22.07.2004 · Auch als Animationsmodell ist der Tyrannosaurus Rex ein Gruselmonster. Schon wegen seiner Killerzähne, die er noch bis zum 3.September im Palmenhaus bleckt. Aber nicht alle "schrecklichen Echsen", wie Dinosaurier auf gut deutsch heißen, trugen solche geriffelten Steakmesser in ihren Kiefern.
Auch als Animationsmodell ist der Tyrannosaurus Rex ein Gruselmonster. Schon wegen seiner Killerzähne, die er noch bis zum 3.September im Palmenhaus bleckt. Aber nicht alle "schrecklichen Echsen", wie Dinosaurier auf gut deutsch heißen, trugen solche geriffelten Steakmesser in ihren Kiefern. Die meisten fraßen kein Fleisch, sondern rupften Farne, zupften Buchs oder mampften auf harten Koniferen, wobei ihnen die Magensteine in ihrem Verdauungstrakt behilflich waren. Deshalb lohnt es sich, in der Saurierausstellung des Frankfurter Palmengartens auch einen Blick auf die lebenden Pflanzen zu werfen, die den spektakulären T.Rex nicht nur als Zierde umgeben, und auf die eher unscheinbaren Pflanzen-Fossilien, mit der sich das Senckenbergmuseum an der Schau über "Das große Fressen" beteiligt.
Was die Dinos tatsächlich gefressen haben, sei schwer zu rekonstruieren, weil es nur einen einzigen entsprechenden Fund gebe, erläutert Volker Wilde, der als Geologe und Paläobotaniker am Senckenbergmuseum arbeitet. Im Magen eines Entenschnabelsauriers wurden Reste von Koniferen gefunden. Vielleicht habe die Echse aber auch weicheres Pflanzenmaterial gefressen, das sich nur nicht erhalten habe wie die robusten Blätter der Nadelbäume, gibt der Wissenschaftler zu bedenken. Ganze "Farnsteppen" sollen die Dinos damals beweidet haben, nachhaltig sogar wie die Bisons die nordamerikanischen Prärien. Aber welche Echse an welchen Bäumen nagte, läßt sich kaum nachweisen, weil sich auch in den versteinerten Kothaufen, den Koprolithen, meist nur einzelne Blätter, Äste und Samen finden.
Jedenfalls haben die gefräßigen Riesen-Reptilien die Landschaft des Erdmittelalters oder Mesozoikums, die sich über den geologischen Schichten von Trias und Jura vor allem in der Kreide nachweisen läßt, gründlich mitgestaltet. Gräser gab es vor 65 Millionen Jahren noch nicht, als die Saurier ausstarben. Die Karbonwälder mit ihren gigantischen Baumfarnen, Schachtelhalmen und Bärlappgewächsen waren größtenteils abgestorben und gingen ihrer Verkohlung entgegen. Aber einige dieser Sporenpflanzen hatten sämtliche "Klimakatastrophen" der Kontinentaldrift bis in die frühe Kreide vor 144 Millionen Jahren überlebt. Manche sogar bis heute, wie die Bestände des Tropicariums beweisen, aus denen der Palmengarten einige Exemplare in die Ausstellung umgesiedelt hat.
