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Prostitution : Das kälteste Gewerbe der Welt

Für solch ein Zimmer zahlen die Frauen im Bordell 140 Euro Miete am Tag. Bild: dpa

Zwanzig Minuten mit einer Frau kosten 25 Euro - das ist der Tarif im Bordell „Taunus 26“. In der Bahnhofsviertelnacht bekommen Besucher einen Eindruck vom nüchternen Geschäft mit dem Sex.

          Cindy räkelt sich auf dem Bürostuhl, der in ihrer offenen Zimmertür steht. Die schwarzen Dessous schmiegen sich an ihren Körper, ihre Wimpern sind schwer von Mascara. Mit ihren Lippen formt sie eine quietschpinke Kaugummiblase und lässt sie zerplatzen. Heute ist kein guter Tag. Zu viele Leute, die nur schauen wollen.

          An einem guten Tag verdient Cindy 400 Euro in ihrem Zimmer im „Taunus 26“, wie sie sagt. Das Bordell vermietet die Zimmer für 140 Euro am Tag, alles, was über die Miete hinausgeht, gehört angeblich den Frauen. Doch wenn Cindy einen guten Tag hatte, heißt das, dass sie etwa 16 Freier hintereinander empfangen hat. Denn zwanzig Minuten kosten 25 Euro. „Aber es ist halt Arbeit“, sagt Cindy. Sie ist vor sechs Monaten aus Rumänien nach Deutschland gekommen, um Geld zu verdienen. In einem Laufhaus geht das immer noch besser als auf der Straße, wo Geschlechtsverkehr für fünf Euro zu haben ist. Deutsch spricht Cindy nicht. Aber das ist auch nicht so wichtig - die wenigsten Kunden wollten lange mit ihr reden, sagt sie.

          Streit wegen Extrawünschen

          In der Miete enthalten sind zehn Kondome, eine Küchenrolle, Getränke und ein Sicherheits-Service. Zuständig dafür ist Ilja. Er ist klein, hat viele Muskeln und einen Baseballschläger in seinem Büro stehen. Wenn er gefragt wird, wozu er den braucht, lacht er laut und wirft seinen Kopf nach hinten. Das soll als Antwort genügen. „Gibt sehr selten Stress“, beeilt er sich dann zu sagen. Wenn doch, ist er aber zur Stelle. Die Frauen haben Panikknöpfe in ihren Zimmern, Ilja überwacht die Flure über Videokameras. Wenn es Streit gibt, dann meist, weil ein Kunde Extrawünsche nicht bezahlen will oder Geschlechtsverkehr ohne Kondom möchte. Das ist offiziell verboten im „Taunus 26“.

          Was hinter den geschlossenen Türen passiert, ist allerdings eine andere Geschichte. „Wenn ein Mädchen die Miete noch an der Backe hat und ein Freier 50 Euro für ohne bietet, überlegen viele nicht lange“, erklärt Ulrich Mattner, der sich vor wenigen Tagen zum Vorsitzenden des Gewerbevereins Bahnhofsviertel hat wählen lassen und sich im „Taunus 26“ bestens auszukennen scheint. An diesem Abend führt er mehrere Frauengruppen durch das Bordell.

          Deutschkenntnisse sind vernachlässigbar

          Normalerweise bekommen nicht viele Menschen einen Einblick in diese Welt, in der Frauen ihre Körper für sehr wenig Geld anbieten. Wo Männer schnell einmal in der Mittagspause zu Besuch kommen oder im Schutz der Dunkelheit ihre Phantasien Wirklichkeit werden lassen. In der Bahnhofsviertelnacht öffnen das „Taunus 26“ und viele weitere Bordelle und Animierbars ihre Türen auch für Frauen. Es geht darum, einen guten Eindruck zu machen, vielleicht auch darum, neue Kunden zu werben. Die Prostituierten müssen an diesem Donnerstag angeblich nur den halben Mietpreis zahlen, denn bei so vielen neugierigen Besucherinnen, die sich endlich einmal ein Laufhaus von innen ansehen wollen, bleiben die zahlenden Kunden aus.

          Manche hoffen trotzdem auf etwas Geld. Ein Stockwerk über Cindy steht eine schmale Frau mit langen dunklen Haaren. Sie trägt ein weißes Spitzenkleid, etwas zu durchsichtig, um noch als Sommerkleid durchzugehen. Sie lehnt an einer der schmuddeligen Metalltüren, wie sie hier auf jedem Stockwerk zu finden sind. Die schmale Frau ist neu. Sie kann kein Deutsch, Englisch auch nicht. Sie steht einfach mit ihren großen dunklen Augen im Eingang zu ihrem Zimmer und wartet, dass jemand sie auswählt. Im Zimmer hinter ihr läuft ein Porno auf einem kleinen Bildschirm, das Klappbett ist frisch bezogen. Eine andere Kollegin fängt gerade erst an zu arbeiten. Sie schließt das Nebenzimmer auf und zieht sich bei offener Tür aus. Es kümmert sie nicht, dass andere Frauen auf dem Gang stehen und sie beobachten, während sie ihre wasserstoffblonden Haare nach oben bindet und sich für die Kunden fertig macht.

          „Die Frauen sind mir völlig egal.“

          Eine junge Frau, die sich das Bordell in der Bahnhofsviertelnacht einmal ansehen wollte, findet es „erschreckend“. „Es ist wie im Zoo, reine Fleischbeschau“, sagt sie und verzieht ihr Gesicht. Wie es in der Broschüre der Stadt als „rot leuchtendes Abenteuerland“ angepriesen werden kann, versteht sie nicht. Wer den Ausdruck „käufliche Liebe“ erfand, war nie in einem Laufhaus. Denn wenn hier eines nicht verkauft wird, dann Liebe. Die meisten Prostituierten kommen aus Rumänien oder Bulgarien, brauchen Geld für ihre Familien. Etwa die Hälfte der Mieterinnen im „Taunus 26“ hat Kinder, viele reisen auch mit ihren Familien ein. „Manchmal steht der Bruder oder sogar der Mann unten vorm Haus und kassiert“, erzählt Mattner. Das Bordell habe damit aber nichts zu tun.

          Auch Ilja betont übermäßig oft, dass alles legal laufe und den Frauen das Geld nicht abgenommen werde. Solange sie im Haus seien, würden sie von ihm beschützt. Draußen müssten sie selbst sehen, wie sie klarkommen. „Die Frauen sind mir völlig egal“, sagt Ilja und meint damit, dass er sich nicht in ihre privaten Angelegenheiten einmischt. Es klingt trotzdem so, als interessiere es ihn nicht, wie die Frauen leben oder wie es ihnen geht. Die Beziehung zwischen ihm und den Prostituierten ist nun einmal rein geschäftlich. Die Einzigen, bei denen Emotionen hochkochten, seien die Freier, sagt Ilja. Alle, die im Milieu arbeiten, sehen die Dinge mit kühlem Kopf. Das hilft, um im kältesten Gewerbe der Welt zu überleben.

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