11.04.2010 · Mit Ohrring, Augenklappe und Laptop in die Kommunalpolitik: Der Frankfurter Kreisverband der Piratenpartei trifft sich zur Gründungsversammlung im Saalbau Gutleut.
Von Friederike Haupt, FrankfurtWer Christian Bethkes linkes Ohrläppchen nicht sieht, könnte sich ziemlich in ihm täuschen. Der junge Mann im schwarzen Anzug trägt sein Haar fein gescheitelt, sein Kinn ist glatt rasiert und die Krawatte ordentlich gebunden. Die Hand lässig in der Hosentasche versenkt, spricht Bethke lange Sätze, ohne zu stocken, und lächelt freundlich dabei. Wer ihn so sieht, könnte ihn für einen Banker halten oder auch für ein FDP-Mann. Doch Christian Bethke, dessen linkes Ohrläppchen eine kleine Creole ziert, ist Pirat. Genauer gesagt, Mitglied der Piratenpartei in Frankfurt – und er will mehr: den Vorstandsvorsitz des Kreisverbandes. „Anzug ist bei mir eigentlich Standard“, sagt er. Noch wenige Minuten sind es bis zur Vorstandswahl. „Aber ich trag’ auch mal T-Shirt“, schickt er rasch hinterher. Alle sollen sich mit ihm identifizieren können.
Christian Bethke und rund hundert andere Piraten und Sympathisanten wollen am Samstag einen Schritt in Richtung „Weltherrschaft“ gehen – so scherzt zumindest einer im sonnendurchfluteten Saalbau Gutleut. In Wirklichkeit haben sie hier um kurz nach 13 Uhr den Kreisverband Frankfurt gegründet, der nun mit 120 Mitgliedern der größte in Hessen ist. An langen, weißgedeckten Tischen sitzen die Piraten, trinken Bier, Kaffee, Club Mate und Kirsch-Bananen-Eistee, während der Versammlungsleiter vorn erklärt, wie gleich die Abstimmung über den Vorstand funktionieren soll. Fast nur junge und mitteljunge Männer sind gekommen, von denen einige mit langem Haar, „Piraten“-T-Shirt und Laptop dem Ruf ihrer Partei gerecht werden: Sie gilt als politische Heimat der sogenannten Nerds, jener, die man früher Computerfreaks nannte. Für Datenschutz und gegen „Zensursula“ sind die Piraten, und folgerichtig lautet auch das W-Lan-Passwort im Saalbau „freiheit“. Doch Vorstandsanwärter Bethke denkt weiter: Gemeinsam mit anderen hat er ein „Frankfurter Manifest“ formuliert, auf dem die Kommunalpolitik des Kreisverbandes basieren soll. Zu seinen Zielen soll die Abschaffung von Überwachungskameras zählen; auch wollen die Piraten mehr Subkultur, Computer-Einsteigerprogramme für Senioren, die Stadtteilbibliotheken sollen ausgebaut und das HR-Archiv für jeden geöffnet werden.
Gegen Korruption!
Aber zunächst einmal will Bethke die Wahl gewinnen. Das Problem dabei: Stefan Schimanowski, 33 Jahre, Fachinformatiker, der Gegenkandidat. Im flauschigen Jack-Wolfskin-Pulli, mit kleinem Piratenanstecker am Kragen und Käsebrötchen in der Hand, plaudert der, umringt von Parteifreunden, am Infostand. „Der Schimanowski will eigentlich gar nicht Vorstand werden“, sagt Bethke. „Der Schimanowski“ dagegen bekundet seinen Willen energisch: „Ich glaube, dass ich dem KV besser dienen kann als der Bethke.“ Doch man sei befreundet, beteuern beide, trotz aller Unterschiede. Schimanowski parliert munter weiter, zeigt seine ersten grauen Haare und streckt vorstandswürdig den Bauch raus: Scherze mit den Kumpels, während Bethke drinnen mit dem Pressesprecher des Landesverbandes beratschlagt. Als Bethke kurz darauf vor versammelter Mannschaft erwähnt, dass er oft an Infoständen der Partei anzutreffen sei, kontert Schimanowski: „Ich bin noch mehr an Infoständen, und auch bei jedem Piratenstammtisch!“ Applaus im Saal. Der volksnahe Schimanowski gegen den ehrgeizigen Bethke – kaum einer wagt in der letzten Kuchenpause vor der Abstimmung das Wahlergebnis vorauszusagen.
