24.09.2007 · Wie kann man Versuche von Rechtsextremisten abwehren, ihr Gedankengut in die Schulen zu tragen? Die Unsicherheit ist groß. Auch wenn Schüler rechtsextrem auffällig werden, sind Lehrer oft ratlos. Und schweigen, anstatt zu handeln.
Von Sonja HartwigDie Melodie klingt, wie eine Ballade klingen muss. Melancholisch, schmalzig. Zu Beginn des Duetts eine starke Frauenstimme, begleitet von einer Akustikgitarre. Sie singt vom Mädel mit der schwarzweißroten Fahne. Die hielt das Mädel in der Hand, bis der Feind im Land stand. Im Mai 1945 sank sie dahin, starb für die Fahne des Reichs. „Verliert nie den Stolz und kämpfet wie sie“, skandiert der Liedermacher, der sich nationaler Barde nennt. Frank Rennicke ist Mitglied der NPD, seine „Musik für Meinungsfreiheit“ kursiert mit einer CD, die Rechtsextreme auf Schulhöfen verteilen. Insgesamt sind es vierzehn Lieder: Balladen, Rock und die deutsche Nationalhymne – mit allen drei Strophen.
„Der Schrecken aller linken Spießer und Pauker“ heißt die CD. Aber meist geht die Provokation ins Leere, bei den Lehrern bleibt der Schreck aus. Das Wissen um die Strategie rechter Cliquen ist gering. Groß hingegen ist die Unsicherheit, „wie man damit umgeht, wenn die CD erst einmal im Umlauf ist“, sagt Sabine Diederich. Sie berät Lehrer, die in ihrer Klasse Probleme mit Rechtsextremismus haben.
Lehrer sind zu wenig geschult
Ob sie überhaupt etwas machen müsse, wurde Diederich einmal von einer Lehrerin gefragt, wenn die Musik-CD auf Schulhöfen verteilt werde. Schließlich sei die NPD ja nicht verboten. Wieso also sollten es ihre Lieder sein? Solche Fragen seien kein Einzelfall, sagt Diederich. Sie ist Bildungsreferentin in der Frankfurter Jugendbegegnungsstätte Anne Frank, seit 2007 leitet sie dort den Arbeitsbereich „Zivile Kräfte stärken“. In die Ausstellung der Begegnungsstätte kommen vor allem Schulklassen, die sich durch das Leben der Anne Frank leiten lassen sollen. Sie sollen sich fragen, wer sie selbst sind und wer Anne Frank war, „das Mädchen aus Deutschland“. „Die Arisierung ist eine gerechte Umverteilung gewesen“, sagte einmal eine junge Besucherin.
Zahlen darüber, wie viele Schüler als rechtsextrem auffallen, gibt es nicht. Kleinere Vergehen, bei denen es sich nicht um Straftaten handelt, werden beim Landeskriminalamt nicht erfasst. Es gibt nur die allgemeinen Angaben zu fremdenfeindlicher Gewalt: Auf 100.000 Einwohner kommen laut Verfassungsschutz in Hessen 0,46 Gewalttaten mit rechtsextremistischem Hintergrund, in Sachsen-Anhalt sind es 4,49. Dennoch ist Rechtsextremismus auch hier ein Thema. Diederich und die Mobile Beratungsstelle in Kassel bekommen immer mehr Bitten um Unterstützung. Oft von Lehrern, die dachten, rassistisches, nationalistisches Verhalten ihrer Schüler entstehe aus einer Laune heraus, gehe vorbei.
Lehrer seien zu wenig geschult, warnt Helmolt Rademacher vom hessischen Amt für Lehrerbildung. „Sie weichen dem Thema deshalb eher aus, können nicht adäquat eingreifen.“ Rademacher leitete ein landesweites Projekt innerhalb des Programms „Demokratie lernen und leben“, initiiert von der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung. Er organisierte Mediationstrainings, schulte und sensibilisierte Lehrer und Schüler für Konfliktsituationen, in denen rechter Gewalt begegnet werden musste. Nach fünf Jahren lief das Projekt im März aus. „In dieser ganzen Zeit“, sagt Rademacher, „hat kein Lehrer die Initiative ergriffen, um von sich aus und mit unserer Unterstützung das Problem anzugehen.“
Hitlerrede als Handy-Klingelton
Anders die Haupt- und Realschule in Birstein. Als vor sieben Jahren einige Schüler mit Springerstiefeln zum Unterricht kamen, hatte sie schnell den Ruf der rechten Schule weg. „Es kamen sogar Linke“, berichtet Pädagogin Gudrun Förster, „die die Rechten auf der Schule verkloppen wollten.“ Birstein, 60 Kilometer von Frankfurt entfernt, ist ein 6600-Seelen-Ort am Fuße des Vogelsbergs. Die Gemeinde hat 15 Ortsteile, bis zu 15 Kilometer sind sie voneinander entfernt, Busse pendeln meist nur am Morgen und am Nachmittag. Die Jungs spielen Fußball, die Jugendfeuerwehr organisiert Zeltlager. Viel mehr gebe es nicht für die Jugend, sagt Förster. Dafür viel Langeweile, Lust an der Provokation.
