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Raketenforscher Boris Kit Ein Jahrhundertleben

Der Raketenforscher Boris Kit wurde in St. Petersburg geboren, arbeitete in Washington und wurde am Mittwoch in Frankfurt 100 Jahre alt.

© Cornelia Sick Boris Kit sagt von sich, dass er so alt geworden sei, weil er ein reines Herz und Gewissen habe.

Im Februar 1917 läuft ein kleiner Junge an der Hand seiner Mutter durch das winterliche Sankt Petersburg. Die Mutter zieht ihn durch eine Seitenstraße auf eine der Prachtalleen der Zarenstadt. Auf der Allee laufen viele Menschen. Sie schwenken rote Fahnen, sie rufen und singen. Die Mutter sagt: „Schau, Boris!“ Der Junge tritt von einem Bein auf’s andere. „Ich will nach Hause, Mama, mir ist kalt!“

Der damals fast sieben Jahre alte Junge ist Boris Kit. Er weiß noch nicht, dass die Menschen mit den Fahnen Revolutionäre sind, vor denen sein Vater, ein aus Weißrussland stammender Beamter im Kommunikationsministerium, mit der Familie wird fliehen müssen. Er weiß noch nicht, dass mit diesen roten Fahnen ein Wanderleben beginnt, das ihn über den halben Planeten führt, nach Amerika und schließlich nach Frankfurt.

Weil die Schlange zu lang war, studierte er Mathematik

Am Mittwoch ist Boris Kit 100 Jahre alt geworden. Der Jubilar hat seine Gäste in den Speisesalon eines altmodischen kleinen Hotels in Sachsenhausen eingeladen. Eine Bekannte sitzt am Flügel und spielt Chopin und Mozart für Kit und seine Gäste. Die Gäste sind alt und jung, Freunde, Nachbarn und Bewunderer. Man sitzt an den Tischen und unterhält sich. Boris Kit trinkt Wasser, das glänzende Thai-Hühnchen mit Erdnusssoße rührt er nicht an. Er schaut sich zufrieden um, lauscht der Musik oder plaudert mit seinen Nachbarn.

Der Weg von St. Petersburg nach Frankfurt ist lang gewesen. Vor der Revolution flüchtete seine Familie nach Weißrussland, wo Kit aufwuchs und zur Schule ging. Er studierte in Vilnius Mathematik — eigentlich hatte es Geschichte werden sollen, doch bei der Immatrikulation, erinnert er sich, war die Schlange vor dem Sekretariat der Historiker so lang, dass er sich kurzerhand für Mathematik entschied.

„Ich wollte weg, nach Westen, in die Demokratie“

Die deutsche Besetzung von Weißrussland erlebte Kit als Lehrerausbilder in der Stadt Lebedevo. Kit verbrachte während der Besatzung einen Monat im Gefängnis, weil ihm Verbindungen zu Partisanen nachgesagt wurden. Es waren seine Schüler, die die Besatzer zur Freilassung und Wiedereinsetzung Kits bewegten.

Trotz dieser Erlebnisse mit den Deutschen floh Kit, inzwischen verheiratet und Vater, vor der anrückenden Roten Armee, nach Deutschland, wo er die Bombardements und das Kriegsende erlebte. „Ich wollte weg, nach Westen, in die Demokratie“, erinnert er sich. 1948 bekam er die Erlaubnis, nach Amerika auszuwandern. „Truman war ein großer Präsident, er hat so viele Leute nach Amerika hereingelassen.“ Von den amerikanischen Präsidenten seiner Lebenszeit verehrt er außerdem noch Reagan: „Er hat den Kommunismus zu Fall gebracht“, sagt Kit, der wohl nie ein Roter gewesen ist.

Ein reines Herz und Gewissen

In Amerika arbeitete der begabte Naturwissenschaftler zunächst als Chemiker in New Jersey. Er träumte unterdessen von Kalifornien, und als sich ein Angebot in Los Angeles auftat, zögerte Boris Kit nicht lange. Bei der Soirée einer wissenschaftlichen Gesellschaft begegnete er dort einem Landsmann, der für die Firma North American Aviation arbeitete.

„,Komm doch zu uns, hat der gesagt. Ich habe gesagt: Okay!“ Kit lächelt, so wie der alte Mann überhaupt viel lächelt, ungemein heiter ist, ständig aufsteht, um Hände zu schütteln. Er sei so alt geworden, weil er sich stets ein reines Herz und Gewissen bewahrt habe.

Wegen der Liebe geblieben

North American Aviation bedeutete für Kit den Beginn einer großen Karriere in der Raketenforschung. Er arbeitete vor allem mit Treibstoffen: Kit setzte als einer der Ersten auf flüssigen Wasserstoff. Seine Forschungsergebnisse flossen auch in die Apolloprojekte ein, inklusive der Mondlandung. Sie bedeuteten für ihn Begegnungen mit Präsidenten, Forschern aus Ost und West, mit Wernher von Braun und Werner Heisenberg. Kit wechselte häufig die Arbeitgeber, er arbeitete für die Industrie und für die Regierung, nebenher schrieb er Lehrbücher, die bis heute genutzt werden.

Ein Forschungsauftrag der University of Maryland brachte Kit 1972 nach Deutschland. Ursprünglich hatte er nur ein paar Jahre bleiben wollen. Doch der Witwer verliebte sich. „So bin ich geblieben“, sagt er in seiner Geburtstagsrede. „Und ich bin sehr gerne hier. Im Herzen bin ich doch Europäer.“ Die Gäste klatschen, und Boris Kit lächelt, wieder.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 25.03.2010, 14:55 Uhr

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