08.11.2005 · Karsten Aichholz hat einen großen Mund, dessen Winkel er gerne ziemlich weit nach oben zieht. Dann sieht man seine Zähne. Eigentlich war das noch nie ein Problem für ihn. Doch seit Dienstag, seit Aichholz ...
Karsten Aichholz hat einen großen Mund, dessen Winkel er gerne ziemlich weit nach oben zieht. Dann sieht man seine Zähne. Eigentlich war das noch nie ein Problem für ihn. Doch seit Dienstag, seit Aichholz einen neuen Paß für die Geschäftsreise nach Thailand beantragen wollte, weiß er, daß ein Grinsen auch zu breit sein kann.
Mittags steht der 23 Jahre alte Mann im Bürgeramt an der Zeil - und muß schon wieder grinsen. Aichholz amüsiert sich über die neuen Regeln, die seit dem 1. November für ein Foto im Reisepaß gelten: Der Kopf muß gerade sein und genau in der Mitte, das Gesicht muß gleichmäßig ausgeleuchtet sein und der Hintergrund neutral, der Blick muß direkt in die Kamera gerichtet und die Hauttöne müssen "natürlich wiedergegeben" werden. Bei Aichholz paßte alles - nur die Zähne, die hätte er nicht zeigen dürfen.
Die Mitarbeiter im Bürgeramt bemängeln viele Fotos in diesen Tagen. Mehr als die Hälfte aller Bilder seit dem 1. November hätten nicht den neuen biometrischen Vorgaben entsprochen, sagt der Leiter des Bürgeramts, Rainer Orell. Mehr als 300 Antragsteller habe man wegschicken müssen, um neue Fotos zu machen. Hauptgrund für die Fehlerquote sei, daß viele noch nichts von den Regeln wüßten, die für neu beantragte Pässe gelten. Statt dessen bringen sie Aufnahmen mit, bei denen es noch hieß: schräg hinsetzen und bitte recht freundlich.
Bei Paskalj Sladjana liegt der Fall anders. Die Frau war extra zu einem Fotografen gegangen, um die richtigen Bilder für ihren neuen Paß zu bekommen: Sladjana will in den nächsten Wochen in die Vereinigten Staaten reisen. Um so erstaunter war sie, als ihr schon die Dame an der Infotheke die Fotos zurückgab, mit den Worten: "Ihr Kopf ist zu klein." Das war Sladjana neu. Sie reklamierte die Bilder, der Fotograf machte neue. Jetzt ist der Kopf groß genug.
Uta Gebhardt prüft im Bürgeramt als erste, ob die Fotos in Ordnung sind. Dafür nimmt sie eine Plastikschablone, legt die linke obere Bildecke an einen blauen Pfeil der Schablone. Paßt das Gesicht zwischen die 32 oder 36 Millimeter, die erlaubt sind, liegt die Nase auf der gestrichelten Mittellinie und blicken die Augen zwischen zwei Querstrichen hindurch, dann sieht's gut aus für den neuen Paß. Wenn nicht, dann schickt Gebhardt die Leute entweder zum Fotografen oder zum Automaten in der Ecke.
Der steht kaum fünf Meter entfernt im Foyer des Bürgeramts. Ein Schild weist auf all die Fehler hin, die der Posierende machen kann. Der Kopf gehört in ein rotes Oval auf dem Monitor. Weil aber der Stuhl nur in der Höhe verstellbar ist und manche Menschen einfach einen großen Schädel haben, produziert der Automat manchmal Aufnahmen, die kein Paßamt in Deutschland annehmen darf. Der Betreiber, die Firma Fotofix aus Braunschweig, weiß um die Misere und verspricht Besserung. In dieser oder in der nächsten Woche wolle man das Gerät umrüsten. "Dann kann man mit den Tasten auch den Kopf an das Oval anpassen", sagt ein Sprecher. Noch toller werde es spätestens im Juni nächsten Jahres. Dann werde sein Unternehmen eine Software anbieten, die nachträglich jeden Kopf an das Oval anpaßt. Über Schädelgrößen muß sich dann keiner mehr sorgen.
Über das Grinsen aber schon: Ist es nämlich zu breit, verzerrt es die Gesichtszüge. Und die werden in naher Zukunft an den Flughäfen aufgezeichnet und per Computer in ihre Einzelteile zerlegt. Unverwechselbare Merkmale wie zum Beispiel der Augenabstand werden dann mit dem Augenabstand im Reisepaß abgeglichen. Stimmen die Werte nicht überein, gerät der Reisende in Erklärungsnot.
Karsten Aichholz hat gestern noch eine Weile diskutiert - erst mit dem Sachbearbeiter, dann mit dem Vorgesetzten. Schließlich nahmen die sein Foto doch und schickten es an die Bundesdruckerei. Nicht ohne sich abzusichern. Aichholz mußte unterschreiben, daß er selbst haftet, wenn er Schwierigkeiten bei der Einreise bekommt. Weil er so ein fröhlicher Mensch ist. TOBIAS RÖSMANN