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Osteuropäische Banden Der Weg der demütigen Bettler

08.10.2007 ·  Sie täuschen Behinderungen vor oder betteln mit Kind: Osteuropäische Banden sind skrupellos, wenn es ums Geld geht. Dabei sind die Bettler selbst Opfer - in einem skrupellosen System.

Von Katharina Iskandar
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Am Morgen, als die Glocke der Katharinenkirche sieben schlägt, sind sie da. Ein Mann mit Hut, der auf einem Dreibein sitzt, und zwei alte Frauen, später kommen jüngere mit Kindern auf dem Arm hinzu. Sie versammeln sich auf den Treppen, dort, wo es zur B-Ebene hinuntergeht, breiten Decken und flachgelegte Pappkartons aus. Ihre Kinderwagen stellen sie hinter einer Brezelbude ab. Zwei Stunden sitzen sie dort auf der Treppe, rauchen, schweigen, wühlen in ihren Tüten. Als die ersten Geschäfte öffnen, brechen sie auf. Sie laufen von der Hauptwache aus über die Zeil bis zur Konstablerwache und wieder zurück, dann ins Bahnhofsviertel oder die Neue Kräme hinunter bis zum Main. Sie knien nieder, jeder an einem anderen Ort, den Kopf demütig auf den Asphalt gelegt.

Unter ihnen ist auch Sofia (alle Namen geändert), rumänische Staatsangehörige, 18 Jahre alt. Sie sitzt vor einem Sexshop an der Kaiserstraße gegen einen schmutzigen Stromkasten gelehnt. Ihre schwarzen Pantoffeln sind mindestens zwei Nummern zu groß. „Bitte, ich brauche das Geld. Für Nahrung, Windeln, Doktor“, ruft sie und zeigt auf das Kind auf ihrem Schoß. Ein etwa drei Jahre alter Junge, schlafend in eine Decke gehüllt. Zwanzig Euro hat Sofia eingenommen. Zwanzig Euro in drei Stunden - für sie ein Durchschnittsverdienst. Dass ihr am Ende des Tages nichts von dem Geld bleiben wird, darüber schweigt sie. Vielleicht, weil drei Meter weiter ein Mann in einem schlecht sitzenden Anzug an einem Laternenpfahl lehnt, der jedes ihrer Worte belauscht.

An der Grenze des Menschenhandels

Frauen wie Sofia, so vermutet das Ordnungsamt, sind nicht freiwillig hier. Ermittlungen in anderen Großstädten wie Köln oder München, die schon seit Jahren gegen rumänische Bettlerbanden vorgehen, haben gezeigt, dass es organisierte Strukturen gibt. Die Bettler würden mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt. Nun müssten sie durch Bettelei an Geld kommen, zwischen 80 und 100 Euro am Tag - egal wie. Die Kölner Polizei spricht von „starken Hierarchien“, die vom einfachen Bettler über Zwischenmänner bis hin zu den Drahtziehern reichen und „die sich strafrechtlich an der Grenze des Menschenhandels bewegen“.

Erst vor kurzem haben die Ermittler das System bis nach Rumänien zurückverfolgt und mit Hilfe des rumänischen Generalkonsulats die Hintermänner dingfest gemacht. Ähnliche Strukturen vermutet man auch in Frankfurt, wie Matthias Heinrich, Leiter der Stadtpolizei, sagt. Es gebe die gleichen Anzeichen: das Ansprechen von Passanten, das Vortäuschen von Behinderungen oder das Betteln mit Kind. Diese Strukturen aufzubrechen sei jedoch sehr schwer. Die Banden seien gut organisiert und äußerst vorsichtig. „Wir brauchen Beweise. Und die zu bekommen, ist nicht einfach.“

Die Methoden der Banden sind fast täglich an der Hauptwache zu beobachten: Die Bettler werden morgens mit einem Bus oder mehreren Kleinwagen dorthin gefahren, von dort aus teilen sie sich auf. Die Kinder - nie älter als drei Jahre alt - werden im Laufe des Tages unter den Frauen getauscht. Sofia beteuert, dass der Junge, den sie an diesem Nachmittag durchs Bahnhofsviertel trägt, ihr eigenes Kind sei. Sie drückt den Jungen an sich und zeigt einen Eintrag in ihrem Pass. Wenig später sieht man das Kind auf dem Arm einer anderen Bettlerin. Ihren Pässen nach zu urteilen - laut Angaben des Ordnungsamts sind die Dokumente echt -, sind sie alle miteinander verwandt oder kommen zumindest aus dem gleichen Ort. Das Dorf heißt Sibin, es liegt bei Rosiorii de Vede, einer Stadt mit 28.600 Einwohnern. Dass dort auch die Drahtzieher sitzen, bezweifelt das Ordnungsamt.

