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Polizei reagiert : Frust und Wut auf dem Fahrradweg

  • -Aktualisiert am

Erwischt: Polizisten stoppen einen Radfahrer nach einem „Rotlichtverstoß“. Bild: Ly, Martin

Über rote Ampeln fahren oder Alkohol trinken: Auch Fahrradfahrer können die Straßen mit groben Verstößen unsicher machen. Nun will die Frankfurter Polizei dagegen vorgehen.

          Seine Dose mit einer Whiskey-Cola-Mischung wird einem Radfahrer fast zum Verhängnis. Freihändig fährt er an der Bockenheimer Landstraße entlang, eine Baseballkappe mit Tarnfleck-Muster auf dem Kopf und beide Unterarme tätowiert. In der rechten Hand hält er die Dose, aus der er beim Fahren trinkt. Hinter der U-Bahn-Station Westend aber steht ein blonder bärtiger Polizist breitbeinig auf dem Radweg, winkt ihn an die Seite und ruft: „Einmal anhalten, bitte!“ Dann packt er ein weißes Röhrchen aus einer Plastikfolie und lässt den Fahrer in ein Alkoholmessgerät pusten.

          Die Kontrolle, in die der Mann an diesem Nachmittag gerät, ist Teil der Aktionswochen der hessischen Polizei, die noch bis zum 3. Juni andauern. Die Beamten wollen die Sicherheit der schwächeren Verkehrsteilnehmer erhöhen, also der Fußgänger und Radfahrer. Denn die Anzahl der Unfälle, bei denen sie verletzt wurden, ist 2017 im Vergleich zum Vorjahr zwar gesunken. Allerdings gab es 2017 mehr schwerverletzte Fußgänger und Radfahrer als 2016.

          Beamte wollen Trend stoppen

          Diesen Trend wollen die Beamten stoppen und Autofahrer zu mehr Rücksicht, die Radfahrer und Fußgänger wiederum zu mehr Vorsicht mahnen. Deshalb warten sie im Westend auf radelnde Verkehrssünder, vor allem auf die, die rote Ampeln missachten, denn das führt besonders oft zu Unfällen mit Schwerverletzten. Zwei Uniformierte filmen die Kreuzung. Bei einem, wie es im Beamtenjargon heißt, „Rotlichtverstoß“ geben sie ihren Kollegen, die eine Straßenecke weiter stehen, Personenbeschreibungen durch. Der junge Mann mit der Whiskey-Cola-Dose kommt bei der Kontrolle mit einer mündlichen Verwarnung davon, der Atemalkoholtest ergibt einen Wert von rund 0,5 Promille. „Man lernt ja aus Fehlern“, sagt er und wirft die noch halbvolle Dose in einen Papierkorb.

          So kooperativ sind allerdings nur wenige. Kein Wunder, denn eine rote Ampel zu missachten ist teuer. Ist sie noch keine Sekunde lang rot, kostet das 60 Euro. Bei mehr als einer Sekunde beträgt das Bußgeld 100 Euro. Einen Punkt in Flensburg gibt es in jedem Fall. Er habe generell den Eindruck, dass Radfahrer uneinsichtig und unfreundlich auf Kontrollen reagierten, sagt ein Beamter. „Ich glaube, das liegt daran, dass sie sich selbst im Straßenverkehr immer als die Schwächeren sehen.“ Sie empfänden Kontrollen als zusätzliche Ungerechtigkeit.

          Tatsächlich fluchen viele und versuchen, das Bußgeld mit Ausreden, Schuldzuweisungen oder Charme abzuwenden. Eine ältere Dame mit Kurzhaarschnitt und zitronengelber Jeansjacke antwortet lächelnd auf die Frage des Polizisten, ob sie wisse, warum er sie anhalte: „Ich bin über Rot gefahren. Aber es wäre sehr bald Grün geworden!“

          Ein anderer Radfahrer, der zumindest einen Helm trägt, beginnt eine Diskussion mit den Beamten. „Die Ampel war noch gelb, und mit mir sind da noch fünf andere drüber“, behauptet er. Er lässt den Einwand nicht gelten, dass es um seine eigene Sicherheit gehe. „Bei Autofahrern sehe ich noch viel gefährlichere Sachen.“

          Alle schimpfen aufeinander ein

          Er ist nicht der Einzige, der an diesem Nachmittag seinen Frust über andere Verkehrsteilnehmer ablässt. Ein Polizist fasst seine Eindrücke so zusammen: „Fußgänger schimpfen auf Radfahrer und Autofahrer, Radfahrer schimpfen auf Fußgänger und Autofahrer, Autofahrer schimpfen auf Fußgänger und Radfahrer. Und alle hassen Lastwagen.“

          Wie zur Bestätigung rollt ein grüner Mercedes vorbei, der Fahrer hat die Scheibe heruntergelassen. Was hier los sei, fragt er. Als er von der Fahrradkontrolle hört, grinst er, streckt den linken Daumen nach oben und ruft: „Sehr gut!“ Kurz darauf bleiben drei Frauen stehen, die Kinderwagen schieben. Eine sagt, die Kontrolle finde sie super, und eine zweite stimmt ein: „Letzte Woche hat mich so ein aggressiver Radfahrer fast umgefahren!“

          Während der rund zweistündigen Kontrolle dokumentieren die Polizisten viele Verstöße. 26 Radler missachten die rote Ampel, zwei weitere fahren auf dem Bürgersteig in die falsche Richtung und müssen 20 Euro zahlen. Viele von ihnen finden, die Beamten verschwendeten an sie bloß Zeit und Energie. „Haben Sie nichts Besseres zu tun?“, fragt etwa ein dunkelhaariger Mann mit Sakko und Laptoptasche, der mit einem Leihrad unterwegs ist. Die Polizisten sollten sich besser um die „Junkies“ im Bahnhofsviertel kümmern, meint er. Der Einsatzleiter entgegnet, dort seien mittlerweile 100 zusätzliche Beamte im Dienst. Fast 20 Minuten lang diskutiert der Mann und kündigt an, wegen der Kontrolle – seiner Meinung nach eine Steuerverschwendung – künftig die AfD zu wählen. Schließlich gibt er doch auf und sagt: „Na gut, Sie haben mich mit Ihren ganzen Fakten überzeugt. Aber ich find’s trotzdem scheiße.“

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