25.03.2005 · Geschwungene Linien, vorwiegend freundliche Farbtöne - das Bild "Das Lamm" hat etwas Leichtes. Wären da nicht das rote Kreuz auf dem Kopf des Tieres und der dicke Blutstropfen, der aus seiner Wange quillt.
Geschwungene Linien, vorwiegend freundliche Farbtöne - das Bild "Das Lamm" hat etwas Leichtes. Wären da nicht das rote Kreuz auf dem Kopf des Tieres und der dicke Blutstropfen, der aus seiner Wange quillt. Paul Klee fügt Kreuz und Blut nicht in das Linien- und Farbschema ein, das das Bild ansonsten beherrscht. Wie Fremdkörper wirken sie geradezu und geben dem 1920 entstandenen Kunstwerk seine religiöse Konnotation: Denn gemeint ist nicht irgendein Lamm, sondern das "Lamm Gottes" - Jesus Christus.
Ihren Ursprung hat diese Symbolik im letzten Buch der Bibel, der "Offenbarung" oder "Apokalypse". Dort schildert der Seher Johannes himmlische Visionen, zu der auch die vom Lamm gehört, "das geschlachtet wurde, Macht zu empfangen, Reichtum und Weisheit, Kraft und Ehre, Herrlichkeit und Lob".
Vielschichtig ist das Bild vom Opferlamm, wie der evangelische Museumspfarrer Andreas Hoffmann und Rektor Stefan Scholz, Priester am Dom, wissen. Unter dem Motto "Kunst und Religion" führen sie abwechselnd Menschen zu Kunstwerken im Städel und im Liebieghaus. Zu Klees "Das Lamm" im Städel hat Hoffmann erst kürzlich Erläuterungen gegeben. Dargestellt habe Klee dort das österliche Lamm der biblischen Vision, den Auferstandenen, sagt der evangelische Pfarrer.
"Das Lamm war eines der bevorzugtesten Opfertiere im Alten Orient", sagt Hoffmann. Er erinnert an die Geschichte im Alten Testament, der zufolge die Israeliten Lämmer schlachteten, kurz bevor sie aus Ägypten zogen, die Sklaverei hinter sich ließen. Gott tötete in jener Nacht die Erstgeborenen, so erzählt die Bibel. Diejenigen, deren Häuser mit dem Blut der Lämmer gezeichnet waren, aber wurden dank des "Vorübergangs" Gottes (Pascha, sprich Pas-cha) verschont. "Wie das Pascha-Lamm die Israeliten in Ägypten verschont hat, löst Christus, das neue Pascha-Lamm, die Menschheit aus, erlöst sie", beschreibt Hoffmann den Kerngdanken des Opfermotivs, das auch in Klees Bild zum Ausdruck kommt. Eine "gewaltige Herausforderung" nennt Scholz diesen Gedanken. "Der, der wahrer Mensch und wahrer Gott ist, hat am Kreuz die Gottesferne erlitten." Erlöst sei der Mensch, weil dessen Natur "durch die Auferstehung Jesu im Innersten des dreifaltigen Gottes präsent ist". So sei es im Glauben möglich, auch Situationen absoluter Sinnlosigkeit einen Sinn beizumessen. Das Kreuz helfe aber nicht dabei oder bei der Bewältigung des Todes. "Es gibt den Entrechteten ein Bild der Würde", sagt Scholz. "Gott befreit den Menschen", faßt Hoffmann die Botschaft von Kreuz und Auferstehung zusammen. "Auch vom Tod, der mitten im Leben da ist."
Es ist das kontrastreiche Miteinander von Leben und Tod, der auch Klees Bild prägt. "Ohne das Kreuz und den Blutstropfen wäre die Darstellung belanglos", sagt Scholz. Beide Geistliche verbinden damit eine Kritik kirchlicher Verkündigung mit einem "allzu lieblichen"Gottesbild. "Wir sind manchmal zu freundlich, zu kundenorientiert, zu lammfromm", meint Hoffmann. Und Scholz ergänzt: "Gott nötigt uns Menschen zur Selbsterkenntnis, und der Ernst dieser auch schmerzhaften Auseinandersetzung wird nicht selten verschwiegen."
Hier verankert Scholz auch die mit dem Bild vom Opferlamm vebundene theologische Aussage von der Sündenvergebung. "Versteht man unter ,Sünde' einmal nicht Einzelsünden, sondern die Entfremdung des Menschen, ist Sünde sehr vielfältig vorhanden - nur wird sie nicht als solche gedeutet." Hoffmann beschreibt das Phänomen ganz ähnlich: Auch wenn die Rechtfertigungslehre vielen Menschen fremd geworden sei, fragten sie doch, wie sie mit sich ins Reine kommen, wie sie zufrieden werden könnten.
Dieser Prozeß verlange dem Menschen jedenfalls einiges ab, sagt Scholz. Und beide Geistliche warnen davor, das Bild vom Lamm mißzuverstehen. "Jesus selbst war auch nicht überall lieb' Kind, kein sanftes Lämmchen." Einen Weg zu gehen, wie er ihn bis zum Tod gegangen sei, könne man sich nur trauen, wenn man ein starkes Rückgrat habe. "Man muß sich nur einmal die Szene vor Augen halten, wie Jesus die Händler aus dem Tempel vetrieben hat", hebt Hoffmann hervor. "Christus hat andere bis aufs Blut gereizt und wurde auch aus politisch-religiösen Interessen heraus zum Opfer gemacht, weil er im Weg stand", so Scholz.
Die Konsequenz von Ostern und aus dem Opfer Jesu Christi kann für Hoffmann nur so lauten: sich für andere einzusetzen und dabei bereit sein, Nachteile in Kauf zu nehmen. "Um es praktisch zu machen: Das kann etwa bedeuten, einem Mobbingopfer im Betrieb zu helfen und dabei die Auseinandersetzung mit Kollegen und Vorgesetzten nicht zu scheuen."
Und er warnt angesichts gegenwärtiger Entwicklungen, in denen allenthalben Verzicht erwartet wird - beispielsweise beim Kündigungsschutz -, die Menschlichkeit in einer Gesellschaft nicht zu opfern. Scholz bringt die Folgen der an Ostern deutlich gewordenen, radikalen Würdigung des Menschen durch Gott auf diesen einfachen Satz: "Wir schulden uns, einander menschlich zu begegnen." STEFAN TOEPFER
Die nächste Führung von "Kunst und Religion" findet am Ostermontag um 15 Uhr im Städel statt. Stefan Scholz spricht unter der Überschrift "Der unsichtbare Dritte" über "Christus mit den Jüngern in Emmaus" von Fritz von Uhde.