Neben diesen urtümlichen Pflanzen, die sich noch heute hochkompliziert über ihre Sporen fortpflanzen, hatten sich schon im frühen Mesophytikum, wie Botaniker lieber sagen, die ersten Samenpflanzen entwickelt: primitive Koniferen, Vorläufer unserer Nadelbäume, die ihre Samen noch nicht in einem Fruchtblatt verschlossen und deshalb von den Experten als Nacktsamer oder Gymnospermen bezeichnet werden. Dazu gehören außer den Araukarien, Kiefern und Zypressen auch die ausgestorbenen Bennettiteen und die ihnen so ähnlichen Palmfarne, die unter der Bezeichnung Cycadeen noch heute im Regenwald wachsen, überdies Ginkgos, die in den chinesischen und japanischen Tempelkulturen gepflegt wurden und sich heute als Park- und Straßenbäume vorzüglich behaupten. Ginkgobäume sind auch im Freiland des Palmengartens zu besichtigen, Palmfarne im Regenwaldhaus, Baumfarne und Araukarien im Nebelwaldhaus. Aber mindestens eine Araukarie haben die Gärtner jetzt in die Ausstellung umgesetzt, wo man rätseln darf, ob diese Bäume wohl ihre spitzen Nadeln ausgebildet haben, um sich gegen Dino-Fraß zu wehren. Volker Wilde bezweifelt das, denn Araukarien habe es schon vor den Sauriern gegeben. An die Theorie der Bildung von Harzen als Abwehrstoffe glaubt er ebensowenig: "Auch diese sind älter als die großen Echsen." Dafür entdeckt er zwischen den Farnen den versteinerten Überrest einer Bennettitee aus dem Bestand des Senckenbergmuseums und geht nun ins paläobotanische Detail.
In dieser graubraunen Kugel, die einmal ein Baumstupf war, sind noch die Zipfel einstmals eingesenkter Blüten zu erkennen. Käfer haben sich in sie hineingefressen, was der Bestäubung zugute kam. Prachtvolle Schaublüten wie die der ebenfalls urtümlichen Magnolien müssen das gewesen sein, und dennoch rubrizieren die Botaniker die Bennettiteen unter die Nacktsamer, weil es eine winzige Öffnung von der Samenanlage nach draußen gab. Kieselsäure hat diesen Stumpf so imprägniert, daß sich das Zellgerüst erhalten hat und das Gewebe sich noch heute studieren läßt. Die Zellwände auf der Blattoberseite der Bennettiteen sind gewellt, und die Spaltöffnung auf der Unterseite ist nur von zwei Zellen umgeben. So ließ sich unter dem Mikroskop nachweisen, daß Bennettiteen und Cycadeen gar nicht so nahe miteinander verwandt sind wie man wegen der morphologischen Ähnlichkeit ihrer Blätter geglaubt hatte.
Die Gestalt einer Pflanze kann also täuschen, wie man auch am nacktsamigen Gnetum sehen kann, dessen Blätter dem Kaffeestrauch zum Verwechseln ähneln. Dabei gehört letzterer zu den Bedecktsamern oder Angiospermen, die ihre Samenanlagen in ein schützendes Fruchtblatt einhüllen. Diese Blütenpflanzen im engeren Sinne, die uns heute allenthalben umgeben, kamen erst in der mittleren Kreidezeit auf und entwickelten sich "explosionsartig" im Laufe von 20 Millionen Jahren, weil sie sich dank Tierbestäubung rascher vermehren konnten als die windbestäubten Koniferen und andere Nacktsamer. Dennoch hält Wilde die Nadelhölzer keineswegs für ein Auslaufmodell wie manche seiner Kollegen. "Sie werden nicht weiter verdrängt, sondern haben ihre Nische in den kühl gemäßigten Breiten gefunden", ist er sich sicher.
Eine der ältesten, zumindest aber die am besten erforschte bedecktsamige Blütenpflanze der frühen Kreide ist der Archaefructus, der sich mittels einer Eisenverbindung im Gestein der chinesischen Provinz Liaoning erhalten hat und jetzt die Saurier-Schau hinter Glas ziert: ein unscheinbares Kleinod aus filigranem Stengel, Fruchtblättern, Samenresten und zerschlitzten Blättern wie beim Wasserhahnenfuß. Nicht weit von den anderen Vitrinen mit ihren versteinerten Fundstücken aus Argentinien, Brasilien, England und aus der Sandsteingegend um Quedlinburg knabbert eine künstliche Echse an einem Philodendron. Wie die Schefflera und das Fensterblatt gehört er zu den Aronstabgewächsen, die sich ebenfalls in der Kreide entwickelt haben und noch heute als Zimmerpflanzen überdauern. Giftig sind sie alle. Ob das den hungrigen Dinos zu verdanken ist, weiß niemand.
CLAUDIA SCHÜLKE
(Die Ausstellung in der Galerie des Palmenhauses ist bis 3.September täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet.)