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Poetryslam : Geschichten aus der Brotbox

  • -Aktualisiert am

Wortkünstler: Christian Reccius dichtet virtuos. Bild: Marcus Kaufhold

Der Frankfurter Christian Reccius lebt für Poetryslam – trotz mancher Rückschläge und Selbstzweifel. Jetzt hat er die Chance auf einen großen Titel.

          Bloß keine Regung zeigen. Starr sitzt Christian Reccius auf dem Sofa und fokussiert die Kandidaten, die an das Mikrofon auf der Bühne treten. Seiner Bühne. Seit April veranstaltet Reccius einen eigenen Poetryslam im „Horst“ an der Galluswarte. Als Moderator des Dichterwettstreits verkneift er sich jede Reaktion, wenn die Künstler ihre selbstgeschriebenen Texte vortragen und sich vom Publikum mit Zahlenkärtchen bewerten lassen. Er aber muss neutral bleiben. Er erklärt die Regeln, er sorgt für Stimmung.

          Christian Reccius ist 34 Jahre alt und „slammt“ seit 2013 regelmäßig. „Poetryslam ist ein veganes Steak aus Rind“, findet er. Für jeden sei etwas dabei. Schon in der Grundschule schrieb er Tagebuch, mit zwölf Jahren eigene Gedichte und abstruse Kurzgeschichten. Heute hat er um die 40 Texte für die Bühne. In einem heißt es: „Ich liebe die Sprache, den Klang, die Tradition, die Möglichkeiten.“ Doch für den ganz großen Slam-Titel hat es noch nicht gereicht.

          Distanz zum Publikum ist Reccius wichtig

          Bei seinen eigenen Auftritten steht allerdings nicht Christian Reccius auf der Bühne, sondern Jan Cönig – sein Alter Ego. Wortspiele mag er gerne: Jan klingt in seinem Vornamen mit, Rex, der König, in seinem Nachnamen. Fertig ist der Künstlername. Selbst engste Slammer-Freunde nennen ihn mittlerweile Jan und die, die es nicht tun, will er noch dazu bringen. Neuen Kollegen stellt er sich gleich so vor.

          90 Prozent von Jan Cönig seien auch Christian Reccius, sagt er. „Zehn Prozent sind das große Glück, die Realität nicht zu fürchten.“ Wieder ein Satz wie aus einem Slam. Die Distanz zum Publikum ist ihm wichtig, das Textblatt in der Hand ein Symbol dafür. Seine Meinung will Reccius dem Publikum nicht aufdrücken. Seine Texte sollen bloß nicht zu moralisch sein. Oft sind sie lustig, aber wer den tieferen Sinn versteht, soll umso mehr darüber lachen können.

          Ein Beispiel dafür ist „Lyrik“, sein Text für das Halbfinale der diesjährigen hessischen Meisterschaften in Wetzlar. Als Jan Cönig betritt er die Bühne, dreht den Mikrofonständer etwas herunter, dann wieder etwas herauf. Leichtes Zittern, als er seine Textblätter hervorholt. Drei Seiten für fünf Minuten. Kurze Einführung der Figuren, dann beginnt die Story um ein Liebesgedicht für die Freundin eines fiktiven WG-Mitbewohners.

          Das Lampenfieber begleitet ihn stets. Es kommt vor jedem Auftritt, doch die Freude am Slam ist größer. An diesem Abend gelingt es ihm schnell, die Verbindung zum Publikum zu finden. Das Zittern lässt nach, die Zuhörer quietschen bei jeder Pointe und lauschen, wenn es im Text über Lyrik wirklich lyrisch wird: Lyrik sei, „was begeistert, entsetzt, auf der Bühne, im Netz, wie Sex, intellektuell und schnell und immerfort ein Wortduell, ein Ort, ein Raum, mal blass, mal grell“. Reccius galoppiert durch die letzten Worte, liest sie immer schneller. Beim Verlassen der Bühne klatscht das Publikum und johlt. Er bekommt die höchste Wertung des Abends, zieht ins Finale ein.

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