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Pflegende Angehörige Wie eine Stationsschwester im Dauereinsatz

14.03.2010 ·  Seit zehn Jahren pflegt Ilona Lange ihre Mutter. Und mittlerweile muss sie sich auch intensiv um ihren alten Vater und ihren kranken Mann kümmern - ein Vollzeitjob, der fast ihre ganze Zeit und Kraft in Anspruch nimmt.

Von Sarah Mühlberger, Frankfurt
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In der Schrankwand im Wohnzimmer steht das letzte Foto aus unbeschwerten Tagen. Darauf hat Willy Grauert seiner Elli den Arm um die Schultern gelegt, die beiden lächeln das Lächeln 55 glücklicher Ehejahre. Wenige Wochen später, am Morgen des 18. Dezember 2000, hat Elli Grauert einen Schlaganfall. Im Krankenhaus bleibt Ilona Lange an der Seite ihrer Mutter, darf auch nach 22 Uhr noch ihre Hand halten, obwohl die Besuchszeit längst vorbei ist. "Komm, das wird schon wieder", sagt sie noch. Kurz darauf kommt der zweite Schlaganfall, danach kann Elli Grauert nicht mehr sprechen.

"Und wer wird Ihre Mutter pflegen?", fragt einige Wochen später die Sozialarbeiterin, als die Entlassung kurz bevorsteht. "Natürlich ich", antwortet Ilona Lange. Die Sozialarbeiterin guckt irritiert: "Und wer soll das bezahlen, und wie soll das überhaupt funktionieren?" Zehn Jahre ist dieser Dialog her, so lange pflegt Ilona Lange nun ihre Mutter. Und es funktioniert. Sogar ziemlich gut, wie ein Arzt vor einiger Zeit zu Bernhard, Ilona Langes Ehemann, sagte. "Ohne Ihre Frau wäre die Mutter schon tot." Ja, sie habe damals zunächst ziemlich hilflos vor all den Herausforderungen gestanden, sagt Ilona Lange heute. Ständig musste sie Briefe schreiben, Anträge stellen, telefonieren. "Was interessiert mich Paragraph 25 im zwölften Gesetzbuch?", hat sie mehrfach am Telefon gesagt, erst nach und nach wurden Pflegestufen und Sachleistungen für die Sparkassenangestellte zum Alltag.

Anfangs half die Hoffnung

Vier Jahre lang schafft Ilona Lange den Spagat, arbeitet Vollzeit und versorgt gleichzeitig die Mutter, dann geht sie mit 58 Jahren in Altersteilzeit. Anfangs habe die Hoffnung geholfen, wo die Kraft manchmal gefehlt habe, sagt Lange rückblickend. "Wir dachten, wir bekommen die Mutti wieder hin." Also übt sie Lesen, Schreiben und Rechnen mit der Mutter - so wie diese früher mit ihr. Bevor sie zur Arbeit geht, bereitet Ilona Lange ihrer Mutter das Frühstück zu und hilft beim Waschen und Anziehen. Von der Arbeit aus ruft sie mehrfach zu Hause an und fragt, ob alles in Ordnung ist. Das alles funktioniert nur deshalb so lange, weil sowohl ihr Ehemann als auch ihr Vater mithelfen. Mittags wärmen die Männer das Essen auf, das schon vorgekocht und mit Wochentagen beschriftet worden ist. Das Wichtigste sei die Organisation, sagt Ilona Lange, die Arbeit bei der Bank habe sie geschult und sie vorbereitet. "Es ist tatsächlich so wie in dem Reklamespruch: Ich führe ein erfolgreiches kleines Familienunternehmen."

In Ilona Langes Familienunternehmen gibt es strenge Betriebsabläufe - auch seit sie nicht mehr arbeitet. Pünktlich um 12.30 Uhr steht das Mittagessen auf dem Tisch. Bernhard Lange geht dann in den dritten Stock des Familienhauses in Fechenheim und holt seine Schwiegermutter ab. Er läuft rückwärts und hält sie an beiden Händen fest. Stück für Stück arbeiten sie sich voran, in den Flur, ins Treppenhaus, Stufe für Stufe nach unten. An der Türschwelle zur Wohnung im Erdgeschoss übernimmt Ilona Lange. Das Mutter-Tochter-Duo ist eingespielt, Elli Grauert legt wie beim Paartanz die Hände auf die Schultern ihrer Tochter, gemeinsam bewegen sie sich in die Küche. Teller, Tee, Tabletten - alles hat seinen festen Platz, nur so kann sich Elli Grauert zurechtfinden, seit fünf Jahren ist sie blind.

