23.10.2008 · In der Werkstatt Praunheim können geistig Behinderte am Arbeitsleben teilnehmen. Doch die Räume entsprechen nicht mehr den Anforderungen und bieten zu wenig Platz. Deshalb ist ein Umzug geplant.
Von Philip EppelsheimAm Ufer der Nidda eröffnete 1965 die Werkstatt Praunheim. Der rote Ziegelbau galt damals als Vorzeigeeinrichtung. So, stellte man sich vor, habe eine Werkstatt für geistig Behinderte auszusehen. Ziel der Praunheimer Werkstätten ist seitdem, diesen Menschen eine Arbeit zu verschaffen und ihnen zu ermöglichen, am Arbeitsleben teilzunehmen. Doch der einstige Vorzeigebau entspricht nicht mehr den Anforderungen von heute. Für Rollstuhlfahrer gibt es nur einen Lastenaufzug, die Toiletten sind für sie nicht zu erreichen. Und der Platz reicht nicht mehr. In den Fluren stapeln sich Kartons und Arbeitsmaterialien. Auch kann die Werkstatt nur 190 Mitarbeiter aufnehmen.
Dabei wird der Bedarf an Arbeitsmöglichkeiten für geistig Behinderte zunehmen. Deshalb plant die Praunheimer Werkstätten gGmbH einen Umzug. Eine neue Werkstatt soll gebaut werden, wenn möglich ebenfalls in Praunheim. In dem barrierefreien Neubau sollen 240 Menschen arbeiten können; außerdem sind 35 Tagesförderplätze vorgesehen. Für dieses Vorhaben bittet die Rhein-Main-Zeitung ihre Leser um Spenden.
Es gibt zu wenig Aufträge
Der Tag in der Werkstatt ist straff organisiert. Montags bis donnerstags arbeiten die Behinderten von 8 bis 16 Uhr, freitags von 8 bis 13.30 Uhr. Eine Glocke kündigt die Pausen an. Für die 190 geistig Behinderten ist es wichtig, feste Strukturen zu haben. Sie nehmen hier am Arbeitsleben teil, haben Freunde. „Hallo“, „herzlich willkommen“, schallt es aus der Kantine. Grießbrei mit Pflaumen gibt es an diesem Mittag. Zubereitet von der Großküche „Cook Company“, in der geistig Behinderte beschäftigt werden.
Es wird gelacht, geredet. „Indian secret service“: Ein Mann zeigt seine „Dienstmarke“, deutet auf seinen Indianerschmuck. Manchmal ist er auch vom Verfassungsschutz oder vom FBI. „Der Funkel geht“, verkündet ein anderer Mitarbeiter. Auch Ehemalige kommen zum Essen. Jeden Tag kommen sie, um ihre Freunde zu treffen. Die Glocke ertönt: Arbeitszeit. „Ich wäre ja lieber im Urlaub“, sagt Birgit. Dann beginnt in den Räumen das geschäftige Treiben.
Zwölf Gruppen machen sich ans Werk. Im zweiten Stockwerk wird gestanzt, gezählt und sortiert. Die einen fertigen Kabelmarkierungen, andere füllen Kinogutscheinboxen: Gutschein und Gummibärchen kommen in einen Filmrollenbehälter. „Gummibärchen sind nicht gut. Die machen dick“, scherzen die Mitarbeiter. In anderen Räumen befinden sich die Postabteilungen. Arbeitsteilung: Der Erste legt Faltblätter in die Zeitschrift, der Nächste schiebt sie in den Umschlag. Einer etikettiert, andere kleben die Briefmarken auf. „Guck mal, ich habe da ein Meerschweinchen drauf.“ – „Und ich Wasserflugzeuge.“ – „Ich habe gerade eine witzige Adresse: Dick & Dünn e. V.“ Doch die Arbeit reicht nicht für alle. Manche spielen Memory und Tischfußball oder schauen aus dem Fenster. Das Problem ist nicht, dass die Behinderten nicht mehr leisten könnten, sondern dass es zu wenig Aufträge gibt.
