Home
http://www.faz.net/-gzh-xr7v
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Pfleger auf Umwegen Neue Pfleger braucht das Land

 ·  In der Sorge um alte Menschen fehlt es an Kräften, Zeit und Geld. Helfen könnten jene, die auf Umwegen in diese Tätigkeit kommen. Zwei Beispiele.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Dumpf und abgehackt klingt dieses Husten. Schnell folgt es aufeinander. Fast wie ein Röcheln, dazwischen ein kurzes Atmen, das nach Aufmerksamkeit verlangt. Es heißt: Ich bin wach, bitte komm. Manchmal ertönt es um drei, manchmal um zwei, und wenn sie gar nicht zur Ruhe kommt, schon eine Stunde vor Mitternacht. Heidi Koch schlägt dann die Bettdecke zurück, schlüpft in ihre Hausschuhe, geht in das Nebenzimmer, wo auf der Kommode die kleine Lampe brennt, hebt die Decke leicht an und zieht sie langsam über Arme und Beine. Sie beugt sich über das Bett und legt ganz vorsichtig ihre Wange an die Wange ihrer Patientin. Sie spürt den Atem, das Alter. Sie bewegt die Hand zu ihrem Gesicht und streichelt über die Haut. „Frau Mamet“, sagt sie, während ihre Finger behutsam auf und ab gleiten, „Frau Mamet, ich wollte doch mal sehen, wie es Ihnen geht.“ Frau Mamets Augen sind geschlossen, ihr Kopf bewegt sich nicht. „Frau Mamet“, wiederholt sie noch einmal, „Sie sind doch meine Beste, ja, das sind Sie, meine Beste.“

Heidi Koch wartet, auch wenn sie weiß, dass es, wenn überhaupt, nur eine kurze Antwort geben wird. Sie kennt jede Regung, jedes Stöhnen, jeden Schrei, sie weiß, wann ihre Patientin sich freut und wie sie lacht. Es ist nicht zu hören, dieses Lachen, aber Heidi Koch sieht es. An der Bettdecke. Wie sie sich sachte bewegt. Manchmal auch nachts. Wenn Frau Mamet aufwacht und sie ihr ein Stück Praline abbricht. Zartbitter, ihre Lieblingssorte. Danach schläft Frau Mamet wieder ein. Oft nicht länger als bis vier, wenn es Zeit ist für die warme Milch. Und ein wenig später, wenn sie munter ist, auch für ein kleines Gespräch.

Sie wohnt mit ihrer Patientin in einer Wohnung

„Frau Mamet“, sagt Heidi Koch dann, „wie sieht es aus mit Frühstück?“ „Immer zu haben.“ „Dann bereite ich es mal vor.“ „Ich komm’ aber nicht mit.“ „Aber nein, Frau Mamet, Sie bleiben schön liegen, und ich serviere Ihnen das Frühstück am Bett.“ „O ja.“

So verbringt Heidi Koch ihre Nächte, zwei Wochen lang. Dann fährt sie 14 Tage nach Hause und kommt 14 Tage wieder. Sie wohnt mit ihrer Patientin in einer Wohnung, betreut sie, begleitet sie, 24 Stunden am Tag. „Präsenzkraft“ nennt die Pflegebranche sie und meint damit die, die ohne eine gesetzlich geregelte Ausbildung Alte und Kranke umsorgen. Im Sommer 2005 kam Heidi Koch das erste Mal zu Elli Mamet. Als sie in das alte Schlafzimmer mit dem Ehebett einzog, lag Frau Mamet schon im Wohnzimmer, in einem Bett, in das sie gehoben wurde. Gesprochen hatte sie damals schon nicht mehr viel. Mehrmals am Tag setzt Heidi Koch sie in einen Pflegerollstuhl mit Kopfstütze und schiebt sie in die Küche, wenn sie kocht, oder in den Flur, wenn sie bügelt.

Die Politik sucht nach Lösungen

Es sind Griffe, die sie erst in der Drei-Zimmer-Wohnung von Frau Mamet gelernt hat, während das Land mit aller Kraft nach neuen Pflegern sucht. Hessen altert, und überall fehlen Geld und Kräfte: in den Städten derzeit noch mehr als auf dem Land. Am größten ist der Mangel im Arbeitsagenturbezirk Frankfurt, wie das Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur erhoben hat.

Die Politik sucht nach Lösungen, nach neuen Modellen und nach neuen Gruppen von Menschen, denen dieser Beruf schmackhaft gemacht werden könnte. Sie bewirbt den Job, wünscht sich eine neue Generation von Pflegern, will Migranten und Arbeitslose gewinnen oder die Älteren länger halten. Die, die schon viel eigene Berufserfahrung haben, und auch die, die Erfahrung aus anderen Berufen mitbringen.

