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Pröpstin Gabriele Scherle : Theologie der Hoffnung

Realistin: Gabriele Scherle wünscht sich eine Kirche, die sich mit der Realität auseinandersetzt. Bild: privat

Heute wird Pröpstin Gabriele Scherle mit einem Festgottesdienst in den Ruhestand verabschiedet. Elf Jahre war sie zuständig für die Propstei Rhein-Main.

          Noch liegen ihre Sachen, ihre Unterlagen und Bücher im Büro der Propstei Rhein-Main, mitten in Frankfurt. Gabriele Scherle ist begeisterte Frankfurterin. Dabei hat es eine Weile gedauert, ehe sie einen Zugang zur Stadt gefunden hat. Als sie noch Pfarrerin in Neu-Isenburg war und später nach Herborn zog, fuhr sie regelmäßig nach Frankfurt, doch das Eigenleben der Stadt erschloss sich ihr nicht. Das änderte sich erst, als sie gemeinsam mit ihrem Mann, der als Theologieprofessor in Herborn arbeitet, direkt nach Frankfurt zog. Plötzlich wurde sie dort heimisch und wollte nicht mehr weg. Das war 2006. In jenem Jahr trat sie das Amt der Pröpstin für die Propstei Rhein-Main an. Dass es dazu einmal kommen würde, hätte sie als junge Frau nicht gedacht.

          1952 als Kind einer Bauernfamilie in Pforzheim geboren, erlangte Gabriele Scherle nach dem Besuch der Volksschule und einer anschließenden Handelsschulausbildung zunächst die mittlere Reife. Sie machte eine Ausbildung im mittleren Beamtendienst, war zwei Jahre als Steuerassistentin tätig, und wenn es nach ihren Eltern gegangen wäre, hätte sie es dabei bewenden lassen können. So seien die Strukturen damals gewesen, erzählt sie: „Man blieb, wo man herkam.“

          Rückblick: das Gefühl von Freude und Dankbarkeit

          Scherle aber zog es weg. Sie holte die Qualifikation für die Fachhochschulreife nach, studierte in Freiburg und Siegen Soziale Arbeit und war zunächst als Sozialarbeiterin im Psychiatrischen Krankenhaus Marburg tätig. Ihr Engagement in der Friedensbewegung führte sie dann nach Bonn zur kirchlichen „Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden“. Dort veränderte sich ihr Blick auf ihre eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten. „Früher habe ich immer gedacht, ich werde vielleicht Pfarrfrau“, sagt sie und lacht. Dass sie den Pfarrberuf auch selbst ergreifen könnte, darauf brachten sie einige Pfarrer, die sie in der Aktionsgemeinschaft traf. „Ich habe mir das irgendwann zugetraut, weil andere es mir zugetraut haben.“

          Ein Stipendium des Evangelischen Studienwerks Villigst ermöglichte ihr, Theologie zu studieren. Sie genoss die Freiheit der Mobilität, die sie nun hatte, wechselte im Studium von Bonn nach Berlin, Jerusalem, Bochum und Wuppertal, absolvierte ihr Spezialvikariat in Dublin und wurde schließlich Pfarrerin in Neu-Isenburg. Sie sei in ihrem Leben reich beschenkt worden, sagt Gabriele Scherle: „Ich konnte in dieser Zeit alles nachholen, was mir vorher verschlossen war.“

          Ihre Dankbarkeit spiegelt sich auch in ihrem Verständnis von Theologie, das vom Leitmotiv der Hoffnung geprägt ist. Scherle grenzt sich damit strikt von einer evangelischen „Wohlfühlreligion“ ab, die in der Kirche sonst vielerorts anzutreffen ist. Diese Form der „billigen Gnade“ hält sie für problematisch. Es sei vielmehr Aufgabe der Kirchen, Gott das Leid der Menschen vorzuhalten – ohne dabei die Zuversicht zu verlieren: „Aus der Hoffnung zu leben bedeutet, die Realität anschauen zu können, wie sie wirklich ist.“ Dabei gehe es nicht nur um ihre persönliche Hoffnung, erklärt sie, sondern um eine Hoffnung für die Welt.

          Wenn sie über ihr theologisches Kernanliegen spricht, wirkt es nicht so, als würde sie in den Ruhestand gehen. Übermüdung ist ihr nicht anzumerken. Dabei habe sie das Gefühl, dass sie schon seit 25 Jahren fordere, die Kirche müsse stärker auf Theologie setzen. „Ich hätte mir gewünscht, dass meine theologischen Bemühungen auf fruchtbareren Boden fallen“, sagt sie. Und doch überwiegt im Rückblick auf ihre Amtszeit das Gefühl von Freude und Dankbarkeit. Sie sei froh über viel Neues, das entstanden sei, zum Beispiel über den Rat der Religionen, dessen Gründungsmitglied sie ist, oder über die Domsingschule und die Bläserschule. Vor allem aber ging es Gabriele Scherle stets um Menschen. Es erfüllt sie, dass sie in ihrer Tätigkeit als Seelsorgerin viele Pfarrerinnen und Pfarrer in Krisen begleiten und ihnen helfen konnte. Als Pröpstin, deren Funktion vergleichbar ist mit der eines regionalen Bischofsamtes, gehörte es zu ihren Aufgaben, die Gemeinden zu begleiten.

          So beginnt der Tag in Frankfurt und Rhein-Main: das Wichtigste in Kürze, mit Hinweisen auf mobile Blitzer, Straßensperrungen, Gaststätten.

          Dankbar blickt sie auch auf ihren bevorstehenden Ruhestand. Im kommenden halben Jahr will sie zunächst gar nichts machen. Natürlich werde sie immer Theologin bleiben, doch jetzt sei erst mal eine Zeit der Unterbrechung gekommen. Mit dem Ende ihrer Amtszeit tritt eine Neuordnung der Propsteigebiete in Kraft. Dabei wird die bisherige Propstei Süd-Nassau mit der Propstei Rhein-Main zusammengeführt. Oliver Albrecht, Propst für Süd-Nassau, wird ab dem 1. Oktober Propst der neuen fusionierten Propstei Rhein-Main.

          Ohne etwas an der kritischen Situation der Kirchen schönzureden, betrachtet Scherle die Neugliederung der Propsteien mit Pragmatismus und Gelassenheit. Alles hat seine Zeit. Manchmal sei es auch an der Zeit, sich von Dingen zu trennen. Für die Kirche, das kann man von der scheidenden Pröpstin lernen, ist es an der Zeit, zu theologischen Inhalten zurückzukehren. Vielleicht wird der Weg, den Scherle wählte, ihre Theologie der Hoffnung, noch mehr Gehör finden. Die krisengeschüttelte Kirche jedenfalls hat Stimmen wie die von Gabriele Scherle dringend nötig.

          Quelle: F.A.Z.

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