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Prozesse : Korruption bei der Messe offenbar schon in den Achtzigern

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Pflastersteine, Fliesen, Gardinen, Fernseher, Bewegungsmelder für das eigene Haus, dazu ein imposantes Auto für die Einfahrt, professioneller Heckenschnitt und Reinigung des Gartenteiches, Sammlungen ...

          Pflastersteine, Fliesen, Gardinen, Fernseher, Bewegungsmelder für das eigene Haus, dazu ein imposantes Auto für die Einfahrt, professioneller Heckenschnitt und Reinigung des Gartenteiches, Sammlungen von Modelleisenbahnen und Wanduhren enormen Ausmaßes, Einladungen in Feinschmeckerlokale und zu Formel-1-Rennen, dazu dicke Bargeldpäckchen: Am Ende der Anklage im Korruptionsprozeß gegen einen ehemaligen Bauleiter bei der Frankfurter Messe war die Frage fast leichter zu beantworten, was im luxuriösen Privatleben des Dreiundsechzigjährigen eigentlich nicht von den Geschäftspartnern zu Lasten des Arbeitgebers finanziert worden sei.

          463 Fälle von Vorteilsnahme, Angestelltenbestechlichkeit, Betrug oder Untreue haben die Ermittler zusammengetragen. Insgesamt belaufen sich laut Staatsanwaltschaft die Zuwendungen von 17 Firmen in den Jahren 1997 bis 2000 an den Mann, der für die Instandhaltung von fünf Hallen verantwortlich war, auf mehr als 770000 Mark. Da - wie bei solchen Manipulationen üblich - die Unternehmen das Schmiergeld offenbar meist mit einem Aufschlag dem Vertragspartner Messe verdeckt in Rechnung stellten, beläuft sich für die Gesellschaft der Schaden auf rund eine Million Euro.

          Das Ende 2000 aufgedeckte Korruptionssystem hat die Messe vermutlich fast das Zehnfache gekostet, wenn man einrechnet, daß es vermutlich schon Mitte der achtziger Jahre etabliert wurde. In dem Ermittlungskomplex "Frankfurter Messe" gab es insgesamt mehr als 130 Beschuldigte, zehn davon waren bei der Gesellschaft in Positionen beschäftigt, in denen mehr oder weniger Einfluß auf die Vergabe von Aufträgen zu nehmen war.

          Der Angeklagte, ein Maurermeister, bestätigte gestern in der Verhandlung vor dem Landgericht die Vermutung, daß sich die "Bakschischmentalität" weitaus früher entwickelt hatte. Schon als Polier eines Bauunternehmens sei ihm in den achtziger Jahren bekannt gewesen, daß man bei der Messe "etwas für die Leute dort tun" müsse, um an Aufträge zu gelangen. Seiner Schilderung nach übernahm er schon bald, nachdem er 1987 eine Stelle als Bauleiter bei der Messe antrat, den Gegenpart: Zum Teil seien die Unternehmen auf ihn zugekommen mit der Frage, ob man "was machen" könne, zum Teil habe er selbst "nachgehakt". Auch seien Kollegen mit der Bitte an ihn herangetreten, ob er "etwas besorgen" könnte.

          Hinter der vernebelnden Wortwahl standen meist sehr konkrete Abmachungen: Material und Stunden etwa, die bei Arbeiten an dem Privathaus oder der Eigentumswohnung des Angeklagten anfielen, wurden mitunter bis zum Zweieinhalbfachen in Rechnungen an die Messe versteckt. Der Angeklagte, der schon bei der Staatsanwaltschaft ein umfassendes Geständnis abgelegt hatte, bestätigte vor der Großen Strafkammer gestern noch einmal, daß er die jeweiligen Aufmaße in den fingierten Rechnungen abgezeichnet habe. Er selbst vergab zwar keine Aufträge, jedoch hatte sein Wort offenbar Gewicht in der Frage, welche Firmen etwa mit Reparatur-, Maler-, oder Glaserarbeiten zu betrauen seien. Auf diese Weise mußte er nie mit Auftragsentzug ausdrücklich "drohen", wie er sich ausdrückte. Daß das System im Laufe der Jahre den Charakter eines Selbstbedienungsladens annahm, zeigen die Querverbindungen: Der Angeklagte vermittelte laut Anklage sogar Gefälligkeiten unter seinen korrupten Partnern, etwa ein paar Türen und Fenster für den Hausbau, wobei die Rechnung wiederum die Messe zahlen mußte.

          Auf die Frage des Kammervorsitzenden Christopher Erhard, ob, als in Frankfurt diverse Korruptionsskandale aufgedeckt wurden, bei ihm und seinen Mittätern nicht die Sorge gewachsen sei, man selbst sei demnächst an der Reihe, sagte der Angeklagte, darüber habe man sich nicht unterhalten, jeder habe wohl gedacht, ihn treffe es nicht.

          Das Gericht hat gestern angekündigt, daß der Dreiundsechzigjährige mit einer Strafe von nicht mehr als viereinhalb Jahren Freiheitsentzug zu rechnen habe, wenn er bei seinem Geständnis bleibt und die - dann stark verkürzte - Beweisaufnahme keine neuen Aspekte mehr zu seinen Lasten ergeben. (hs.)

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