Home
http://www.faz.net/-gzh-6kudf
Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Radfahrkurse für ausländische Frauen Im Slalom zu mehr Unabhängigkeit

 ·  Ausländische Frauen trainieren in Radfahrkursen Gleichgewichtssinn und Selbstbewusstsein. Aber ohne kleine Stürze geht es nicht.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (3)

„Hui!“ „Huch!“ „Hoppla!“ Hin und wieder entfährt den Frauen ein kleiner Aufschrei – mal ist es Jubel, mal Angst, mal eine Mischung aus beidem. Zu zwölft kurven sie auf großen Tretrollern über den Hof der Kirchnerschule in Bornheim, versuchen, im Slalom um Hütchen zu fahren und kontrolliert zu bremsen. In dem Kurs „Ich fahr’ Rad“, den das interkulturelle Beratungs- und Bildungszentrum „Infrau“ anbietet, wollen sie sich ihren großen Traum erfüllen: endlich Fahrradfahren lernen.

Was für die meisten Menschen in Deutschland von Kindesbeinen an selbstverständlich sei, hätten viele Frauen mit ausländischen Wurzeln nie lernen können, sagt Marsilia Podlech, die Leiterin von „Infrau“. Nesrin Yilmaz, eine der Teilnehmerinnen, ist in einem kleinen türkischen Dorf aufgewachsen. „Bei uns hatte niemand ein Fahrrad“, sagt die Achtundzwanzigjährige. Auch Hamida Kazimyar ist in ihrer Heimat Afghanistan nie Fahrrad gefahren. „Wir Mädchen hatten dazu keine Gelegenheit. Die Jungs haben Räder bekommen, aber wir durften nur zuschauen.“ Vom Nebenherlaufen haben die beiden Frauen aber inzwischen genug. „Ich möchte nicht mehr zu Fuß gehen, wenn mein Ehemann mit meinen zwei Kindern Rad fährt“, sagt Hamida Kazimyar. Auch Nesrin Yilmaz macht den Kurs wegen ihrer Kinder: „Mein großer Traum ist es, zusammen mit meinem Sohn durch Parks zu fahren.“

Radfahren bedeutet für die Frauen Mobilität und Unabhängigkeit

Das Radfahren sei für die Frauen extrem wichtig, sagt Kursleiterin Nicole Matheis. „Das bedeutet für sie gesellschaftliche Teilhabe, Mobilität und Unabhängigkeit.“ Die Ethnologin und Pädagogin beschäftigt sich seit knapp dreißig Jahren mit der Integration ausländischer Frauen. Vor zwei Jahren hat sie für ihr Projekt „Ich fahr’ Rad“ den Integrationspreis des Landes Hessen erhalten. Auf die Idee, Radkurse für ausländische Frauen anzubieten, sei sie durch Zufall gekommen. „In einem meiner Deutschkurse hat mir eine ältere Dame erzählt, dass sie unbedingt lernen möchte, Rad zu fahren, weil sie es als Kind nie gelernt hat.“ Nicole Matheis ließ sich zur Fahrradlehrerin schulen, inzwischen bietet sie Kurse in ganz Hessen an und hat das zu ihrem Beruf gemacht.

Die Nachfrage ist groß, auch bei „Infrau“ gibt es lange Wartelisten. „Wir waren besonders überrascht, wie viele deutsche Frauen interessiert waren“, sagt Marsilia Podlech. Maria Kaiser hat noch einen Platz ergattert. Mit ihren 57 Jahren ist sie die älteste der Teilnehmerinnen und die einzige, die schon Erfahrung im Fahrradsattel hat. „Als Kind und Jugendliche bin ich leidenschaftlich geradelt“, erinnert sie sich. Aber seitdem eine neurologische Erkrankung Lähmungen in ihren Füßen verursacht habe, traue sie sich nicht mehr. „Ich habe mir dreizehn Jahre lang immer wieder vorgenommen, noch einmal zu fahren, aber die Angst war stärker.“ Der Radkurs sei ihre Chance, noch einmal behutsam an diese Art der Fortbewegung herangeführt zu werden.

Barrieren im Kopf machen Radfahren für erwachsene Anfänger schwer

Es sind die Barrieren im Kopf, die für erwachsene Anfänger das Radfahren so schwer machen. „Das übliche ,Komm, ich zeig dir, wie das geht‘ von hilfsbereiten Ehemännern oder Freunden funktioniert hier leider nicht“, sagt Nicole Matheis. Diese Erfahrung hat auch Hamida Kazimyar machen müssen. „Mein Mann wollte es mir beibringen, aber ich bin hingefallen und habe dann Angst bekommen.“ Sie sei sehr froh, dass es diesen Kurs gebe. „Hier fühle ich mich sicher.“ Matheis achtet darauf, dass sich die Teilnehmerinnen Schritt für Schritt an das Rad gewöhnen können. Daher fangen sie mit Tretrollern an. „Am Roller können sie das Lenken und Bremsen üben und ein Gefühl für die Geschwindigkeit bekommen, ohne dabei Angst vor der Höhe zu haben.“ Ohne kleinere Stürze läuft der Kurs nicht ab, aber Schrammen gehörten eben dazu, meint Nesrin Yilmaz und zupft an dem Pflaster auf ihrem Handrücken.

Am dritten Tag geht es zum ersten Mal auf das Fahrrad, allerdings stoßen sich die Frauen wie beim Roller mit den Füßen vom Boden ab. Ein oder zwei Tage später können sie zumeist in die Pedale treten. In den letzten Kursstunden absolvieren sie kleine Touren durch ruhige Viertel.

„Ich gehe erst vom Platz, wenn ich mit einem Rad fahren kann“

„Ich fahr’ Rad“ ist Teil eines integrativen Bewegungsprojekts, das „Infrau“ mit finanzieller Unterstützung des Frauenreferats, des Sportamts und der Sportjugend Hessen anbietet. Auch Schwimmunterricht für Frauen mit ausländischen Wurzeln gehört zum Programm. Integration bedeute mehr, als nur die Sprache zu lernen, sagt Marsilia Podlech. Nach den üblichen Integrationskursen kehrten die Frauen in ihr familiäres und kulturelles Umfeld zurück, die Sprachkenntnisse und neue soziale Kontakte gingen so schnell wieder verloren. „Deshalb versuchen wir, am Bedarf orientiert zusätzliche Projekte anzubieten, die den Horizont und auch die Möglichkeiten der Frauen erweitern.“

Die Teilnehmerinnen des Radkurses sind jedenfalls dazu bereit. Es sei schon sehr anstrengend, zehn Nachmittage lang zu üben, sagt Maria Kaiser. Aber die Mühe lohne sich für alle Frauen. „Ich gehe hier erst vom Platz, wenn ich endlich wieder mit einem Rad fahren kann“, sagt sie kämpferisch. Sie ist fest entschlossen, sich ihren Traum endlich zu erfüllen.

Informationen im Internet unter www.infrau.de.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Der Krach als Chart

Von Helmut Schwan

Gründlichkeit vor Schnelligkeit - das Prinzip hat sich bewährt. Ein großer Wurf wird mit der Norah-Studie aber nur gelingen, falls die Resultate zu gesicherten Grenzwerten und einem neuen Schutzkonzept führen werden. Mehr