Auf dem Stundenplan steht: Wie man das Essen anreicht

So wie Andreas Hüttemann, Jahrgang 1963. Jeden Tag steht er um fünf Uhr auf, guckt Nachrichten, macht Frühstück, und wenn für seine 15 Jahre alte Tochter der Unterricht beginnt, sitzt auch er im Klassenzimmer. Als Schüler. In der Altenpflegeschule im Hufelandhaus in Seckbach.

Es ist kurz vor acht, auf den Tischen sammeln sich Joghurts, Orangen, Käse, Bananen, dazwischen Plastikbecher, Gabeln und Pappteller. Hüttemann hat zwei Tupperdosen mitgebracht. Warmes Rührei ist darin, einmal mit Speck, einmal ohne. Auf dem Stundenplan steht: Wie man das Essen anreicht. In Zweiergruppen sollen sie sich zusammenfinden, Brote schmieren und den Löffel zum Mund führen. „Reichen Sie etwa die Hälfte des Joghurts an, ohne Körperkontakt mit dem Pflegebedürftigen zu haben und ohne zu reden“, steht auf dem Aufgabenblatt, das der Lehrer verteilt, danach mit Berührung und unter Beschreibung der Handlungen.

In der Schule proben sie den Pflegefall

Hüttemann bindet seiner Tischnachbarin ihren lilafarbenen Schal um die Augen, sagt: „Heute haben wir Erdbeerjoghurt mit Schoko, Frau Führer.“ Frau Führer ist 16, trägt ein weißes Top, die Haare sind zu einem Pferdeschwanz gebunden. Dieses Jahr machte sie ihren Abschluss und ging dann zwei Wochen ins Praktikum. Seitdem will sie Pflegerin werden. Weil es ein Beruf ist, der etwas mit Menschen zu tun hat, und weil sie gern redet. Ihren Übungspfleger nennt sie Andreas, wie alle in der Klasse, nur der Lehrer sagt „Herr Hüttemann“. Er korrigiert seine jüngeren Mitschüler, wenn einer von ihnen „füttern“ statt „Essen anreichen“ sagt, sie zücken ihre Fotohandys, wenn er mit verbundenen Augen ein Stück des Brots fallen lässt. Das Wie der Pflege, sagt der Lehrer, entscheide über den Appetit des Patienten.

Stefan Oehmen-Ketelaer, 41, ist es gewohnt, Schüler zu unterrichten, die älter sind als er. Viele, die eine Altenpflegeschule besuchen, haben schon als Helfer gearbeitet, bevor sie sich dazu entschieden, die drei Jahre dauernde Ausbildung draufzusetzen, weil sie den Patienten zwar ihr Frühstück servieren, aber keine Spritze geben durften. In der Schule proben sie den Pflegefall. Sie lernen, dass Saft aus der Schnabeltasse mehr nach Plastik schmeckt, dass man im Liegen anders schlucken muss und der Patient selbst entscheiden soll, womit sein Brot belegt ist.

„Die Patienten essen viel leichter, wenn sie nicht allein sind“

„Was ist das überhaupt – essen?“, will der Lehrer wissen, als die Tische wieder in U-Form zusammengerückt sind, jeder an seinem Platz sitzt. Katrin Führer meldet sich: „Mir macht das Spaß. Mein Magen ist das gewohnt, und meiner Seele tut es gut.“ Und Andreas Hüttemann: „Es ist kommunikativ: Die Patienten essen viel leichter, wenn sie nicht allein sind.“

Bevor er in die Altenpflegeschule kam, machte er eine Ausbildung zum Pflegeassistenten. Ein Jahr lang saß er unter Männern und Frauen, die lange Zeit keine Arbeit fanden. Für sie wurde die Ausbildung der „Alltagsbegleiter“ geschaffen und im Paragraphen 87b des Sozialgesetzbuches festgeschrieben. 87b-Kräfte heißen sie salopp und betreuen Menschen mit Demenz. Wenn Hüttemann nicht im Unterricht saß und lernte, wie man die Selbstpflege älterer Menschen unterstützen kann oder die Angehörigen einbezieht, war er auf Station im Hufelandhaus.

Wenn er nach Hause geht, hat er ein gutes Gefühl

In seiner ersten Woche brachte er den Patienten das Essen auf ihr Zimmer und holte das Tablett nach zwanzig Minuten wieder ab. Er ging von Tür zu Tür und sah, wie jeder allein aß. Nach ein paar Tagen lud er alle Patienten in einen Raum. Auf einen Tisch legte er eine Decke, stellte Teller, Besteck und Gläser darauf, Brötchen in einem Korb, dazu einen Käseteller, eine Wurstplatte, Butter und Marmelade. Als sie in den Raum kamen, staunten sie, fragten: „Ist ein besonderer Tag? Hat jemand Geburtstag?“ „Nein“, sagte er dann, „es ist nicht mal Sonntag. Wir haben Dienstag.“

