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Qualität der Bildung Die Angst der Schulen vor dem Ranking

02.07.2010 ·  Der Notenschnitt im Abitur sagt wenig über die Qualität der Bildung. Gerade deshalb sollte man aus den Daten kein Geheimnis machen, sondern sie erklären.

Von Matthias Trautsch und Eike Rüdebusch
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Transparenz war eines der Schlagworte, als das Zentralabitur vor drei Jahren eingeführt wurde. Wenn alle hessischen Abiturienten dieselben Aufgaben zu lösen hätten, so das Versprechen, dann würden die Leistungen der Schüler, aber auch der Schulen, vergleichbar. Umso erstaunlicher ist es, dass das Kultusministerium die Durchschnittsnoten der einzelnen Schulen nicht mehr veröffentlicht.

Bei der Premiere des Landesabiturs hatte das damals von der CDU geführte Ministerium noch Offenheit walten lassen. Im vergangenen und in diesem Jahr wurden Anfragen dieser Zeitung aber nicht mehr beantwortet. Grund ist nach Angaben aus dem Ministerium der Druck der Schulen, die Angst vor einem Ranking haben, also einer Rangliste, wie sie etwa für Universitäten geführt wird. Der Ruf von Bildungsstätten, die es ohnehin schwer hätten, könnte unter einer schlechten Plazierung leiden, heißt es.

Leistungen konstant

Die meisten Frankfurter Schulen verfolgen allerdings eine liberalere Informationspolitik als Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP). In einer Umfrage dieser Zeitung gaben 17 Gymnasien, Oberstufengymnasien und Gesamtschulen ihre Notenschnitte preis (siehe Tabelle). An den 15 Schulen, die auch die Zahl der zum Abitur angetretenen Schüler nannten, haben 96,4 Prozent der Prüflinge bestanden. An fast allen Schulen wurde die Bestnote von 1,0 gleich mehrfach erreicht.

Im dritten Jahr nach Einführung des Landesabiturs sei die Leistung der Schüler bei den zentral gestellten schriftlichen Prüfungen und im restlichen Abitur generell konstant geblieben, teilten mehrere Schulleiter mit. Ulrich Racke, Studienleiter an der Schillerschule, sagte, er könne keine deutliche Veränderung der Durchschnittsnoten durch das Zentralabitur feststellen. „Wenn man bedenkt, dass der Anteil der Landesabiturprüfungen an der Gesamtqualifikation nur 16 Prozent ausmacht, ist dies verständlich.“

Veröffentlichung von Einzelergebnissen mache zuviel Aufwand

Racke spricht einen Umstand an, der die Aussagekraft der Durchschnittsnoten stark relativiert. Denn auf die Gesamtnote beim Abitur haben die Ergebnisse der zentral, also einheitlich, gestellten schriftlichen Prüfungen nur einen geringen Einfluss. Weit wichtiger ist, wie viele Punkte die Schüler in den Kursen der letzten beiden Jahre erreicht haben. Außerdem kommen noch die Ergebnisse der mündlichen, nicht zentral gestellten Prüfungen hinzu. Von einer „Vereinheitlichung“ des Abiturs kann also nur sehr eingeschränkt die Rede sein. Wie früher wird der Notenschnitt maßgeblich durch das Ermessen der Lehrer bestimmt.

Interessant wäre es nun, nicht nur die Gesamtnoten zu erfahren, sondern auch die Ergebnisse in den einheitlichen, also vergleichbaren Prüfungen. Doch über diese verfügen die meisten Schulen selbst nicht. Das liege daran, dass das System zur Berechnung der Statistiken eine solche Funktion nicht biete, sagen Manfred Eichenauer, Direktor der Ziehenschule, und Dagmar Straube, Studienleiterin der Oberstufe der Musterschule. Die Einzelergebnisse müssten extra berechnet werden – ein Aufwand, den die wenigsten betreiben wollen.

Schüler, die durch das Abitur fallen, tauchen in der Statistik nicht auf

Nur die Freie Christliche Schule und das Heinrich-von-Gagern-Gymnasium konnten die Durchschnittswerte der schriftlichen Prüfungsfächer benennen. Sie liegen bei 10,1 respektive 9,9 Punkten, wobei zehn Punkte einer Zwei minus entsprechen. Dass die anderen Schulen die vergleichsweise geringe Mühe scheuen, den Notenschnitt in den zentral gestellten Aufgaben zu berechnen, verwundert – immerhin könnte das um subjektive Bewertungen bereinigte Abschneiden auch intern von Interesse sein.