Münzen im Wert von hundert Euro

Zum Clan gehört auch Aurica. Sie sieht aus wie zwölf, ist aber 22 Jahre alt. Sie spricht auf der Zeil Passanten an, hält sie an der Jacke fest. Weil die Menschen glauben, Aurica sei ein Kind, geben sie ihr Geld. Mit dieser Masche ist Aurica inzwischen eine der am besten verdienenden Bettlerinnen auf der Zeil. Dort unterwegs ist auch ein älterer Mann, der stark zitternd auf einen Krückstock gebeugt durch die Innenstadt läuft. Er jammert, winselt, klagt. Die Menschen haben Mitleid, stecken ihm Münzen zu. Als der Mann später an der Hauptwache auf die anderen Bettler trifft, legt er den Stock beiseite und richtet sich auf.

An der Kaiserstraße sind mittlerweile viele Passanten skeptisch geworden. Als Sofia über die Straße läuft, wird sie von einem Mann beschimpft. „Warum gehst du nicht zurück in dein Land?“, ruft er. „Du hast hier nichts zu suchen.“ Auch die Obdachlosen wollen die Rumänen nicht mehr in der Stadt. Ihrer Ansicht nach wandert das Geld, das doch eigentlich ihnen zustehe, immer öfter „in die falschen Hände“. „Lange dauert es nicht mehr, dann gibt es einen Krieg unter den Bettlern auf der Zeil“, sagt einer, der sich zudem über Diebstahl in den eigenen Reihen beklagt. Vor einigen Wochen seien die Schuhe eines Freundes gestohlen worden. Es seien die Rumänen gewesen, sagt der Mann. „Sie müssen gekommen sein, als er schlief. Am nächsten Tag trugen sie seine Schuhe.“

Auch die Polizei vermutet, dass Bettelei nicht die einzige Einnahmequelle der Bande ist. Erst vor zwei Wochen haben Zivilbeamte drei Rumänen festgenommen, die offenbar zu der Gruppe gehören, die sich täglich an der Hauptwache trifft. Sie haben auf dem Flohmarkt Kleidung und später an einer Bäckerei Getränke geklaut. Womöglich dieselben Männer haben vor kurzem der Besitzerin eines Imbissstands auf der Zeil Mobiltelefone angeboten. Zwanzig Euro wollten sie für ein Gerät. Die Budenbesitzerin hat sie weggeschickt. Seitdem kommen die Männer nur noch, um Geld zu wechseln. Münzen im Wert von manchmal fünfzig, manchmal hundert Euro wollen sie umtauschen, am liebsten in große Scheine.

Jeden Tag ein anderer Zettel

So ist es auch an diesem Abend. Der Mann mit Hut und Dreibein sammelt das Geld ein, er ist das Oberhaupt des Clans. Er zählt die Einnahmen, steckt die Scheine in einen Beutel. Die übriggebliebenen Münzen gibt er einer älteren Frau, die nun um den Obststand an der Hauptwache herumschleicht und sich heimlich Äpfel, Birnen und Trauben in die Jackentasche steckt. Sie ist etwa 40, Sofia und die anderen haben Respekt vor ihr.

Es ist dieselbe Frau, die den Passanten auf der Zeil wahllos Zettel hinhält, auf denen an einem Tag noch geschrieben steht, sie benötige dringend Geld für den Zug, am anderen Tag braucht sie es angeblich für eine Herzoperation. Heute hat sie keinen Zettel dabei, die jungen Frauen waren fleißig. Nicht immer bekommen sie genug zusammen. Eine der Frauen hatte vor einigen Tagen zu wenig abgeliefert. Zuerst hat der Mann mit Hut geschrien. Dann hat er die Frau geschlagen. Mitten auf der Hauptwache. Ins Gesicht.

Abends, als die Glocke neun schlägt, brechen sie wieder auf. Sie laufen die Neue Kräme hinunter, biegen links in eine Seitenstraße ein. Dort steht ein roter Peugeot, älteres Baujahr, mit Frankfurter Nummernschild. Fünf Personen plus Kinder quetschen sich in den Wagen. Dann fährt das Auto davon. Am nächsten Morgen werden sich die Bettler wieder an der Hauptwache versammeln. Wieder werden sie ihre Kinder mitschleppen, auf den Krückstock gestützt über die Zeil ziehen und behaupten, sie bräuchten das Geld für den Arzt. Dann werden am Ende des Tages die Scheine gezählt. Und den Bettlern bleibt nichts.

Quelle: F.A.Z., 05.10.2007, Nr. 231 / Seite 61
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