Von null auf hundert: Bei der Kommunalwahl im März zum ersten Mal in die Stadtverordnetenversammlung gelangt, wird Olaf Cunitz jetzt das Amt des Fraktionsvorsitzenden der Grünen wie auch das des Fraktionsgeschäftsführers übernehmen. Zumindest für Eingeweihte kommt dieser Aufstieg allerdings nicht unvermittelt, denn Cunitz ist seit Ende 2001 einer von zwei Vorstandssprechern, wie bei den Grünen die Parteivorsitzenden genannt werden. Seit dieser Zeit ist er in der Partei eine Art ruhender Pol, der einen Ausgleich findet, wenn sich bei den Grünen ein Sturm zu erheben droht.
Es zählt mit zu den Verdiensten des Historikers, daß die Basis ohne größeren Aufschrei zuerst Koalitionsverhandlungen mit der CDU zustimmte und dann auch noch mit großer Mehrheit den Koalitionsvertrag guthieß. Souverän hat er die Kreismitgliederversammlung, die damals im Saalbau Gutleut endgültig über das Bündnis mit der CDU zu entscheiden hatte, geleitet und dabei geschickt die auf Provokation bedachten Gegner eines Riederwaldtunnels von Bürgerinitiativen und Linkspartei ausgekontert. Jetzt muß er die Fraktion der Grünen zusammenhalten, eine nicht minder fordernde Aufgabe, denn die besteht nicht gerade aus „Ja“-Sagern, sondern hat einige durchaus störrische Köpfe.
„Ich schlüpfe in meine eigenen Schuhe“
Cunitz weiß, daß die Schuhe, die ihm sein Vorgänger Lutz Sikorski hinterläßt, groß sind. Nicht nur, daß der Mann, der morgen zum Verkehrsdezernenten gewählt werden soll, ob seiner langjährigen Erfahrung in der grünen Parlamentsgruppe unbestrittener Primus inter pares war, Sikorski glänzte auch immer wieder als Debattenredner in der Stadtverordnetenversammlung. „Wer sich an ihm als Redner mißt, der hat schon verloren“, stellt Cunitz fest. So hat er sich denn vorgenommen, nicht Sikorski nachzuahmen, sondern seinen eigenen Führungs- und Redestil zu finden: „Ich schlüpfe in meine eigenen Schuhe.“
Eine seiner Stärken dürfte seine ruhige, sachliche Art sein. Cunitz ist alles andere als ein Polterer, dem schnell die Gäule durchgehen, er zeigt sich eher zurückhaltend, abwägend, auf Ausgleich bedacht. Zudem verfügt er über eine gewisse Ausdauer: Was er angefangen hat, führt er weiter, auch wenn sich nicht sofort der Erfolg einstellt. Alles andere als ein in jeder Situation gewiefter Taktiker, setzt Cunitz in der Regel auf einen ehrlichen Umgang mit Freund und Feind.
Auch wenn er erst ein Vierteljahr dem Stadtparlament angehört, ist ihm die Römerpolitik bis in die Details vertraut, schließlich hat er seit fünf Jahren an jeder Fraktionssitzung der Grünen und an jeder Fraktionsklausur teilgenommen. Cunitz kennt alle wichtigen Akteure im Rathaus, die neuen Partner von der CDU konnte er bei den Koalitionsverhandlungen besonders gut studieren. Wie man die Positionen der Grünen nach außen vertritt - eine seiner wichtigsten Pflichten als Fraktionschef - , hat er in diversen Wahlkämpfen gelernt. Künftig muß er sie allerdings im direkten Wortduell mit dem SPD-Kollegen Klaus Oesterling und den anderen Fraktionschefs begründen und verteidigen.
Blitzkarriere bei den Grünen
Obwohl in Frankfurt geboren, fehlt dem Achtunddreißigjährigen jeglicher Ebbelwei-Touch. In seiner Sprache findet sich keinerlei Dialektfärbung, was natürlich auch daher rührt, daß seine Eltern nicht vom Main stammen, sondern als Vertriebene nach Frankfurt kamen. Dennoch ist er der Stadt eng verbunden, schließlich hat Cunitz sein ganzes Leben hier verbracht: Abitur am Bettina-Gymnasium, Geschichtsstudium an der Goethe-Universität, Marktforscher bei einem in Frankfurt ansässigen amerikanischen Unternehmen. Dort hat er, der bisher ledig geblieben ist, gelernt, daß man Erfolg haben muß, will man seinen Job behalten.
Lange hat Cunitz hin- und herüberlegt, ob er ganz in die Politik wechseln soll. Das Ehrenamt des Fraktionsvorsitzenden und die Anstellung als Fraktionsgeschäftsführer hat er nicht zielgerichtet angestrebt, sie wurden ihm angetragen, wie ihm alle früheren Ämter in der Partei angetragen worden sind: Schon ein dreiviertel Jahr nach seinem Eintritt bei den Grünen im Jahr 1999 wurde er gefragt, ob er nicht für das Amt eines Beisitzers im Vorstand kandidieren wolle. Aktive Mitglieder können bei den Grünen eine Blitzkarriere machen - natürlich nur, wenn sie gewisse Qualitäten besitzen.

