Home
http://www.faz.net/-gzh-15l0e
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Plus-Energie-Haus Eine „Verrücktheit“ zum Anfassen

24.02.2010 ·  In Hamburg, Berlin und München war es schon. Das Plus-Energie-Haus, an der Technischen Universität Darmstadt entworfen und in Amerika prämiert, steht jetzt auf dem Rathenauplatz in Frankfurt.

Von Mechthild Harting
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

In Hamburg, Berlin und München war es schon. Bis einschließlich 21. Mai steht das Plus-Energie-Haus nun auf dem Frankfurter Rathenauplatz und kann dienstags bis freitags von 11 bis 18 Uhr von jedermann besichtigt werden. Das einstöckige, knapp 90 Quadratmeter umfassende Haus ist aus Holztafeln gebaut, es hat drei- oder vierfachverglaste Fenster, eine Solar-Lamellen-Fassade und ein Flachdach für die Photovoltaik-Anlage. Innen gibt es Veranstaltungen und Beratung. Denn das Bundesbauministerium will den Bürgern modernes, energiesparendes Bauen zum Anfassen zeigen, noch dazu mit einer „wunderbaren Architektur“, wie Ministeriumsmitarbeiter Hans-Dieter Hegner zur Eröffnung sagte. Das Passivhaus sei „schön und komfortabel“, meint auch Jan Mücke (FDP), Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesbauministerium.

Entwickelt wurde das Haus von angehenden Architekten und Ingenieuren der Technischen Universität Darmstadt um den Professor Manfred Hegger. 2007 wurde das Haus in Washington beim internationalen Architekturwettbewerb „Solar Decathlon“ ausgezeichnet. Das Bundesministerium hat das Haus, das mehr Energie erzeugt, als es verbraucht, als Modellgebäude übernommen und geht damit nun auf Werbetour durch das Land.

„Die großen Energieverbraucher sind die Gebäude“

„Wir wollen die junge Bauherrengeneration ansprechen“ und sie über Fördermöglichkeiten informieren, sagte Staatssekretär Mücke. Schließlich stelle die Regierung über die KfW-Bank in Frankfurt 1,5 Milliarden Euro für solche Projekte zur Verfügung. Energieeffizientes Bauen sei im allgemeinen Bewusstsein angekommen, es sei „in“.

Mücke zufolge will sein Ministerium dieses Thema stärker als bisher in den Vordergrund rücken. Schließlich habe sich die Bundesregierung anspruchsvolle Ziele zur Einsparung von Kohlendioxid gesetzt. Deutschland will bis 2020 seine Treibhausgasemissionen um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 senken. „Die großen Energieverbraucher sind die Gebäude“, sagte Mücke, dort gebe es das größte Einsparpotential. Und da 55 Prozent aller Investitionen in Deutschland in Bauwerke flössen, schaffe energieeffizientes Bauen auch Arbeitsplätze. Erklärtes Ziel seines Hauses sei es, dass Deutschland in Zukunft nicht nur die weltweit besten Elektroautos herstelle, sondern auch die energiesparendsten Bauprodukte.

Lob von der Umweltdezernentin

Dass ein Haus drei Monate auf dem Frankfurter Rathenauplatz stehen dürfe, also mitten in der Stadt auf einem der wegen ihrer Gestaltung umstrittensten Plätze überhaupt, ist nach Ansicht von Umweltdezernentin Manuela Rottmann (Die Grünen) nur möglich, weil das Gebäude „so schön ist“. Rottmann selbst braucht niemand über Energieeffizienz aufzuklären oder auf das Potential hinweisen, das in der Gebäudesanierung steckt. „Wir verstehen uns als Klimaschutzstadt“, sagte sie. Frankfurt konkurriere mit Wien um den Titel der Passivhaus-Hauptstadt. Für Rottmann ist das Plus-Energie-Haus ein gutes Beispiel, wie mit einfachen Methoden und neuester Technik Zukunftsweisendes entsteht. Sie hofft, dass sich Bauherren und Handwerker das Haus ansehen. Die EU gebe schließlich vor, dass von 2020 an jeder private Neubau fast ein Null-Energie-Haus sein müsse. Unternehmen, die sich heute auf neue Techniken umstellten, hätten Wettbewerbsvorteile.

Rottmann lobte Hegger für die „Verrücktheit“, ein solches Haus zu konzipieren, mit Studenten zu bauen und an einem internationalen Wettbewerb teilzunehmen. „Wir sind stolz, von Ihrer Verrücktheit profitieren zu können“, sagte sie - es brauche immer Pioniere. Die im Plus-Energie-Haus deutlich werdende ideale Verbindung von Forschung und Anwendung wolle sie durch die Bildung eines „festen Forschungsclusters“ sichern.

Fahrzeug als Energiespeicher für das Haus

Dabei hört es Hegger nicht gern, wenn sein Haus als visionär bezeichnet wird: Das Gebäude nutze nur Technik, die bereits vorhanden sei. Man könne es sofort nachbauen. Hegger meidet auch das Wort Passivhaus, der Begriff sei negativ besetzt. Der Architekturprofessor will lieber von einem „Aktivhaus“ sprechen. Ziel müsse es immer sein, ein Haus so zu konstruieren, dass es so wenig Energie wie möglich brauche. Dazu gehöre eine gute Dämmung. Im Fall des Modellhauses sei dies eine platzsparende Vakuumdämmung, die nicht zu den häufig kritisierten dicken Wänden führe. Obwohl das Haus einfach, fast primitiv sei, hoffe er, alle „Architektenvorfahren“ zu widerlegen, die immer behauptet hätten, jede Wärmeschutzverordnung bedeute das Aus für gute Architektur.

In Gedanken geht Hegger unterdessen schon den nächsten Schritt. „Wir müssen das Thema Mobilität und Immobilie mehr zusammenbringen“, meint er. Ein Haus habe nicht nur die Aufgabe, dem Auto in Form einer Garage eine Hülle zu bieten, sondern das Haus könne Energie erzeugen, die das Auto brauche. So wie umgekehrt das Fahrzeug als Energiespeicher für das Haus dienen könne. „Da wird die Reise hingehen.“

Das Plus-Energie-Haus wird bei öffentlichen Führungen vorgestellt, die dienstags bis freitags jeweils um 12 Uhr beginnen und samstags und sonntags um 14 Uhr. Am 9. März eröffnet die Initiative „Frankfurt spart Strom“ in dem Haus eine Aktionswoche. Informationen gibt es unter www.plus-energie-haus.bmvbs.de

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1961, Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

Jüngste Beiträge

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr