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Psychologische Beratung Lebenshilfe im virtuellen Beratungszimmer

02.03.2008 ·  Selbstverletzungen, Erziehungsstress, Essstörungen: Viele Menschen haben Angst, sich in Beratungsstellen zu solchen Problemen zu bekennen. Im Internet bieten Psychologen anonyme Hilfe.

Von Til Huber
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Irgendwo da draußen sitzen die Menschen, mit denen Barbara Evangelou sich gleich unterhalten wird. Deren Sorgen sie jetzt noch nicht kennt und die sie trotzdem innerhalb weniger Minuten verstehen muss. Die Psychologin hat den Laptop auf dem Schreibtisch ihres Büros aufgeklappt. Durch die Fenster des Zimmers im Evangelischen Zentrum für Beratung und Therapie sieht man über die Häuser an der Eschersheimer Landstraße. Und man kann nur spekulieren, wo sich die Menschen aufhalten, die in den nächsten 60 Minuten über das Internet bei ihr Rat suchen werden. Vielleicht am heimischen Schreibtisch, vielleicht im Kinderzimmer oder in irgendeinem Café, damit die Familie nichts davon mitbekommt.

Sexueller Missbrauch, Selbstverletzungen, Depressionen: Die Beraterin sagt, es seien häufig „schamhafte Themen“, mit denen sich Jugendliche und Erwachsene in der virtuellen Beratungsstelle an sie wendeten. Den Internetdienst hat die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung vor acht Jahren eingerichtet. Seitdem nutzen den Service von Jahr zu Jahr mehr Menschen. Evangelou ist eine von 87 Beratern, die in ganz Deutschland daran beteiligt sind.

Im virtuellen Wartezimmer haben sich inzwischen schon drei Klienten angemeldet. Die Beraterin und auch die meisten Ratsuchenden verwenden Pseudonyme, wenn sie sich unterhalten. Was besprochen wird, ist streng vertraulich. Niemand darf den Dialog am Bildschirm mitverfolgen. Vor allem, weil nicht ausgeschlossen sei, dass einer der Klienten doch seinen richtigen Namen verwende, sagt Evangelou. Es seien zum Beispiel Jugendliche wie „Jessica“, die sich meldeten. Mit dem 18 Jahre alten Mädchen, das eigentlich anders heißt, aber anonym bleiben soll, hat sie sich vor einiger Zeit per Internet-Chat unterhalten. Den Dialog hat sie gekürzt und unkorrigiert aufgezeichnet:

Dialog mir „Jessica“

„Meine Periode ist seit 2 Monaten einfach ausgeblieben, was soll sich tun?“, fragt das Mädchen.

Die Beraterin entgegnet: „kann denn eine schwangerschaft in frage kommen?

Jessica: „ne eigentlich nicht“

„warst du schon mal beim arzt oder frauenarzt deswegen oder wartest du noch ab?“

„nein ich wollte noch abwarten!“

„und jetzt wirst du langsam unruhig, hm?“

„ja ich habe schiß . . . Ich habe angst, dass die ärztin sagt, dass es an meinem Essverhalten liegt!“

„wie sieht denn dein essverhalten aus?“

„Mein essverhalten ist komisch! Ich esse ganz wenig und alles kalorienarme saachen. manchmal habe ich fressattacken und dann esse ich und breche es wieder aus“

„das kann durchaus auch ein grund für das ausbleiben deiner blutung sein. dann sichert sich sozusagen der körper ab, nicht schwanger zu werden, z.b. weil er nicht gut mit essen und nährstoffen versorgt ist“

„Das ist blöd, weil ich eigentlich noch weiter abnehmen möchte! Ich weiß das das irgendwie bescheuert ist!“

Jessica spricht auch davon, dass vor einiger Zeit „etwas Blödes vorgefallen“ sei und sie sich deshalb nicht mehr vor einem Fremden ausziehen wolle. Die Beraterin rät ihr, trotzdem in Begleitung einer Freundin zum Arzt zu gehen. Ob sie glaube, ihre Angst überwinden zu können?

„nein ich glaube nicht! Nachher fragt sie noch nach, was genau passiert ist! . . . keiner soll etwas merken“.

Nach viel gutem Zureden, schafft die Psychologin es schließlich trotzdem, Jessica von einem Arztbesuch zu überzeugen. Ob das Mädchen tatsächlich dort war, weiß man nicht.

Mehr 25.000 Menschen in Deutschland suchen Hilfe bei der Online-Beratung

Natürlich seien da der Online-Beratung Grenzen gesetzt, sagt Evangelou. Der Idealfall bleibe das Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Aber mancher könne sich nicht überwinden, in eine Beratungsstelle zu gehen. Über das Internet falle es vielen leichter, ihre Probleme zu offenbaren. „Vor allem Jugendliche können wir dort abholen, wo sie sich ohnehin aufhalten.“ Auch der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen sieht in der Online-Beratung ein sinnvolles Mittel, um „Schwellenängste“ abzubauen. Wenngleich diese eine umfassende Psychotherapie nicht ersetzen könne. Evangelou meint, man müsse versuchen, den nächsten Schritt zur Lösung des Problems aufzuzeigen. Wie zum Beispiel bei einem anderen Mädchen, das nicht aufhören kann, sich selbst in den Arm zu ritzen – auch, weil ihre Eltern sich oft streiten. Nach mehrmaligem Chat im Internet habe sie schließlich eine Beratungsstelle aufgesucht.

Oder bei der alleinerziehenden Mutter, die sich jüngst meldete, weil ihr fast zwei Jahre alter Sohn ohne Unterlass schrie und sie deshalb am Ende ihrer Kräfte war. „Seit Wochen schlafe ich keine Nacht mehr durch. Gebrüll, rufen, weinen ist Alltag“, hatte die Frau geschrieben sowie von Kreislaufproblemen und ihren „Ängsten, es nicht zu schaffen“. Evangelou legte der Frau nahe, das Kind hin und wieder betreuen zu lassen, um zwischendurch mal entspannen zu können. Rund ein Viertel der anonymen Einzelchats führt Evangelou mit Erwachsenen, die an sich selbst und an ihren Kindern verzweifeln.

Im vergangenen Jahr registrierten sich nach Angaben der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung weit mehr als 8000 Ratsuchende neu auf der Internetseite www.bke-beratung.de. Damit ist die Zahl der Neuanmeldungen im Vergleich zum Vorjahr um fast ein Drittel gestiegen. Insgesamt suchen inzwischen mehr als 25.000 Menschen in Deutschland Hilfe bei der virtuellen Beratungsstelle.

Das merkt auch Barbara Evangelou. Anfangs sei sie skeptisch gewesen, ob man etwas bewirken könne, wenn man die Menschen nicht persönlich zu Gesicht bekomme. Inzwischen staune sie, welch klares Bild sich ergebe, wenn sie vor ihrem Laptop sitze und mit den Menschen kommuniziere. Und das, obwohl viele wahrscheinlich Hunderte Kilometer entfernt sind.

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