21.07.2005 · Polizeipräsident Weiss-Bollandt wird 65 Jahre alt und geht Ende August in den Ruhestand. Der Jurist verkörperte mehr den freundlichen Schutzmann als den knallharten Ermittler. Unter seiner Regie ging die Zahl der Straftaten zurück.
Von Ralf EulerSeine Bilanz kann sich sehen lassen. Als Harald Weiss-Bollandt im Sommer 1999 das Amt des Polizeipräsidenten übernahm, lag die Zahl der jährlich registrierten Straftaten bei 135000, im vergangenen Jahr waren es nur noch 118000, und die Aufklärungsquote erreichte den Rekordwert von 53,9 Prozent. Wohl auch als Folge dieser Entwicklung fühlen sich die Frankfurter in ihrer Stadt sicherer als je zuvor: Bei einer Umfrage Ende 2004 bezeichneten nur noch 15 Prozent die Kriminalität als ihre größte Sorge. 1998 waren es noch 40 Prozent gewesen.
Doch Weiss-Bollandt, der am 5. August 65 Jahre alt wird und mit Ende jenes Monats in den Ruhestand geht, bescheinigt der amtlichen Kriminalstatistik nur eine beschränkte Aussagekraft. Man dürfe sie nicht überbewerten - weder, wenn die Fallzahlen sänken, noch wenn sie, wie in den vergangenen beiden Jahren, mal wieder leicht anstiegen. Wichtig sei der langfristige Trend, und der weise in Sachen Kriminalitätsrate in Frankfurt seit Anfang der neunziger Jahre nach unten. „Frankfurt ist eine sichere Stadt.“
Der freundliche Schutzmann
Mit Weiss-Bollandt verabschiede sich ein menschlicher Behördenleiter, heißt es im Präsidium, ein guter Zuhörer, ein Vermittler, keiner, der alles besser zu wissen glaube. Dem zweiten Teil seines Leitspruches „Suaviter in modo, fortiter in re“ (Angenehm in der Art, hart in der Sache) wurde der ehemalige Diplomat nur selten gerecht. Vielleicht auch weil er nicht aus der Polizei kam, verkörperte der Jurist mehr den freundlichen Schutzmann als den knallharten Ermittler, mehr den Denker als den Macher. Daß ein Großteil der Arbeit eines Polizeipräsidenten, insbesondere in einer Großstadt wie Frankfurt, aus Repräsentieren bestehe, räumt Weiss-Bollandt unumwunden ein. „Ein Viertel oder ein Drittel meiner Arbeit ist PR.“
Angesichts des gleichbleibenden Personalbestands und der zunehmenden Belastung der Polizei - nicht zuletzt aufgrund der verschärften Sicherheitslage seit dem 11.September 2001 - mußte sich Weiss-Bollandt, dessen Nachfolge noch ungeklärt ist, darauf beschränken, Schwerpunkte zu setzen und die Effizienz der Ermittlungsarbeit zu erhöhen. Im Jahr 2000 nahmen die ersten 60 Wachpolizisten, die die Beamten von Routinetätigkeiten wie der Bewachung gefährdeter Gebäude entlasten, in Frankfurt ihren Dienst auf.
Zahl der Einbrüche ging zurück
Gelungen ist die Schwerpunktsetzung beispielsweise beim Kampf gegen dreiste Banden von Wohnungseinbrechern. Nachdem ausländische Tätergruppen in den vergangenen Jahren Frankfurter Wohnviertel heimgesucht und dabei bis zu 70 Wohnungen am Tag aufgebrochen hatten, gründete die Polizei vor einem Jahr die „AG Domus“ - und siehe da, die Zahl der Einbrüche in der ersten Hälfte 2005 ist deutlich zurückgegangen.
Weiss-Bollandt ist niemand, der schnell klagt, schon gar nicht über die zunehmende Beanspruchung „seiner“ Polizei. „Die Zahl der Beamten ist ausreichend, um die Sicherheit in Frankfurt zu gewährleisten“, stellt er klar, um dann hinzuzufügen: „Mehr wäre natürlich immer besser.“ Von Anfang an hat er sich für die im Römer umstrittene Videoüberwachung von Kriminalitätsschwerpunkten stark gemacht: „Dadurch wird die Polizei spürbar entlastet und die Zahl der Straftaten reduziert, weil es anderswo nicht so viele Tatgelegenheiten gibt wie im Gedränge in einer Fußgängerzone oder auf einem belebten Platz.“
Arbeitsgruppe „Intensivtäter“
Die Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Polizei und Staatsanwaltschaft war ihm schon aufgrund seiner Vergangenheit als Leiter Staatsanwaltschaft in Fulda ein besonderes Anliegen. Eine gemeinsame Arbeitsgruppe „Intensivtäter“ kümmerte sich erfolgreich darum, Mehrfachkriminelle zur Rechenschaft zu ziehen, denn 50 Prozent aller Straftaten werden von fünf bis zehn Prozent der Täter begangen.
Die Entführung und die Ermordung des kleinen Jakob von Metzler haben Weiss-Bollandt mehr beschäftigt und belastet als alles andere, zumal auf die Verurteilung des Täters eine monatelange quälende Diskussion um die Folterdrohung seines Vize Wolfgang Daschner folgte, die die Frankfurter Polizei insgesamt in ein schlechtes Licht zu rücken drohte. Weiss-Bollandt hat Daschners Vorgehen stets verteidigt. Er halte die Bedrohung eines Entführers, um das Leben eines Kindes zu retten, für gerechtfertigt. Punktum.
Ein leichter Herzinfarkt vor vier Jahren zwang den passionierten Pfeifenraucher nur kurz zum Innehalten. Der Pensionierung sieht er denn auch mit gemischten Gefühlen entgegen. „Aber langweilen werde ich mich nicht, und ich bin auch keiner, der im Ruhestand den heimischen Haushalt revolutionieren will.“ Er wolle vielmehr mit seiner Frau reisen, wandern und seine Fremdsprachenkenntnisse verbessern. Der Polizei bleibt er als Mitglied der Gesellschaft „Bürger und Polizei“, der International Police Association und des Frankfurter Polizeichors verbunden.