„Meine Frau ist jetzt die Stationsschwester im Haus“

Ilona Langes Ehemann Bernhard braucht jeden Tag vier Spritzen, er hat Diabetes. Vor drei Jahren musste er außerdem eine schwere Herzoperation über sich ergehen lassen. Im November vorigen Jahres stürzte er und zog sich eine Gehirnerschütterung zu. Bei den Untersuchungen im Krankenhaus kam heraus, dass er einen Herzschrittmacher benötigt. "Meine Frau ist jetzt die Stationsschwester hier im Haus", sagt er.

Auch ihren Vater muss Ilona Lange mittlerweile pflegen. Bis Ende 2008 sei er völlig gesund gewesen, sagt sie. Doch dann wurde schwarzer Hautkrebs diagnostiziert, und Willy Grauert musste operiert werden. Von der siebenstündigen Vollnarkose habe er sich aber nicht mehr völlig erholt, sagt Ilona Lange. Inzwischen sei er nicht nur inkontinent, sondern leide vor allem unter leichter Demenz. Seither zieht er sich gelegentlich mitten in der Nacht Mantel und Hut an und will zur Arbeit gehen. Gesichter erkennt er immer schlechter, an Namen erinnert er sich zunehmend seltener. "Was soll das nur mit dem Vater werden?", fragt Elli Grauert manchmal ihre Tochter.

Erbrechen als Notbremse

Im Gegensatz zum Vater ist die Mutter geistig fit. "Fast zu fit", sagt Ilona Lange. Denn ihre Mutter schämt sich für vieles - dafür, dass sie blind ist, und dafür, dass sie einen Rollstuhl benötigt, zum Beispiel. Lange Zeit hat sie ihn deshalb abgelehnt. Doch eines sonnigen Tages hat Ilona Lange ihre Mutter einfach trotzdem hineingesetzt und gesagt: "Wir gehen jetzt spazieren." Die beiden Frauen kamen bis zum Gartentor, dann hat sich Elli Grauert erbrochen. "Das ist immer ihre Notbremse, wenn sie sich gegen etwas wehren will", sagt Ilona Lange.

So war es auch vor fünf Jahren. Da hatten die Langes eine Reise nach Gran Canaria geplant. Die Mutter unterstützte den Plan zunächst. Doch zwei Wochen vor dem geplanten Abflug fing sie an, sich zu übergeben, wieder und wieder. Der Arzt konnte keine körperlichen Ursachen finden. "Ich kann Ihnen sagen,was meine Mutter hat", sagte Ilona Lange, "wir wollen am Sonntag in Urlaub fliegen, und sie macht sich Sorgen, weil in letzter Zeit einige Flugzeuge abgestürzt sind." Schließlich haben sie der Mutter gesagt, sie führen mit dem Auto nach Bayern - zur Beruhigung. Dass sie dennoch nach Gran Canaria flogen, haben sie auch nach der Rückkehr für sich behalten.

Unruhiger Schlaf und ständige Alarmbereitschaft

Solche kleinen Pausen vom Alltag sind für Ilona Lange wichtig. Ihr Tag als Familienmanagerin beginnt um 6 Uhr und endet nicht vor 22 Uhr. Wenn sich ihre Eltern nach dem Mittagessen schlafen legen, macht auch sie selbst immer häufiger ein Nickerchen. "Weil du ja nachts nicht mehr schläfst", wendet Ehemann Bernhard ein. Der Vater ist seit seiner Operation nachtaktiv und wandert häufig durchs Haus. Weil sie ihre Schlafzimmertür ohnehin immer einen Spalt offen lässt, wird Ilona Lange meist schon vom Klacken des Lichtschalters wach.

