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„Pulse of Europe“ : „Es ist für uns wie der Kirchgang geworden“

  • -Aktualisiert am

Mit voller Kraft: Gabriele Müller demonstriert bei „Pulse Of Europe“ auf dem Goetheplatz für Europa. Bild: Wonge Bergmann

Am Sonntag haben 3500 Frankfurter an der „Pulse Of Europe“-Demonstration teilgenommen. Seit der ersten Demonstration im Januar steigt die Zahl der Teilnehmer kontinuierlich.

          Wer sonntags um kurz vor zwei über den Goetheplatz spaziert, kann sich auf ein Spektakel gefasst machen: Riesige Europa-Flaggen werden geschwenkt, gerne auch auf Kopfhöhe. Die Wartenden tauschen sich über die besten Online-Shops für den Kauf einer Fahne aus. Kinder quetschen sich durch die Menge und testen ihre Trillerpfeifen, blaue Luftballons mit gelben Sternen schweben durch die Luft. Mehr als 3500 Menschen sind an diesem sonnigen Tag zur „Pulse of Europe“-Demonstration gekommen, schätzt die Polizei. Die Bewegung wächst immer weiter: Bei der ersten Demonstration im Januar kamen rund 200 Menschen ins Europaviertel, inzwischen ziehen jeden Sonntag Tausende durch die Innenstadt. Wer sind diese Menschen? Und warum verbringen sie ihren Sonntag nicht im Park oder am Main?

          Da ist zum Beispiel Gabriele Müller. Die Zweiundfünfzigjährige ist seit der zweiten Demonstration immer dabei gewesen. Sie hat im Internet von den Kundgebungen erfahren und wollte mitmachen, um Europa zu beschützen. Mit einer selbstbemalten Leinwand um den Hals jubelt sie den Rednern zu, die auf der Bühne am Goetheplatz für die Europäische Union werben. Auf der Leinwand steht „Zusammen stark“ – das ist die Botschaft, die Müller allen Europa-Zweiflern schicken will. Sie will, dass die Europäische Union bestehen bleibt. Zu gut kann sie sich an die Grenzkontrollen zur ehemaligen DDR erinnern, die sie über sich ergehen lassen musste, wenn sie Verwandte in Ostdeutschland besuchen wollte. „Das war traumatisierend“, sagt sie, und erzählt, wie die Grenzbeamten das komplette Auto auseinander genommen haben. Damit keine neuen Schlagbäume in Europa auftauchen, demonstriert sie jetzt.

          Keine Selbstverständlichkeit mehr

          Aber ihr fallen noch viele andere Gründe ein, die für die Europäische Union sprechen: „Ich arbeite im medizinischen Bereich. Für die Forschung brauchen wir einen guten Austausch.“ Außerdem möchte Müller, dass ihre drei Töchter in einer friedlichen und freien Welt leben. Also wurde sie Teil von „Pulse of Europe“. Die Bürgerbewegung will ein Zeichen für Europa setzen, und zwar überparteilich. Viele, die teilnehmen, waren vorher nicht politisch aktiv oder haben keine Partei gefunden, mit deren Zielen sie sich identifizieren. Aber sie wollen die Idee „Europa“ nicht aufgeben. „Mir ist wichtig, dass Europa bestehen bleibt, und das ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr“, sagt auch Maria Tappeiner, die jeden Sonntag mit ihrer Familie zur Demonstration geht.

          „Es ist für uns wie der Kirchgang geworden – und im Moment ist das hier wichtiger.“ Das hier – damit meint Tappeiner die Bürgerbewegung. Junge und Alte machen mit, Studenten und Rentner, Kleinfamilien mit Kindern und entspannte Typen in Haremshosen, die selbstgedrehte Zigaretten paffen. Zu Beginn der Kundgebung ruft Daniel Röder dazu auf, auch jenseits von Szene-Kneipen und Universitäten Mitstreiter für die EU zu finden. Der Frankfurter Anwalt hat die Initiative mitbegründet. „Pulse of Europe“ soll seiner Ansicht nach keine Elite-Veranstaltung sein, bei der die, denen es gut geht, krampfhaft an einer alten Ordnung festhalten.

          „Das ist wie Werbung für ein Produkt“

          Es soll eine Bewegung für alle sein. Auch für Maria Tappeiner ist das Wichtigste an Europa die Vielfalt. Der gemeinsame Wirtschaftsraum und die Reisefreiheit gehörten dazu, sie verstehe Europa aber als Kulturraum, sagt die Frankfurterin. Und sie will kämpfen, damit er nicht verloren geht. Gekämpft wird hier mit Worten: Auf der Bühne wird über die Vorteile Europas gesprochen. Auch die Römischen Verträge und die Wahlen in Bulgarien sind Thema. Das Publikum klatscht und pfeift, die Stimmung ist gut. In der ersten Reihe wedeln einige Kinder energisch mit Flaggen.

          Unter die Demonstranten haben sich an diesem Sonntag auch einige bekannte Frankfurter gemischt. Claus Wisser, der vor 50 Jahren das Dienstleistungsunternehmen Wisag gegründet hat, ist einer von ihnen. Er findet es wichtig, zu Europa zu stehen. „Ich habe mich schon früher bei Demos gegen den Krieg in Korea oder Vietnam engagiert, aber das hier ist genauso wichtig“, sagt er. Deshalb geht er nicht nur zu den Kundgebungen von „Pulse of Europe“, sondern hisst heute auf seinem Bürogebäude an der Paul-Ehrlich-Straße eine Europa-Flagge. „Das ist wie Werbung für ein Produkt“, erklärt er. Und das Produkt ist seiner Meinung nach wertvoll: Ein offenes Europa, das den Nationalstaat überwunden hat.

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