03.01.2007 · Michael Jansen hat als Vorsitzender der Zwangsarbeiterstiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ die Zwangsarbeiter-Entschädigung mitausgehandelt. Damit hat er das Vertrauen der NS-Opfer gewonnen. Ein Portrait von Hans Riebsamen.
Von Hans RiebsamenEinmal ist ein kleiner Mann in Michael Jansens Berliner Büro gekommen. „Meyer, Henry Meyer“. Er wolle sich erkundigen, was die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ - von Politikern und Medien Zwangsarbeiter-Stiftung genannt - denn so treibe, erklärte der Besucher. Vor einigen Tagen, als die Nachricht von Henry Meyers Tod in den Zeitungen vermeldet wurde, ist dem Stiftungsvorsitzenden Jansen die damalige Begegnung wieder eingefallen.
Meyer, zweiter Geiger des legendären LaSalle-Quartetts, war selbst ein Zwangsarbeiter, und zwar im Vernichtungslager Auschwitz, wohin das aus Dresden stammende musikalische Wunderkind als Zwanzigjähriger deportiert worden war. Henry Meyer hat Jansen erzählt, wie er durch die List eines jüdischen Arztes und den Austausch der Papiere eines Toten überlebt hat. Wie er im Häftlingsorchester zuerst Violine und dann Schlagzeug gespielt, wie er durch eine erstaunliche Verkettung aberwitziger Zufälle überlebt hat.
Zahlungen an mehr als 1,66 Millionen Zwangsarbeiter
Henry Meyer, den zeitgenössische Komponisten wie György Ligeti, Steve Reich oder Luigi Nono derart schätzten, dass sie eigens für ihn und sein Quartett Kompositionen schrieben, dieser weltberühmte Musiker war materiell nicht auf die ihm zustehende Zwangsarbeiter-Entschädigung von 7500 Euro angewiesen. Jansen hat ihm dennoch geraten, einen Entschädigungsantrag zu stellen. „Nehmen Sie das Geld als Zeichen unseres guten Willens“, sagte er Meyer. Was dieser auch getan hat.
Wie Meyer sind während der vergangenen fünfeinhalb Jahre mehr als 1,66 Millionen Zwangsarbeiter von der Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ entschädigt worden. Für die organisatorische Abwicklung dieser in der Geschichte wohl einzigartigen Sühneaktion der deutschen Wirtschaft und des deutschen Staates gegenüber den Opfern des nationalsozialistischen Zwangsarbeiter-Imperiums hat Jansen als Vorstandsvorsitzender der Stiftung vom Herbst 2000 an bis 1. Juli 2004 und von 2006 bis heute die Verantwortung getragen. Die Entschädigungen, insgesamt 4,37 Milliarden Euro, sind ausgezahlt worden, einige letzte Überweisungen wurden vor Silvester getätigt. Im Sommer werden Jansen und seine Vorstandskollegen dem Stiftungskuratorium noch ihren Abschlussbericht vorlegen, danach wird sich Jansen endgültig nach Hofheim in seinen Ruhestand verabschieden - Ende einer ungewöhnlichen Karriere, die ihn in den diplomatischen Dienst, danach in die Vorstandsetage eines Konzerns, anschließend an die Spitze der Zwangsarbeiter-Stiftung und außerdem für zwei Jahre als Chef in das Bundespräsidialamt geführt hat.
Welches der Höhepunkt seines Berufslebens war? Vielleicht jener Augenblick, da der von Außenminister Genscher nach Budapest entsandte Sonderbotschafter Jansen in einem Camp nahe der ungarischen Hauptstadt auf einen Tisch stieg und den nach Ungarn geflüchteten DDR-Bürgern über Megafon verkündete: „Sie dürfen ausreisen“? Oder als der frischgewählte Bundespräsident Horst Köhler ihm im Sommer 2004 die Leitung des Bundespräsidialamtes übertragen hat? Nein, sagt Jansen nach kurzem Nachdenken, die Stiftung war doch letztlich der Höhepunkt in seinem Berufsleben. Allein schon der vielen Begegnungen mit eindrucksvollen Menschen wie Henry Meyer wegen. Oder mit Karl Brozik, dem Wahl-Frankfurter, der bis zu seinem Tod 2004 der deutsche Repräsentant der Claims Conference war und als Chef dieser Partnerorganisation der Stiftung die Entschädigung der jüdischen Zwangsarbeiter bewerkstelligte.
Eine Wunde hat sich geschlossen
Den Patrioten Jansen, der seinem Land an vielen Stellen gedient hat, hat nachhaltig beeindruckt, welche positiven Wirkungen die Zwangsarbeiter-Entschädigung auf das Ansehen Deutschlands gehabt hat. „Wir haben die Deutschen gehasst“, hat ihm einmal ein polnischer Professor gesagt. Nach der Zwangsarbeiter-Entschädigung sei dieser Hass erloschen: „Jetzt können wir in Ruhe sterben.“ Oft haben Polen, Russen oder Tschechen, die eine Entschädigung erhalten hatten, Jansen verwundert gesagt: „Dass die Deutschen so etwas tun!“
Während seiner Arbeit in der Stiftung ist Jansen mehr als je zuvor bewusst geworden, dass das demokratische Deutschland das historische Erbe des Dritten Reiches tragen muss, dass die Geschichte die Deutschen haftbar gemacht hat. Mit der Zwangsarbeiterentschädigung hat sich jetzt eine seit mehr als fünf Jahrzehnten schwärende Wunde geschlossen. „Das ist gut so“, lautet Jansens Fazit.