So mag es auch gewesen sein, als sich eine Clique auf dem Schulhof formierte und in den Klassenzimmern gegen Ausländer hetzte. Die Ausländer, sagten sie, seien an allem schuld, nähmen den Deutschen alle Arbeitsplätze weg. Förster und ihre Kollegen haben nicht Augen und Ohren zugemacht, sie reagierten: Springerstiefel wurden verboten, T-Shirts der Marke Lonsdale – wegen der Buchstabenfolge NSDA in rechten Kreisen populär – mussten auf links angezogen werden. Lehrer besuchten Seminare über Konfliktbewältigung, Schüler wurden in Zivilcourage unterrichtet. „Seit drei Jahren haben wir keine Probleme mehr“, sagt Förster, „rechte Cliquen haben bei uns keine Chance.“
Schüler und Lehrer blieben nicht mehr ruhig, die Mitte sei stark. Aber Birstein ist eine Ausnahme. Offenbar wird in wenigen Schulen über solche Konflikte so offen gesprochen. Deborah Krieg, die ebenfalls in der Frankfurter Jugendbegegnungsstätte arbeitet, berichtet von einem Jugendlichen, der im Unterricht zum Nahost-Konflikt meinte, die Juden seien doch an allem schuld, wenn sie so geldgierig seien. Erzählt von einem anderen, der eine Hitlerrede als Handy-Klingelton abspielte.
Musik ist „die Einstiegsdroge Nummer eins“
Nachdem der Butzbacher Marcel Wöll im Mai 2006 zum hessischen NPD-Vorsitzenden gewählt worden war und zum „Kampf um Dörfer“ und zum „Kampf um Schulen“ aufrief, begannen sie, offen, fast ungeniert für die Renaissance ihrer Ideologien zu werben. „Die Versuche Rechtsextremer dürfen nicht totgeschwiegen werden“, sagt Kaweh Mansoori, hessischer Landesschulsprecher, der in Gießen die 13. Klasse besucht. Vor einiger Zeit hätten ein paar Nazis probiert, vor seiner Schule Musik-CDs zu verteilen – ohne Erfolg. Die Schüler zertraten die CDs, einige Tage später kursierten Flyer gegen rechts. So glimpflich verläuft das nicht immer.
Es gibt Fälle, in denen Schüler direkt vor dem Klassenzimmer angesprochen und zu Konzerten und Partys eingeladen werden. Ein schleichender Prozess, sagt Peter Korstian, Kriminalbeamter beim hessischen Aussteigerprogramm Ikarus, in dem er Jugendliche betreut, die in die rechte Szene abgerutscht sind. Die Musik, so Korstian, sei dabei „die Einstiegsdroge Nummer eins“. Mal klingt sie wie Rock, ganz normaler Rock. Wie Heavy Metal, Folk oder Rap. Einige Lieder stehen auf dem Index, viele sind im Internet zu finden. Titel wie das vom Mädel mit der Fahne können mit einem Klick heruntergeladen werden. Kinderleicht. Und das soll es auch sein.
„Im Netz sollen vor allem Jugendliche angesprochen werden“, sagt Stefan Glaser. Er ist Projektleiter bei jugendschutz.net, einer von den Jugendministerien der Länder gegründeten Stelle, die den Rechtsextremismus im Netz beobachtet: 2006 sichtete das Projektteam 1600 rechtsextreme Web-Angebote, etwa 80 wurden hessischen Providern zugeordnet.
NPD schürt Propaganda im Internet
Auf der Videoplattform YouTube wird „Die Woche“ ausgestrahlt: Marcel Wöll schlüpft in einen etwas zu groß sitzenden Anzug, tritt als Nachrichtensprecher vor die Kamera in einem Studio, das an die Optik der Tagesschau angelehnt ist, und liest seine „kritischen Nachrichten“. In einer Sendung im August berichtete er von einer NPD-Demonstration in „Jerusalem am Main“. Braune Propaganda. Von Butzbach in die ganze Welt.
Auf der Homepage des hessischen NPD-Verbands werden seit Mai dieses Jahres Kindern und Jugendlichen Hilfe und Gespräche angeboten: „Jeder Jugendliche, aber auch Eltern, die Probleme haben, können sich per E-Post melden.“, wie die NPD E-Mails eingedeutscht hat. Generell sei es, besonders bei komplexen Problemen, sinnvoller, wenn es zu einem persönlichen Gespräch komme, heißt es.
Vor allem Lehrer müssten darauf vorbereitet werden, wie die NPD im Netz – früher als imperialistische Erfindung der Amerikaner verschmäht – Jugendliche umwirbt, fand jugendschutz.net und begann vor zwei Jahren ein „Medienkompetenzseminar“ für Lehrer. Die Teilnehmer, berichtet Glaser, kämen meist mit der Einstellung: „Rechtsextremismus? Gibt’s bei uns doch nicht.“ Zeige er ihnen dann Symbole der Szene, schaue er manchmal in überraschte Gesichter: Einige der Zeichen kannten die Pädagogen schon, auf Tafeln und in Hefte gekritzelt. „Die Lehrer konnten sie bloß nicht decodieren.“ Das klassische Bild des jungen Rechtsextremen – der Kopf kahlgeschoren, Bomberjacke, Springerstiefel – trifft nicht immer zu. Heute tragen Rechte auch Hip-Hop-Kleidung, Turnschuhe oder haben mal lange Haare. Sie haben viele Gesichter. Und ihre Musik hat viele Töne.