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Polen in Frankfurt "Harry Potter ist auf polnisch einfach spannender"

26.10.2003 ·  Vielleicht ist Pater Jan typisch. Für Polen in Frankfurt, für polnische Gottesdienste, einen polnischen Arbeitsmarkt und polnische Supermärkte. Für die oft abgeschottete Lebensweise, für ein Stück Polen in Frankfurt.

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Vielleicht ist Pater Jan typisch. Für Polen in Frankfurt, für polnische Gottesdienste, einen polnischen Arbeitsmarkt und polnische Supermärkte. Für die oft abgeschottete Lebensweise, für ein Stück Polen in Frankfurt. Oder es ist nur eine Frage der Generation.

Jan Gogolin hat nie richtig Deutsch gelernt. Obwohl er seit 13 Jahren Pater in der polnischen Gemeinde in Frankfurt ist, denkt, träumt und schreibt er auf polnisch. Nur manchmal, wenn er sich mit deutschen Priestern unterhält, spricht er die Sprache seiner Nachbarn. "Am Tag komme ich vielleicht höchstens auf eine halbe Stunde Deutsch", sagt der Fünfzigjährige. Er zuckt mit den Schultern. Das sei doch normal. Schließlich sei er Pole.

In Frankfurt leben 4722 Polen. Wie viele es tatsächlich sind, wie viele nicht auf der Liste des hessischen statistischen Landesamtes auftauchen, sondern illegal auf Baustellen arbeiten, an der Hanauer Landstraße stehen und darauf warten, irgendwo den Rasen mähen zu dürfen, weiß keiner. Bernd Basten, Pressesprecher vom Amt für Multikulturelle Angelegenheiten, sieht Schwarzarbeit zwar als ein großes Problem für die Sozialkassen an, aber die größte Gruppe der Schwarzarbeiter seien immer noch Deutsche. Polen fielen da nicht so sehr auf. Die meisten von ihnen wollten wohl eher nach dem dreimonatigen Urlaub, für den sie kein Visum benötigen, "noch etwas Geld für die Heimat dazuverdienen". Außerdem habe sich die wirtschaftliche Lage in Polen mittlerweile gebessert. "Vor zehn Jahren haben sogar polnische Professoren bei der Weinlese im Rheingau gearbeitet", erzählt Basten. Heute sei das anders.

Heute leben Menschen wie Iwona Jasinska in Frankfurt. Sie ist 41 Jahre alt, und seit 22 Jahren schreibt sie als Absender "Deutschland" auf ihre Briefe nach Polen. Eigentlich wollte sie ja nur drei Monate Urlaub hier machen. Doch dann lernte sie einen Mann aus Offenbach kennen, natürlich ist er Pole, und Kinder kamen. Die Familie lebt inzwischen in Frankfurt, die Kinder sind 10 und 21 Jahre alt, gehen auf eine deutsche Schule, und Iwona Jasinska arbeitet in der Marketingabteilung eines großen deutschen Lebensmittelkonzerns. Eigentlich könnte ihr Leben "deutsch" sein. Aber, so erzählt Jasinska mit starkem Akzent, sie sei "Polin durch und durch". Und das werde sie wohl auch bleiben. Sie habe ausschließlich polnische Freunde, zu Hause spreche sie fast nur polnisch, und Harry Potter habe sie natürlich auch auf polnisch gelesen. Ihr Sohn hatte ihr zwar auch die deutsche Ausgabe gegeben, aber nach den ersten Seiten war klar gewesen: Das Buch war auf polnisch einfach spannender. Das bilde sie sich nicht ein. Sie lacht und erzählt von ihrer Heimat in der neuen Stadt. "Mein Polen in Frankfurt" nennt sie es: Jasinska schickt ihren zehn Jahre alten Sohn in den Polnischunterricht der polnischen Gemeinde, kauft in den zwei polnischen Supermärkten Fleisch, Zeitungen und eben "das Nötigste aus der Heimat" ein und geht jeden Sonntag zur Kirche. Wie alle Polen. Außerdem engagiert sie sich im Zentrum zur Förderung der polnischen Kultur. Was sie mit den Worten "Polen halten eben zusammen und bleiben immer Polen" beschreibt, sieht Pater Jan Gogolin jeden Mittwoch, Freitag, Samstag und Sonntag auf dem Mühlberg. Dann vollzieht sich das, wovon deutsche Priester nicht einmal zu träumen wagten.