Der Berufsbeamte, der 1972 seine Berufstätigkeit im Auswärtigen Amt begann, nach Stationen in Madrid, Brüssel und Caracas das Berlin-Referat im Außenministerium übernahm und in den achtziger Jahren Außenminister Genscher als persönlicher Referent zur Seite stand, ist als Mann der Wirtschaft an die Spitze der Zwangsarbeiterstiftung gelangt - als Leiter der internationalen Angelegenheiten der Degussa. Für den damals noch in Frankfurt ansässigen Konzern hatte den Diplomaten der Vorstandsvorsitzende Gert Becker persönlich gewonnen. Die beiden hatten sich bei einem Abendessen 1989 kennengelernt, sie hatten über den mangelnden Austausch zwischen Politik und Wirtschaft gesprochen, und Becker hatte Tage später Jansen das Angebot gemacht, zur Degussa nach Frankfurt zu kommen.
Mit einem Orden ausgezeichnet
Zehn „sehr schöne Jahre“ lang hat Jansen in Frankfurt, jener Stadt, in der er Ende der sechziger Jahre sein juristisches Referendariat absolviert hatte, für die Deutsche Gold- und Silber-Scheideanstalt gearbeitet. Seine diplomatischen Talente wurden gebraucht, als Ende 1998 im amerikanischen New Jersey eine Sammelklage ehemaliger Zwangsarbeiter gegen die Degussa einging. Jansen hat danach als Vertreter der deutschen Wirtschaft zusammen mit Otto Graf Lambsdorff, dem Beauftragten von Bundeskanzler Gerhard Schröder, mit der amerikanischen Regierung und den nationalen und internationalen Opferorganisationen beziehungsweise mit den Vertretern Polens, Russlands und anderer nationaler Regierungen den Kompromiss zur Zwangsarbeiter-Entschädigung ausgehandelt. Und ausgerechnet er, der Interessenvertreter der Industrie, ist mit dem besten Stimmenergebnis in den Vorstand der Zwangsarbeiter-Stiftung gewählt worden.
Jansen hat als Stiftungschef aus dem Nichts eine Organisation aufgebaut, die das Riesenwerk der Zwangsarbeiter-Entschädigung professionell bewältigt hat. Die wohl schwierigste Problem, daran erinnert sich Jansen noch lebhaft, bestand darin, das Misstrauen der russischen, polnischen und anderen Partnerorganisationen zu überwinden.
Wie trefflich dem deutschen Diplomaten dies gelungen ist, zeigt sich darin, dass polnische Überlebenden-Verbände Jansen vor geraumer Zeit mit einem Orden ausgezeichnet haben und der russische Botschafter ihm für seine Leistung gratuliert hat. Von Juni an, wenn der Vorstand seinen Abschlussbericht abgeliefert hat und - höchstwahrscheinlich - entlastet sein wird, wird Jansen einfacher Pensionär sein. Vielleicht hat der Sechsundsechzigjährige ja dann Zeit, seine Erinnerungen an einige historische Momente aufzuschreiben, die er erlebt und mitgestaltet hat.
Wiedergutmachung für Sklavenarbeiter
Die Entschädigung durch die Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ ist am 31. Dezember abgeschlossen worden. Insgesamt zahlte die Stiftung über sieben mit ihr verbundene Organisationen 4,37 Milliarden Euro aus. Einer dieser Partner war die in Frankfurt ansässige Jewish Claims Conference, welche die Auszahlung an jüdische Zwangsarbeiter übernommen hat. Allerdings machen Juden nur etwa zehn Prozent der etwa 1,66 Millionen entschädigten Fremdarbeiter aus. Die meisten stammen aus Polen, wo 484.000 Männer und Frauen entschädigt wurden. In die Zwangsarbeiterstiftung haben die deutsche Wirtschaft und der Bund jeweils 2,5 Milliarden Euro eingezahlt. Die einem Zwangsarbeiter zustehende Entschädigungssumme lag zwischen 2500 und 7500 Euro. Die Antragsteller mussten nachweisen, dass sie in einem anerkannten Zwangsarbeiterlager inhaftiert waren und für ein deutsches Unternehmen oder eine deutsche Stelle Arbeit verrichten mussten. Wie lange ein Zwangsarbeiter in einem Lager war, spielte für die Bemessung der Entschädigung keine Rolle. Insgesamt existierten zwischen 1939 und 1945 mehr als 10.000 Lager, von Russland bis nach Nordafrika. In Frankfurt erscheinen auf der Liste jener Unternehmen, die Zwangsarbeiter beschäftigten, erste Adressen: unter anderem die Degussa AG, die Hotel Frankfurter Hof AG, die Hartmann & Braun AG, die IG Farbenindustrie AG, die Naxos Union und Telefonbau & Normalzeit.