Freilich müssen auch die Ergebnisse der einheitlichen Prüfungen interpretiert werden. So gehen die Noten der Schüler, die beim Abitur durchgefallen sind, nicht in den Notenschnitt ein. Ein Schüler, der – vielleicht dank besonderer Förderung – knapp besteht, verschlechtert das mittlere Ergebnis. Bestünde er nicht, hätte dies keine Auswirkung auf die Statistik. Auch Schüler, die schon vor der Prüfung scheitern, tauchen in der Berechnung nicht auf. Somit könnte man sagen, dass gerade jene Schulen von der Statistik bestraft werden, die schwache oder mit Schwierigkeiten kämpfende Schüler besonders unterstützen.

Gymnasium ist nicht automatisch das beste

Gegen die Aussagekraft der durchschnittlichen Gesamtnote gibt es auch Einwände jenseits der Arithmetik. Für Peter Ergh, den Leiter der Max-Beckmann-Schule, sagen die bloßen Daten, die in einem Schul-Ranking zusammengefasst werden könnten, „nichts über die Hintergründe und die individuelle Leistung der Schüler aus“. Auch Klaus Gatzweiler, kommissarischer Oberstufenleiter der Carl-von-Weinberg-Schule, betont, dass die Leistung individuell bewertet werden müsse und nicht nach einer Statistik: „Das sind nur Zahlen.“

Dass es gerade der Leiter eines Oberstufengymnasiums und der Lehrer einer Integrierten Gesamtschule sind, die diese Vorbehalte äußern, ist kein Zufall. Und sie haben recht: Dass die klassischen Gymnasien in der Regel bessere Notenschnitte haben als die anderen Schulformen, bedeutet nicht, dass sie besseren Unterricht machen. An einem Oberstufengymnasium wie der Max-Beckmann-Schule kommen die Schüler erst in der elften Klasse zusammen. Die Zusammensetzung der Klassen ist heterogen, manche Jugendliche kommen von Realschulen, andere von Integrierten Gesamtschulen, sie haben unterschiedliche, teils gebrochene Bildungsbiographien hinter sich. Die Leistung, den meisten von ihnen trotzdem den höchsten Bildungsabschluss zu ermöglichen, muss also mindestens so hoch bewertet werden wie die eines klassischen Gymnasiums, das eine vergleichsweise homogene Schülerschaft von der fünften Klasse bis zum Abitur führt.

Gut in Sport, aber viele Fehlzeiten

Dass jede Schule individuell beurteilt werden muss, zeigt auch das Beispiel der Carl-von-Weinberg-Schule. Deren Abiturschnitt beträgt zwar nur 2,92, doch muss etwa berücksichtigt werden, dass sie einen hohen Anteil von Zuwanderern und Kindern aus bildungsfernen Schichten hat. „Vor diesem Hintergrund sehen wir den Abi-Schnitt und sind stolz auf die Förderung von Schülern, die in Relation zu typischen Mittel- und Oberschichtkindern sehr viel erreicht haben“, sagt Oberstufenleiter Gatzweiler.

Hinzugefügt werden muss auch, dass sich die Integrierte Gesamtschule der Förderung von sportlich talentierten Jugendlichen verschrieben hat. Als Partner des Olympiastützpunkts Hessen und zertifizierte „Eliteschule des Sports“ bringt sie regelmäßig deutsche Meister in vielen Disziplinen hervor. Allerdings ergeben sich aus dem Aufwand für Training und Wettkämpfe auch viele Fehlzeiten, unter denen zum Teil die schulischen Leistungen leiden.

Während Ergh die Noten der Max-Beckmann-Schule aus den genannten Gründen nicht mitteilen will, hat sich Gatzweiler anders entschieden. Er legt die Ergebnisse des Abiturs offen, erklärt und relativiert sie und vertraut darauf, dass Eltern und Öffentlichkeit den Wert von Statistiken einordnen können. Eine solche Vorgehensweise wäre auch für das Kultusministerium eine Option.

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Jahrgang 1972, Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

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