Sonntag, 8 Uhr 30. In einer halben Stunde beginnt der Gottesdienst, alle Sitzplätze sind belegt, und die freien Stehplätze an den Wänden werden weniger. Draußen vor der Kirche stehen auch Menschen. Sie hören den Gottesdienst über einen Lautsprecher. 2000 Menschen sind es heute, schätzt Jan Gogolin. Gibt es einen besonderen Anlaß? Einen Feiertag etwa? Vielleicht hat er die Frage nicht verstanden, denn der Pater antwortet: "Nein, das ist immer so." Jeden Sonntag sei das so, und jeden Mittwoch, Freitag und Samstag. Zu 50 Prozent spiele der Glaube eine Rolle, die andere Hälfte mache die Kirche als Treffpunkt aus, als "polnischer Fleck in Frankfurt".

Nach den Gottesdiensten treffen sich die Frauen zum Kaffee im Gemeindesaal, die Kinder gehen in den Polnischunterricht und sprechen über polnische Geschichte und Kultur, und viele Männer stehen vor der Kirche, auf dem "polnischen Arbeitsmarkt", wie Gogolin es nennt. Die erste Frage dort sei meistens "Wie geht es dir?", die zweite "Wo kann ich schlafen?" und die dritte "Wo kann ich arbeiten?". An der Tür zum Pfarramt hängt seit kurzem ein Schild: "Keine Arbeitsvermittlung". Dafür sei der Pater nicht zuständig. Doch natürlich kenne er die Probleme der Männer, die vor der Kirche stehen, sich unsicher umsehen, nach ein paar Stunden verschwinden und nach einer Woche mit dem gleichen Blick wiederkommen: Sie haben eine Frau und vier Kinder in Polen, gehören zur unteren sozialen Schicht und arbeiten in Deutschland für einen Hungerlohn, ohne registriert zu sein.

In der Kirche wird gerade das sechste Lied gesungen, nachdem bereits dreimal gebetet wurde und sich die Gläubigen jedesmal auf den Boden knieten. Zwei Reihen vor Iwona Jasinska, die ihrem Sohn später auf polnisch erklären wird, daß er besser mitsingen soll, sitzt eine andere Generation. Barbara Budzisz ist seit vier Jahren in Deutschland und studiert an der Goethe-Universität Germanistik, Slawische Philologie und Kunstgeschichte. Nebenbei arbeitet sie im akademischen Ausländerreferat der Universität. Natürlich gehe sie auch jeden Sonntag in die Kirche, meistens jedenfalls, aber ansonsten lebe sie "wirklich in Deutschland". Sie habe kaum polnische Freunde, dafür aber viele aus der Türkei, der Mongolei oder auch aus Tschechien.

Barbara Budzisz bezeichnet sich als eine Europäerin, die aus Polen kommt und gerne in Deutschland lebt. "Eigentlich gibt es keine Unterschiede mehr zwischen Polen und Deutschland", sagt sie nahezu akzentfrei. Die wirtschaftliche Lage habe sich in Polen "enorm verbessert", die Lebensqualität sei gestiegen, und auch früher habe sie nie einen Eisernen Vorhang bemerkt. Reisen, Fremdsprachen erlernen, abends feiern gehen - eigentlich sei alles wie in Deutschland. Nur eine Sache sei hier in Frankfurt anders: Eine bestimmte Baumkuchen-Art habe sie noch nicht entdeckt. Aber ansonsten? "Europa ist Europa", sagt die junge Frau. Ja, in Frankfurt fühle sie sich wohl. Genau wie in Polen.

Der Gottesdienst ist inzwischen zu Ende. Zwei Stunden sind vergangen, die ersten Gläubigen gehen nach Hause. Vor der Kirche, auf dem "polnischen Arbeitsmarkt", stehen noch viele Männer. Pater Jan Gogolin geht an ihnen vorbei zurück ins Pfarrhaus. Gutheißen könne er Schwarzarbeit natürlich nicht, aber er müsse es ganz einfach akzeptieren. Keine Moralpredigten, sonst wäre seine Kirche leer. ANNE HANSEN

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