Als er an diesem Tag nach Hause ging, hatte er ein gutes Gefühl. Wenn er fortan Frühschicht hatte, holte er die Bewohner zum Frühstück zusammen. Hatte er Spätschicht, dann zum Abendessen. Er sah, dass es ihnen guttat, und er begriff, wie selten es doch war, dass Menschen in anderen Berufen sagen: „Das hast du gut gemacht.“

Kaum noch Geld fürs Waschmittel

Hüttemann machte nach dem Abi eine Ausbildung zum Industriekaufmann, wurde von Bosch übernommen, war erst Teamleiter im Rechenzentrum und stieg dann zum Projektleiter auf. Er reiste durch Deutschland, schulte Mitarbeiter, pendelte zwischen Stuttgart und Frankfurt. Als man ihm eine Stelle in Portugal oder Indien anbot, lehnte er ab. Das war zu weit weg von der damals achtjährigen Tochter. Er blieb in Deutschland, aber nur noch ein halbes Jahr im Betrieb. Nach knapp zwanzig Jahren schied er aus, meldete sich arbeitslos, suchte kleine Jobs, erst in der IT-Branche und landete, als er dort nichts fand, in der Pflege. Er betreute Senioren, organisierte kleine Ausflüge und sah, dass er gebraucht wurde. Als er die Ausbildung zum Assistenten begann, wusste er, dass er danach Pflegekraft werden wollte. Im ersten Jahr ist er jetzt, zwei hat er noch vor sich. Wenn alles gutgeht, will er dann weitermachen, Zusatzqualifikationen erwerben, um mehr zu bewirken. Er findet, dass die Würde, der Respekt vor dem Alter oft verlorengehe, dass es vor allem an der Zeit liege, die kaum einer mehr habe.

Heidi Koch hatte schon öfter in der Zeitung Annoncen gelesen, für die sie keine neue Ausbildung und kein Auto brauchte, sie sollte einfach nur da sein. „Können Sie sich vorstellen, zwei Wochen in einem anderen Haushalt zu leben?“, stand da. Sie blätterte erst einmal weiter, doch irgendwann, als sie kaum noch Geld für das Waschmittel hatte, war sie gezwungen, eine Antwort zu finden.

Sie bekam die Gewissheit, gebraucht zu werden

Koch stammt aus Thüringen. Vor fünf Jahren bewarb sie sich in Frankfurt bei der KeDo Krankenpflege. In der DDR war sie Schneiderin gewesen, doch das Geschäft hatte sich nicht gelohnt. Sie arbeitete deshalb in einer Zuckerfabrik und fiel, als die Wende schließlich kam, erst einmal in ein tiefes Loch. Sie machte eine Umschulung zur Speditionskauffrau, kam in zwei Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen unter, jobbte in einem Seniorenclub und in einem Jugendhaus, begann danach eine Ausbildung zur Steuerfachangestellten.

Dann wurde ihre Schwiegermutter krank. Heidi Koch holte sie zu sich und pflegte sie. Bis sie noch einmal auf die Beine kam und sagte: „Ich habe mich sehr wohl gefühlt. Aber jetzt würde ich lieber wieder nach Hause.“ Koch verlor ihre Aufgabe, doch sie bekam die Gewissheit, etwas zu können, gebraucht zu werden. Sie findet, dass das einem im Blut liege, jemanden zu pflegen, und dass das nicht jeder machen könne.

Auch die, die sich direkt für diesen Beruf entscheiden

Das ist ihre Antwort auf die Herausforderungen einer alternden Gesellschaft, die immer größer werden. Bis 2030 werden in Hessen 47,5 Prozent mehr Menschen auf Hilfe angewiesen sein als noch 2007, insgesamt 259.000 Menschen sollen es dann sein. Wird es genug Pflegekräfte geben?

Die Prognosen verraten zumindest eins: In den Städten sieht es für die Zukunft besser aus als auf dem Land. Da immer mehr junge Menschen nach Frankfurt ziehen, rechnet das Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur für das Jahr 2020 nur mit einem Erweiterungsbedarf von acht Prozent. In ganz Hessen, wo es 2007 knapp 16.000 Pflegefachkräfte in der Altenhilfe gab, ist schon ein Zuwachs von einem Drittel nötig. Das wären nach derzeitigem Stand 5119 Menschen, die ihre Patienten täglich lagern, sie waschen, ihnen Medikamente geben und das Essen anreichen.

Das Land braucht diejenigen, die sich sofort nach der Schule für diesen Beruf entscheiden, und die, die über Umwege kommen. Die, die lange Zeit bei ihren Patienten sind, und die, die sich weiterqualifizieren. Wie Heidi Koch und Andreas Hüttemann.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Zwischen Zuckeln und Rasen

Von Mechthild Harting

Der FDP-Verkehrsminister Florian Rentsch will kein Tempo-30-Limit nachts auf Frankfurter Hauptverkehrsstraßen. Das ist nun offensichtlich und nicht per se verwerflich. Seine Begründung hingegen klingt kurios. Mehr 1 3