An den Kaffeekannen begrüßen die Frankfurter auch höchste Parteiprominenz: Jörg Tauss, der nach seinem Austritt aus der SPD im Juni 2009 Mitglied der Piraten wurde und kurze Zeit deren erster und, wie er sagt, „bis auf weiteres letzter“ Vertreter im Bundestag war. Tauss ist extra aus Karlsruhe gekommen, um dem Kreisverband zur Gründung zu gratulieren. Doch das kann er auch gleich mit Nützlichem verbinden: Nachdem er sein Sakko abgelegt hat, verteilt er in rotem Kurzarmhemd, Krawatte und Jeans seine gerade gedruckte Petition – „gegen Korruption!“
Die orangefarbene Krawatte trägt das Logo der Piraten
Ebenfalls in Aktion, nämlich mit dem Fotoapparat, ist Herbert Rusche, Gründungsmitglied der Grünen und seit August 2009 Frankfurter Pirat. Von den Grünen, bei denen er schon 2001 austrat, ist er enttäuscht: „Die züchten sich mittlerweile Berufspolitiker heran, aber auch nur die, die ihnen passen.“ An den Piraten schätzt er, dass „junge Kompetenz politisch aktiv“ werde, ohne sich von etablierten Parteien vereinnahmen zu lassen. Der 58 Jahre alte Rentner will für kein Amt mehr kandidieren, sondern die Piraten mit seiner „Mitgliedschaft und Freundschaft“ unterstützen.
Im Saal stellen sich derweil noch rasch die Kandidaten für die anderen Ämter des Kreisverbandsvorstands vor: Für den Schatzmeisterposten bewirbt sich nur Lothar Krauß, ein Schnauzbärtiger mit „Denk selbst“-Button am Kragen, der später ein Traumergebnis von 100 Prozent erzielen wird. Anzugträger Herbert Förster stellt sich als „Abtrünniger der SPD Hofheim“ vor und will „Gensek“, Generalsekretär, werden. Auch er ist dafür der einzige Kandidat und wird später gewählt. Und die 29 Jahre alte Nicole Seiler möchte den Frauenanteil in der Partei erhöhen. „Ob mir das gelingt, ist eine andere Frage“, sagt sie mit Blick in den Saal. Die Jungs kichern, himmeln sie an und wählen sie und drei andere zu Beisitzern des Vorstandes. Doch selbst der jungen Frau schenken die Männer nicht so viel Aufmerksamkeit wie dem Wahlleiter, als der den frisch gewählten Vorstandsvorsitzenden des Kreisverbandes bekanntgibt.
33 Stimmen wurden abgegeben – die anderen im Saal sind Mitglieder anderer Kreisverbände oder gar keine Piraten und somit nicht wahlberechtigt. Nach dem ersten Satz des Wahlleiters ist alles klar: „18 Stimmen entfallen auf Christian Bethke.“ Damit hat er gewonnen, wenn auch knapp. Bethke lächelt verbindlich, als er ans Mikrofon tritt: Er danke allen, die ihn gewählt haben, den anderen aber auch. Dann nimmt der Zweiunddreißigjährige Glückwünsche entgegen. Schimanowski wird immerhin noch Beisitzer und wirkt kaum bedrückt ob der Niederlage, er plaudert schon wieder mit einem Gast, der eine schwarze Augenklappe unter seiner Brille trägt. Bethke kann nun als Chef des Kreisverbandes die Kommunalpolitik entern. Und jetzt, da er entspannt sein Sakko offen trägt, sieht man, dass neben dem Ohrring noch ein anderes Detail seine Parteizugehörigkeit verrät: Die orangefarbene Krawatte trägt das Logo der Piraten.