Unruhiger Schlaf, ständige Alarmbereitschaft: "Das ist, als ob man zwei kleine Kinder hat." In der Rolle einer Mutter findet Ilona Lange sich immer öfter wieder. Etwa, wenn der Vater mit den Worten "es ist wieder passiert" verlegen vor ihr steht. Dann zieht sie sein Bett ab und sucht seine Schlafanzughose. Wenn sie Pech hat, hat ihr Vater sie zur sauberen Kleidung in den Schrank gelegt. Dann muss auch die gewaschen werden, aber Waschmaschine und Trockner laufen bei Ilona Lange ohnehin durchgängig.

„Für mich bleibt dann nur das Pflegeheim.“

Aber Ilona Lange klagt nicht. Sie freut sich über die kleinen Auszeiten: eine Stunde Chor, eine Stunde Wirbelsäulengymnastik, eine Stunde Kartenspielen. Die Gartenarbeit ist für sie ein Hobby. Dass sie nebenbei das dreistöckige Haus in Schuss hält, findet sie nicht erwähnenswert. Überhaupt pflegt sie einen pragmatischen Umgang mit dem Schicksal. "Ich sag' immer: Ich mach' die Tür nicht mehr zu, dann kann die Krankheit gleich reinkommen." Immer wieder tätschelt sie den Arm des Vaters, kneift der Mutter zärtlich ins Ohrläppchen. "Manche sagen zu mir, ich solle die Eltern ins Heim stecken", erzählt sie - und verliert dann doch kurz die Fassung. "Aber das geht nicht, das geht nicht", sagt sie mit Tränen in den Augen.

Im Schlafzimmer der Eltern hängt das gleiche fröhliche Bild, das auch im Wohnzimmer der Tochter steht. In diesem Jahr werden Elli und Willy Grauert ihren 65. Hochzeitstag feiern und dazu zwei runde Geburtstage: Sie werden beide 90 Jahre alt. Ilona Lange ist 64, ihr Ehemann Bernhard 14 Jahre älter, Kinder haben sie keine. "Wenn es nach der Altersreihenfolge geht, dann stehe ich am Ende allein da", sagt Ilona Lange. "Für mich bleibt dann nur das Pflegeheim."

Mehr als drei Viertel aller Pflegebedürftigen werden in Hessen zu Hause versorgt. Für die Angehörigen bedeutet das häufig eine hohe seelische und körperliche Belastung. Ihnen soll das von der Landesregierung geförderte Projekt „Pflegebegleiter“ helfen. Dabei kommen ehrenamtliche Helfer in die Haushalte, hören sich die Sorgen und Nöte an und geben Tipps und Ratschläge.

Staatssekretärin Petra Müller-Klepper (CDU) sagte am Rande einer Fachtagung, die häusliche Pflege sei ein Segen für die Menschen, die versorgt werden. Bei den Angehörigen gebe es mitunter einen hohen Leidensdruck. „Wenn wir die häusliche Pflege als Betreuungsform in der Breite erhalten wollen, brauchen wir neue, zusätzliche Unterstützungsstrukturen.“ Eine davon sei das Zusammenwirken von pflegenden Angehörigen, professioneller Pflege und ehrenamtlichen Pflegebegleitern. Zurzeit gibt es sieben Pflegebegleiter-Standorte in Hessen, zwei in Frankfurt und je einen in Marburg, Bebra, Bad Hersfeld, Limburg und Kassel. In diesem Jahr sollen weitere zehn Standorte aufgebaut werden.

Nach Angaben des hessischen Ministeriums für Arbeit, Familie und Gesundheit unterstützt nur in jedem vierten Fall einer der mehr als 900 Pflegedienste die familiäre Pflege. Angebote wie die Kurzzeitpflege oder die Tagespflege würden sogar nur in jedem zehnten Fall in Anspruch genommen. Unterstützende Angebote gibt es auch von den Pflegediensten. Bei der Caritas etwa können sich Angehörige in regelmäßigen Gesprächskreisen austauschen, die von Seelsorgern, Pflegern und Sozialarbeitern geleitet und moderiert werden. Außerdem findet alle zwei Wochen eine Schreibwerkstatt statt. Auch die telefonische Pflegebegleitung unter der Frankfurter Nummer 95 52 49 11 bietet Zuspruch und Hilfe. Weitere Informationen finden sich im Internet unter www.pflegebegleiter.de und unter www.caritas-frankfurt.de. (smüh.)

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