30.11.2005 · Der größte Wunsch von Stefanie Eid ist, den achtzehnten Geburtstag ihrer Tochter zu erleben. Sie engagiert sich in einer freien evangelischen Gemeinde in Usingen und hat „ein total schönes Leben“. Vor elf Jahren erfuhr sie von ihrer HIV-Infektion.
Von Philipp EppelsheimDer größte Wunsch von Stefanie Eid ist, den achtzehnten Geburtstag ihrer Tochter zu erleben. Sie ist eine lebensfrohe Frau, engagiert sich in einer freien evangelischen Kirchengemeinde in Usingen im Hochtaunus, geht zweimal wöchentlich in ein Fitness-Studio und kümmert sich um die Erziehung ihrer zehn Jahre alten Tochter. In der Vorweihnachtszeit beteiligt sie sich an der Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“, sammelt Geschenke für Kinder in Osteuropa.
Bei der Geburt ihrer Tochter vor zehn Jahren dachte Stefanie Eid, sie würde nicht einmal deren dritten Geburtstag mehr erleben. Stefanie Eid hat Aids. Am 8. Dezember 1994 erfuhr sie von ihrer HIV-Infektion. Die heute 37 Jahre alte Frau war damals im dritten Monat schwanger, und im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen ließ sie einen HIV-Test machen. Das Ergebnis: positiv. Als der Frauenarzt ihr den Befund mitteilte, brach für die werdende Mutter eine Welt zusammen. „Verzweiflung pur“, sagt sie zurückblickend. Ihr erster Gedanke: „Ich will nicht mehr leben.“
Ihr Frauenarzt überwies sie an die Universitätsklinik in Gießen. Dort folgte gleich der nächste Schock: Die Ärzte sagten ihr, daß sie ihr Kind abtreiben müsse. Doch Stefanie Eid entschied sich für ihr Kind und fand an der Universitätsklinik Frankfurt Unterstützung. „Ich hatte immer das Gefühl, daß meine Tochter gesund ist.“
HIV-infiziert in den Mutterschutz
Die damals 26 Jahre alte Frau arbeitete weiter bei einer Versicherung, bis der Mutterschutz begann. „Das war die schlimmste Zeit in meinem Leben“, sagt sie. Irgendwann fragten Arbeitskollegen, ob sie krank sei. Sie machten sich angesichts der ständigen Klinikbesuche Sorgen. Doch Stefanie Eid konnte und wollte nicht die Wahrheit sagen. Mit Hilfe der Ärzte erfand sie eine Krankheitsgeschichte, gab vor, sie leide an der Infektionskrankheit „Toxoplasmose“.
Im Mai 1995 heiratete sie, im Juni desselben Jahres kam ihre Tochter per Kaiserschnitt zur Welt. Das Wunschkind des jungen Ehepaares war gesund. Stefanie Eid quälten dennoch Sorgen: „Ich war 26 Jahre alt und ging davon aus, daß ich keine dreißig Jahre alt würde.“
Als ihre Tochter vier Jahre alt war, fragte diese ihre Mutter, warum sie so viele Medikamente nehme. „Ich sagte: Ich habe viele böse Punkte im Blut.“ Mittlerweile weiß das zehn Jahre alte Mädchen, an welcher Krankheit seine Mutter leidet. „Das ist besser, als wenn sie im Glauben aufwächst, ihre Mutter sei gesund.“
Infiziert hatte sich Stefanie Eid bei einem Exfreund, mit dem sie anderthalb Jahre lang eine Beziehung geführt hatte. Das war, bevor sie ihren zukünftigen Mann kennenlernte. Ihr Freund wußte von seiner Krankheit, doch verschwieg er sie ihr. Stefanie Eid zeigte ihn später an, im April 1997 kam es zur Gerichtsverhandlung. Der Mann, der sie infiziert hatte, wurde zu zwei Jahren auf Bewährung wegen schwerer Körperverletzung verurteilt. Über seine Anwältin hatte er zuvor ausrichten lassen, daß es ihm leid tue.
Damals wußte nur ihre Familie von der Krankheit, doch durch die Berichterstattung über den Gerichtsprozeß gelangte ihre Krankengeschichte an die Öffentlichkeit, erfuhren Freunde und Nachbarn von ihrer HIV-Infektion.
Alle Dorfbewohner wissen von ihrer Krankheit
Im Sommer 1999 trennten sich Stefanie Eid und ihr Ehemann. „Er konnte die Verantwortung nicht ertragen, irgendwann allein mit unserer Tochter dazustehen“, sagt Eid. Beide haben aber bis heute Kontakt und pflegen ein freundschaftliches Verhältnis. Tochter und Vater sehen sich jeden Samstag.
Zur selben Zeit zog Stefanie Eid von Usingen in ihren Geburtsort Schmitten, baute ein Haus neben dem ihrer Eltern. In dem 400-Seelen-Ort wissen alle von ihrer Krankheit, schlechte Erfahrungen hat sie jedoch nie machen müssen. „Eltern bringen ihre Kinder zu mir. Es gab nie jemanden, der sagte, er wolle nicht, daß sein Kind hierherkommt.“ Ganz im Gegenteil: Die Anwohner halfen ihr und standen ihr bei: „Eine alte Dame umarmte mich auf offener Straße.“ Auch ihre Familie gab ihr stets Rückhalt: „Für meine Familie war immer klar, daß sie sich um mein Kind kümmern werde, wenn ich sterbe.“
Noch wichtiger jedoch als der Rückhalt ihrer Familie ist für sie der Glaube. „Durch den Glauben habe ich keine Angst“, meint sie. Der Glaube hilft ihr, die starken Nebenwirkungen der Medikamente - Nierenkoliken, Übelkeit, Fettverteilungsstörungen - zu überstehen, und der Glaube half ihr auch, als sie vor einem Jahr an Brustkrebs erkrankte, den sie mittlerweile erfolgreich bekämpft hat. Ihren Krankheiten gibt die lebensmutige Mutter nicht viel Raum. Mit positivem Denken könne man viel erreichen, sagt die Frau, die nach eigenen Worten mit niemandem ihr Leben tauschen möchte: „Ich habe ein total schönes Leben.“
„Mein Körper ist krank, aber meine Seele ist heil“
Eid dankt Gott für die Dinge, die in ihrem Leben in Ordnung sind. Seit 1997 fährt sie jährlich nach Fuerteventura, hat Spanisch gelernt und mit dem Nähen angefangen. Im August unternahm sie eine Kreuzfahrt rund um Großbritannien, im nächsten Jahr möchte sie Skandinavien bereisen. Mit ihrer Krankheit geht sie offen und selbstbewußt um. „Wenn mich jemand ablehnen sollte, würde es mich nicht stören. Ich habe genügend Rückhalt.“ Selbsthilfegruppen hat sie nie besucht. Ihre Sonderrolle ist ihr dabei durchaus bewußt: „Ich bin unter den HIV-infizierten Menschen ein Exot.“
Dem Mann, der sie mit HIV infizierte, hat Stefanie Eid nach anfänglichen Haßgefühlen vergeben können. Auch dies habe dazu beigetragen, daß es ihr heute so gut gehe. Sie ist sich gewiß, daß Gott ihm seine gerechte Strafe geben werde.
Vor dem, was noch auf sie zukommt, hat Stefanie Eid keine Angst, sie möchte mit ihrer Geschichte anderen helfen: „Mein Körper ist krank, aber meine Seele ist heil.“