17.08.2010 · Mehr als ein Jahr nach der Fertigstellung steht ein Großteil der Bauten im Palais Quartier immer noch leer. Warum nur? Und sind die Hochhäuser an der Hauptwache eigentlich schön?
Von Rainer Schulze, Frankfurt„K. Mustermann“ arbeitet nicht im Büroturm des Palais Quartiers. Auf dem Klingelschild prangt der Name nur als Platzhalter, durch die staubigen Scheiben der verriegelten Drehtür geht der Blick in eine verwaiste Lobby. Auch wenn abends in einigen Stockwerken hoch über der Innenstadt die Fenstern erleuchtet sind, so gaukelt dies nur Arbeitseifer vor. Die Etagen dahinter sind leer.
Mehr als ein Jahr nach der Fertigstellung steht das 136 Meter hohe Bürohochhaus immer noch leer. Auch der Bezug des vierzig Meter kürzeren Hotelturms nebenan verzögert sich abermals. Das Luxushotel, mit dem die arabische Hotelgruppe „Jumeirah“ einen Hauch von Dubai an den Main bringen will, werde erst im Frühjahr einziehen, sagt eine Sprecherin des Bauherrn MAB. Für das verkürzt rekonstruierte Thurn-und-Taxis-Palais, das vor den steil aufragenden Hochhäusern wie ein Puppenschloss aus rosa Plastik wirkt, wird schon längst kein Eröffnungstermin mehr genannt. Nur das Einkaufszentrum „My Zeil“, dessen biomorphe Glasfassade der italienische Stararchitekt Massimiliano Fuksas erdacht hat, bringt dem Bauherrn und Eigentümer des Palais Quartiers den erwünschten Umsatz.
Paradoxerweise ist die Lage im Herzen der Stadt ein Nachteil
Warum steht an so exponierter Stelle mitten in der Stadt ein bezugsfertiger Gebäudekomplex mit modernen Büro- und Geschäftsräumen weitgehend leer? Immobilienmakler begründen dies mit dem ambitionierten Mietpreis. Damit sich der Bau eines neuen Büroturms auszahlt, muss der Bauherr eine Miete von mehr als 30 Euro erzielen. Vielleicht ist es dem Eigentümer ein gewisser Trost, dass es nicht nur der Turm im Palais Quartier schwer hat angesichts der gegenwärtigen Lage auf dem Büromarkt. „Das ist kein Defizit des Gebäudes. In dem Preissegment ist zuletzt insgesamt sehr wenig vermietet worden“, sagt Marcus Mornhart, Leiter der Bürovermietungsabteilung bei Jones Lang LaSalle.
Paradoxerweise ist die Lage im Herzen der Stadt ein Nachteil. Denn der Büroturm im Palais Quartier liegt potentiellen Mietern viel zu zentral. Banker und Anwälte sitzen nicht gern an der Zeil – obwohl man dort in der Mittagspause prima einkaufen könnte. Der Opernplatz ist in Frankfurt die erste Adresse. Wer etwas auf sich hält, bezieht dort sein Büro. Er liegt zwar nur einen Katzensprung entfernt, aber die 300 Meter trennen zwei Welten, immobilienwirtschaftlich gesehen.
Atemberaubende Perspektiven
Und die Architektur? Der Erfolg gibt uns recht, könnte Jürgen Engel sagen, Eigentümer des Büros KSP Jürgen Engel Architekten. Die beiden Türme sind als eines von 28 Hochhausprojekten für den Internationalen Hochhaus-Preis nominiert. Und im Rennen um die begehrten „Best Tall Building Awards 2010“ schaffte es KSP mit den Türmen des Palais Quartiers als einziges deutsches Architekturbüro immerhin unter die Finalisten.
Keine Frage: Die beiden Türme geizen nicht mit atemberaubenden Perspektiven. Dennoch gilt auch hier: schön ist relativ. Ob sie imposant oder ignorant wirken, hängt wesentlich von der Blickrichtung ab. Das Gebäude ist mehr noch als andere ein wahres Chamäleon.
Die Türme haben sich zu einer städtebaulichen Dominante entwickelt
Blickt der Betrachter von der Eschersheimer Landstraße in Richtung Süden, so steht der Eschenheimer Turm wie ein Winzling vor dem ihn um vier Längen überragenden, gleichwohl schlanken Aluminium-Glas-Gewitter. Das empfinden manche Kritiker als respektlos gegenüber der historischen Bebauung. Aber andererseits hat genau diese Kulisse der Kontraste auch ihren eigenen Reiz. Ganz ähnlich hat der Kontrast zwischen dem wiederaufgebauten Literaturhaus und dem dahinterliegenden Turm des Schwesternwohnheims am Mainufer viele Freunde. „Das ist Frankfurt“, sagen sie, alt und neu treten in einen Widerstreit. Steht man näher am Büroturm und hebt den Blick, schwebt das Gebäude leichtfüßig über dem benachbarten Einkaufszentrum. Wie ein Rucksack kragt der Turm über dem Glasdach des „My Zeil“ aus. Nähert sich der Passant hingegen vom Römer dem Palais Quartier, so läuft er auf einen schweren Brocken zu. Der Blick geht auf ein Gebirge aus Aluminium, das massiv und abweisend wirkt.
Dieses abwechslungsreiche Spiel mit der Wahrnehmung folgt aus dem Bauprinzip. Anders als bei der klassischen Hochhaus-Bauweise von Sockel, Schaft und Kapitell folgen die Türme des Palais Quartiers der Idee einer vierfachen, rhombischen Faltung. Das Gebäude neigt sich zunächst um drei Grad nach vorne, geht dann wieder in die Rücklage, bis sich das ganze Spiel noch einmal wiederholt. Die Hochhäuser sind ein Gegenentwurf zum Opernturm. Während sich der markante Vierkant mit Natursteinfassade und klar ausgeprägter Gliederung in Sockel, Schaft und Kapitell präsentiert, erinnern Engels funkelnde Türme an eine Skulptur. Die Fassade aus versetzt angeordneten, glänzenden Aluminiumblechen und Glas verleiht ihnen von Weitem einen aseptischen, alterslosen Eindruck – als seien sie nur eine Simulation.
Rechtfertigen die Türme also die Fehlentscheidung, nach dem Abriss des Fernmeldeturms eine für die kleine Fläche viel zu große Baumasse zu genehmigen? Die Türme haben sich zu einer städtebaulichen Dominante entwickelt. Sie sind eine Ausnahme vom Gesetz der Pulkbildung, das der Hochhausplanung in Frankfurt zugrundeliegt – aber eine sehenswerte.
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