte Anzahl Freiwilliger benötige er für das Bewachen der Spendenboxen, fügt der Koordinator hinzu. Schließlich finanziert sich der Kongress, der Besucher aus Hessen, der Pfalz, dem Saarland und Baden-Württemberg anlockt, über Spenden. Allein die Miete für die drei Tage im Waldstadion dürfte mit knapp einer halbe Million Euro zu Buche schlagen.

          Aber die Besucher erweisen sich als großzügig. „Die Boxen lassen wir nicht alleine. Mit Geld ist es so eine Sache“, sagt Wilke. Schwül und heiß ist es am Freitagmorgen. Fächer und Getränke werden ausgepackt. Für die Mittagspause hat sich jeder etwas mitgebracht. Es wird geteilt, es wird gelacht. Man kennt sich. „Das hier ist wie ein Familientreffen mit Jesus“, sagt Sprecherin Krämer. Der Höhepunkt des Kongresses steht für viele der Besucher allerdings erst heute an: Um 11.45 Uhr werden sich rund hundert Täuflinge unter den Augen ihrer „Brüder und Schwestern“ öffentlich zu einem Leben in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Bibel entscheiden.

          Quelle: F.A.Z.

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