Die Mühe lohnt sich
Im ersten Stockwerk sind die „Langzeitbeschäftigten“. Immer wieder gehen geistig Behinderte aufgrund ihres Alters oder ihrer körperlich-geistigen Verfassung in den Ruhestand. In der Gruppe werden sie auf das Leben nach der Arbeit vorbereitet: Sie sollen lernen, dass es auch andere Dinge gibt, mit denen sie sich beschäftigen können. Sie gehen spazieren, backen Kuchen, kochen Marmelade, deren Erlös dem Bauprojekt zugutekommt. Die, die können, lesen Zeitungen. Und sie erstellen Biografien. „Wart ihr früher mal im Urlaub?“ – „Ja, Österreich“ – „Und wo noch?“ – „In der Schweiz, und Schiff gefahren bin ich mal.“ – „Wo denn?“ – „Konstanz“ – „Auf dem Bodensee?“ – „Ja.“
Einen Raum neben den „Alten“ treffen sich die „Jungen“: die Berufsbildungsgruppe. Die jungen Erwachsenen bereiten sich auf das Arbeitsleben vor, sollen ihre Kreativität zeigen und lernen, sich zu konzentrieren. Sie schneiden Weihnachtskarten aus, die ihre Kollegen in der Lackiererei als Linolschnitt herstellen. Die Schreibwerkstatt ist dazu da, dass nicht nur über geistig Behinderte geschrieben wird, sondern sie auch selbst zu Wort kommen. Im Zentrum steht zwar die Arbeit, aber auch der Spaß darf nicht zu kurz kommen. Tanzkurse, Tischtennis und Fußball sorgen für Abwechslung.
Im Keller findet sich das Herz der Werkstatt: die Schreinerei. Hier entsteht das Spielzeug, das die Praunheimer Werkstätten bekannt gemacht hat. Holz türmt sich in den Gängen auf. Kreissägen und Schleifmaschinen stehen in den Räumen – wie in jeder Schreinerei, nur dass es zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen an den Maschinen gibt. 19 Behinderte arbeiten dort und fertigen Holzspielzeuge für kleine Kinder. Arthur macht Klapperringe. „Es ist Zeit. Ich muss Kaffee machen“, sagt er. Jeden Tag das gleiche Ritual. Die Frauen ihm gegenüber leimen Rollgreifringe und stellen Fangbecher her. Auch Spendendosen für den Neubau entstehen hier.
Geistig Behinderte, die nicht arbeiten können, haben ebenfalls einen Platz in der Praunheimer Werkstatt. Eine kleine Tagesförderstätte – ein Arbeitsraum und ein Aufenthaltsraum – steht ihnen zur Verfügung. Acht Behinderte verbringen hier den Tag, in der neuen Werkstatt soll es 35 Plätze geben. Fast alle hier können nur sehr wenig sprechen. Mit kleinen Bilderkarten machen sie sich verständlich: Die Gruppe setzt auf „unterstützte Kommunikation“. Mit Hilfe von Bildern üben sie auch, sich zu artikulieren. Was ist ein Fahrrad, was ist eine Ente, was ist eine Bank? Wenn sie dann bei einem Spaziergang sagen: „Da ist eine Bank“, dann ist das ein Erfolg. Der Lernprozess kann mehrere Jahre dauern. Doch die Mühe lohnt sich.
Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“
Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ und die „Frankfurter Allgemeine / Rhein-Main-Zeitung“ bitten um Spenden, die der Hilfe für Kinder in schwierigen Familienverhältnissen und dem Neubau einer Behindertenwerkstatt zugutekommen.
Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“ bitte auf die Konten:
Nummer 11 57 11 bei der Frankfurter Volksbank (BLZ 501 900 00)
Nummer 97 80 00 bei der Frankfurter Sparkasse (BLZ 500 502 01)
Die Namen der Spender werden in der Zeitung veröffentlicht. Selbstverständlich wird auch der Wunsch respektiert, auf eine Namensnennung zu verzichten.
Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Allen Spendern wird, sofern die vollständige Adresse angegeben ist, eine Spendenquittung zugeschickt.
Philip Eppelsheim Jahrgang 1981, Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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