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Pfandsammler : 25 Cent Glück

Zwei Müllsäcke für den Pfandautomaten Bild: F.A.Z. - Zimmermann

Für Pfandsammler wie Boris und Michaela liegt das Geld auf der Straße. Plastikbehälter, Dosen, Glasflaschen - was andere wegwerfen, verschafft ihnen einen guten Zuverdienst.

          Zerbeult, klebrig und schmutzig liegt sie da. Seine Beute. Boris macht einen schnellen Schritt nach rechts, greift sie sich und läßt die goldfarbene Dose in den blauen Müllsack fallen. Boris ist Sammler. Pfandsammler. Und nicht der einzige in Frankfurt. Überall streifen Boris und seinesgleichen durch die Straßen, harken Glas und Blech aus Büschen, stochern in Containern und wühlen in Abfalleimern. Wie viele es sind, kann niemand sagen. Aber es gibt sie, die Pfandsammler. Manche sind obdachlos, viele ohne Arbeit, und alle haben sie zu wenig Geld.

          „Das liegt doch auf der Straße“, sagt Boris und bückt sich wieder. Er ist jung, gerade dreiundzwanzig Jahre. Dunkle Ringe quellen um seine Augen, seine Stimme ist zittrig. Der Mann mit dem schmächtigen Körper wirkt nicht nur äußerlich zerbrechlich. Früher hat er getrunken und irgendwann die Orientierung verloren. Vor zwei Jahren ist er in der Notunterkunft in Offenbach gestrandet, weil er seinen Job als Straßenbauer verlor und dann auch noch die Wohnung. Heute rührt er keinen Alkohol mehr an. Boris lebt in Offenbach auf rund 50 Quadratmetern, mit Kühlschrank, Fernseher und Michaela. Er nennt sie „mein großes Glück“. Und wenn er das sagt, zwischen tropfenden Flaschen und alten Dosen, dann lächelt die müde Frau an seiner Seite.

          Aus Weißblech Geld machen

          Seit Anfang 2003 muß man in Deutschland 25 Cent Pfand für jede Getränkedose zahlen. Die Idee des damaligen Umweltministers Jürgen Trittin hat aus bloßem Weißblech wertvolles Edelmetall gemacht. Für manchen jedenfalls. Aber die Industrie drohte zunächst am Pfand zu zerbrechen: Die Dosen wurden aus den Regalen geräumt, kaum einer griff noch nach ihnen. Statt dessen sollte der Kunde Plastikflaschen liebenlernen. Mit mäßigem Erfolg. Irgendwann stagnierte ihr Absatz besonders bei den Discountern. Die Dosen kamen zurück. Vor allem bei Musikkonzerten und Fußballspielen sind sie wieder im Einsatz.

          In der Notunterkunft haben sie sich kennengelernt: Boris und Michaela

          Und da sind dann auch Boris und die anderen. Joseph aus Griesheim etwa, der früher mal Devisenhändler war - bis sich seine Frau von ihm scheiden ließ, viel Geld bekam und Joseph seine Ordnung verlor. Jetzt lebt der Vierundsechzigjährige von 345 Euro monatlich, der Regelsatz nach Hartz IV. Oder Ali, der immer nur bei Heimspielen der Eintracht vor dem Stadion sammelt, weil er sich ein paar Euro dazuverdienen möchte, in der Woche aber als Fliesenleger arbeitet. Oder der junge Pole, der seinen Namen nicht nennen will und vornehmlich entlang der Zeil Dosen und Flaschen in Plastiktüten schmeißt, mit dem Fahrrad zum nächsten Supermarkt bringt und mal hier und mal dort schläft.

          Hätte Boris das Sammeln nicht, er wäre ohne Beschäftigung. Und Michaela hätte Probleme, ihre Medikamente zu bezahlen. Sie hat Diabetes und lebt vom Arbeitslosengeld - aber das reicht nicht. Seit ein paar Monaten gehen Boris und Michaela gemeinsam raus, stromern durch die Straßen, den Blick nach unten gerichtet. Sie schreiten durch ihre eigene Welt, von Mülltonne zu Mülltonne. Und kaum jemand interessiert sich dafür. „Wir brauchen das Geld“, sagt Michaela und haut mit der Faust auf den blauen Sack. Im vergangenen Jahr hat sie sich von ihrem Mann scheiden lassen. „Ich bring' dich um“, hatte er gedroht. „Und der meinte das auch so“, sagt die Dreiunddreißigjährige. Sie ist abgehauen, aus Berlin immer Richtung Süden. Zu Fuß. Zwei Monate ist sie unterwegs gewesen, hat gebettelt, ist immer weiter gegangen. Am 29. Juli 2005 lag sie in Offenbach am Straßenrand, die Füße blutig, voller Eiter. Es ging nicht mehr weiter. Das Ordnungsamt brachte sie in die Notunterkunft - und dort sah sie Boris, schaute ihm in die Augen und fühlte sich wieder geborgen. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt sie. Und das sagt auch Boris.

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